Drama | Deutschland 2018 | 95 Minuten

Regie: Felix Hassenfratz

Nach dem Tod der Mutter sind ihre beiden Töchter und der Vater in einem Ort in der süddeutschen Provinz eng zusammengerückt. Als der Vater einen Gesellen auf der Walz anstellt, gerät ihr Gefüge durcheinander. Der junge Mann und die ältere Tochter fühlen sich zueinander hingezogen, doch das Mädchen entzieht sich seinen Annäherungen. Das in vielen Dingen dicht inszenierte Drama entwirft eine auf einer subtilen Form von Gewalt basierende Konstellation aus Macht, Zuneigung, Sprachlosigkeit und Missbrauch, kann sich aber nicht so recht zwischen genau recherchierter Milieustudie und freischwebender Leidensgeschichte entscheiden. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Felix Hassenfratz
Buch
Felix Hassenfratz
Kamera
Bernhard Keller
Musik
Paul Eisenach · Gregor Schwellenbach
Schnitt
Barbara Toennieshen
Darsteller
Anna Bachmann (Hannah) · Maria Dragus (Maria) · Meira Durand (Jenny) · Clemens Schick (Johann) · Enno Trebs (Valentin)
Länge
95 Minuten
Kinostart
17.01.2019
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama

Heimkino

Verleih DVD
W-film/Lighthouse
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Diskussion

Eine nach dem Tod der Mutter verschworene Familiengemeinschaft wird durch einen Wandergesellen durcheinandergebracht, der an ein dunkles Geheimnis rührt.

Irgendwo in der süddeutschen Provinz, im schwäbisch-badischen Grenzgebiet, wo noch Dialekt gesprochen und vor dem gemeinsamen Abendessen gebetet wird, lebt der Tischler Johann nach dem frühen Tod seiner Frau mit seinen Töchtern Maria und Hannah. In der Krise haben sie sich darauf verständigt, fortan unter allen Umständen zusammenzuhalten.

Die ältere Tochter Maria hat die Mutterrolle übernommen. Sie kümmert sich um den Haushalt, strahlt einen freudlosen Pragmatismus aus und sucht Abstand von den vielfältigen Verpflichtungen, wenn sie in der Kirche die Orgel oder zuhause Klavier spielt. Gerade erst hat sie sich um Aufnahme an einem Konservatorium beworben.

Raus aus „Fucking Warmbronn“

Die jüngere Tochter Hannah pubertiert gerade. Mit bunten Strähnen im Haar rangelt sie zwar manchmal noch mit dem Vater, trifft sich abends aber mit Freundinnen im Jugendhaus, um mit Pillen und Alkohol zu experimentieren und vom „ersten Mal“ zu träumen. Sie will möglichst schnell raus aus „Fucking Warmbronn“, muss dafür aber wohl noch ein paar Jahre die Schule schwänzen.

In der Manier eines kritischen Heimatfilms, wie er Anfang der 1970er-Jahre gepflegt wurde, kommt das bescheidene Familienleben in Bewegung, als Vater Johann einen Zimmermannsgesellen auf der Walz bei sich aufnimmt, um Unterstützung bei der Arbeit zu haben. Hannah sucht vorwitzig den Flirt, während Maria klarstellt, dass „hier g’schafft“ werde. Der letzte „Walzer“ sei ein Trinker gewesen. Doch Valentin ist anders. Er, der einen Orgelbauer unter den Vorfahren hat, nähert sich Maria an und kennt Geheimnisse jenes Instruments, die ihr bislang entgangen sind. Doch je näher sich Maria und Valentin kommen, desto nachdrücklicher hält sie ihn sich vom Leib. Maria trägt ein Geheimnis mit sich herum, das den Zuschauer, der Blicke zu registrieren versteht, letztlich ungleich weniger überrascht als Hannah, die eher zufällig dahinterkommt.

Es ist ein eigentümliches, fast schon archaisches Milieu, das Felix Hassenfratz in seinem Spielfilmdebüt entwirft. Fast wundert man sich, dass es hier schon Autos gibt und die Fortbewegung nicht per Pferd und Kutsche geschieht. Obwohl Hannah mit dem Smartphone hantiert, Popmusik hört, ihre Haare färbt und die Umgebung mit der Kamera dokumentiert, scheint die Zeit im Dorf stillzustehen. Es gibt die Öffentlichkeit zwischen Gottesdienst und Dorffest mit der sozialen Kontrolle, weshalb man sich eher darum bekümmert, dass „die Leut’ net schwätze“, aber es scheint keine Welt „da draußen“ zu geben. Erst ganz zum Schluss kommt eine Autobahn in den Blick, die anzeigt, dass der Film wohl in der Gegenwart spielt.

Durch die Anwesenheit Valentins und Hannahs „Entdeckung“ wird der Zusammenhalt der kleinen Familie in Frage gestellt. Der Film entwirft eine Konstellation von Macht, Zuneigung, Sprachlosigkeit und Missbrauch, die auf einer subtil-zärtlichen Form von Gewalt basiert, was der Psychologie der Beziehungen zwischen den Figuren eine erstaunliche Komplexität verleiht, die der Film allerdings eher andeutet als ausformuliert. 

Dichtes Geflecht aus Motiven & Symbolen

Unterbelichtet bleibt dabei entschieden die Figur des „liebenden“ Vaters, dessen durchgängige Sanftheit und Introvertiertheit erst im finalen Showdown unvermittelt in offene Verachtung und Egozentrik umschlägt und dessen Sorge nicht den Töchtern gilt, sondern dass deren angebliche „Lügengeschichten“ ans Licht der Öffentlichkeit gelangen. Diese Unschärfe fällt umso stärker ins Gewicht, als es dem Film ansonsten penibel um ein möglichst dichtes Geflecht aus Motiven, Symbolen und Motivationen zu tun ist. So sorgt die „Liebe des Vaters“ auch für kleine Eifersüchteleien zwischen den Schwestern; Marias Ideal der Pflichterfüllung scheint religiös unterfüttert; sie unterschlägt ihre persönliche Fluchtmöglichkeit ins Konservatorium, um ihre kleine Schwester schützen zu können, und Johann und Valentin arbeiten auf der Baustelle an einem nicht exakt eingerichteten Dachbalken, der die ganze Konstruktion trägt.

Am Ende werden die Konflikte weniger gelöst als vertagt. Die Schlusseinstellung wirkt märchenhaft und deutet darauf hin, dass „Verlorene“ sich nicht so recht zu entscheiden wusste zwischen genau recherchierter Milieustudie und vergleichsweise freischwebender Missbrauchsgeschichte. Fügte man die Verstrebungen allerdings enger, landete man auch nur bei wenig mehr als dem Klischee einer rückständigen Provinz im Schatten der Moderne.

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