Dokumentarfilm | Deutschland/Schweiz/Georgien 2015-2017 | 87 Minuten

Regie: Sebastian Winkels

In acht Ländern beobachtet der konzeptuelle Dokumentarfilm Gespräche zwischen Banken und ihren Kunden, in denen es um das Leihen und Investieren von Geld geht, implizit aber stets auch um das Aushandeln von Macht und Abhängigkeiten oder um soziale wie moralische Interaktionen. In längeren statischen Passagen werden ganz unterschiedliche Menschen in Bezug zueinander gesetzt, wobei das filmische Setting gesellschaftliche Diskurse lesbar machen will. Allerdings verharren viele Gespräche eher auf der Sachebene und erfordern eine hohe Fokussierung, um die Subtexte lesbar zu machen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
TALKING MONEY
Produktionsland
Deutschland/Schweiz/Georgien
Produktionsjahr
2015-2017
Regie
Sebastian Winkels
Buch
Sebastian Winkels
Kamera
Sebastian Winkels
Schnitt
Frederik Bösing
Länge
87 Minuten
Kinostart
08.11.2018
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Konzeptueller Dokumentarfilm, der in acht Ländern Gespräche zwischen Banken und ihren Kunden verfolgt und dabei auch das Verhältnis von Macht und Abhängigkeiten beobachtet.

Beim Geld höre bekanntlich die Freundschaft auf, heißt es. Finanzielle Belange zu thematisieren, bedeutet auch, eine Machtdynamik aushandeln zu müssen – besonders dann, wenn man sich in die Situation des Bittstellers begibt.

Der Dokumentarfilmer Sebastian Winkels untersucht in seinem dritten Langfilm nach „7 Brüder“ und „Mein schönes Leben“ erneut ein kommunikatives Setting, diesmal an der Schnittstelle zwischen Banken und ihren Kunden. Dazu hat er in acht Ländern über 150 Gespräche dokumentiert, in denen es um das Leihen und Investieren von Geld geht. Gleichzeitig transportiert sich in diesen Szenen meist noch viel mehr. So entsteht durch die Kamera, die immer auf der Seite des unsichtbaren Beraters verweilt, eine kleine Ethnographie des kulturell sehr spezifischen Umgangs mit Schulden.

In längeren statischen Passagen setzt der Film ganz unterschiedliche Menschen in Bezug zueinander, deren Klassenzugehörigkeit und Geschlecht ihr habituelles Selbstverständnis als Kreditnehmer mitprägt. Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten: Wer Schulden hat oder noch mehr Geld leihen will, der stellt nicht bloß eine Anfrage, sondern lässt sich auf einen merkwürdigen Tanz mit dem Vertreter der Institution ein. Man verführt, überredet, setzt sich in Szene oder appelliert an Mitleid und Mitmenschlichkeit. Manchmal wird die strategische Überlegung sofort deutlich, manchmal sind die verbalen Manöver der Kunden so offensichtlich, dass man fast peinlich berührt ist. Denn natürlich geht es nie bloß um Geld, das selbst nur Ausdruck einer Relation ist, ökonomisch wie sozial; im Zentrum steht immer wieder die Abhängigkeit, die über finanzielle Belange verhandelt wird.

Man kann Geld zu allen möglichen Zwecken leihen. Ein Mann aus dem postsozialistischen Georgien ist beispielsweise konsumsüchtig. Obwohl er schon mehrere Kredite laufen hat, die er vor der Beraterin leugnet, versucht er einen weiteren zu ergattern, obwohl er schon weit im finanziellen Minus ist. Die Beraterin schwankt ihrerseits zwischen der Kalkulation des Risikos und der Aufgabe, ein für die Bank lukratives Geschäft abzuschließen. Beides trifft sich in einer Erhöhung des Dispokredits zu horrenden Zinsen, dem der Kunde begeistert zustimmt.

Abhängigkeit in unterschiedlichen Kulturen

Ganz anders sieht die Abhängigkeit in einem Land wie Bolivien aus. Die Frauen, die dort um Geld bitten, sind meist an Familiensysteme gebunden, die selbst bereits über komplexe Schuldzusammenhänge funktionieren. Da bürgen die Söhne für ihre Mütter, obwohl sie kaum etwas verdienen, oder es werden Bürgschaften ausgenutzt, um familiäre Konflikte auszutragen. In solchen Situationen wird der Berater fast zu einem Sozialarbeiter; gleichzeitig ist es hier ganz selbstverständlich, sich in familiärer Weise auf den Kunden zu beziehen.

In Ländern wie Pakistan spielt auch die religiöse Prägung eine Rolle, wie man Schuld und Schulden auf sozialer und moralischer Ebene zusammenbringt. In Neapel lässt sich ein ganz ähnliches Verhältnis zwischen männlicher Ehre und dem Buhlen um die väterliche Instanz der Bank beobachten, die man entweder von seiner Integrität überzeugt oder um Gnade anfleht.

Doch Winkels ist es nicht um lokale Unterschiede zu tun; sein Film dokumentiert als geradezu globale Betrachtung finanzielle Schieflagen, in denen sich koloniale Verhältnisse fortschreiben. Es ist durchaus ein Statement, wenn Schweizer Kunden ausschließlich in Gesprächen um eine Kapitalanlage zu sehen sind, nicht um einen Kredit. Die Schweizer bemühen sich, besonders nachhaltig und integer zu investieren, in Projekte, die der Umwelt oder der Integration dienen. Wenn der Film dann zurück zu der Bolivianerin schneidet, die sich nicht einmal 500 Dollar leihen kann, ohne ihre Familie mit zu verschulden, scheinen solche Bemühungen ziemlich weltfremd.

Die Situationen auf den Zuschauer wirken lassen

Die besondere Stärke des Films liegt gerade darin, die Lebenssituationen der Menschen so lange auf den Zuschauer wirken zu lassen, bis die Kontrastierung mit der eigenen Situation klar wird – und vielleicht auch die eigene Verstrickung in globale Ausbeutungsverhältnisse. Ähnlich wie Raymond Depardon arbeitet auch Winkels mit dem Konzept einer „sozialen Kamera“, über die gesellschaftliche Diskurse lesbar werden, wenn man lange genug und ohne dramaturgische Rahmung teilnehmender Beobachter ist. Der Film ist dann so gut wie sein Material, das im Falle von „Talking Money“ allerdings nicht immer so spannend ist wie die Idee, die dahintersteht. Viele Gespräche bleiben auf einer eher banalen Sachebene und fordern vom Zuschauer eine sehr genaue Fokussierung auf subtile Momente, die zwingend den Konzentrationsraum des Kinos benötigen. Für ein kulturell aufgeschlossenes Publikum bietet „Talking Money“ dennoch vielfältige Anknüpfungspunkte.

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