Matrjoschka

Komödie | USA 2019 | Minuten

Regie: Leslye Headland

Eine als kompakte Miniserie aufbereitete Variation des Zeitschleife-Themas: Nach einer Party im New Yorker East Village zu Ehren ihres 36. Geburtstags stirbt eine Frau, erwacht kurz darauf aber erneut zum Leben und findet sich auf der Feier wieder, gefangen in einer surrealen Zeitschleife. Während sie nach dem Grund dafür sucht, begegnet sie allerlei kuriosen Gestalten und wendet sich schließlich auch ihrer Vergangenheit zu. Die Serie entwirft das schwarzhumorige Porträt einer abgebrühten, unabhängigen New Yorker Mittdreißigerin, die sich durch ihre Gefangenschaft zwischen Leben und Tod gezwungen sieht, mit ihrem bisherigen Leben und ihren Beziehungen auseinanderzusetzen. Dabei glänzt sie mit pointiert-trockenen Dialogen, einem makabren Sinn für Situationskomik und cleveren Plot-Wendungen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
RUSSIAN DOLL
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Leslye Headland · Jamie Babbit · Natasha Lyonne
Buch
Leslye Headland · Natasha Lyonne · Amy Poehler
Kamera
Chris Teague
Musik
Joe Wong
Schnitt
Todd Downing · Laura Weinberg
Darsteller
Natasha Lyonne (Nadia Vulvokov) · Greta Lee (Maxine) · Yul Vazquez (John Reyes) · Elizabeth Ashley (Ruth Brenner) · Charlie Barnett (Alan Zaveri)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Komödie | Serie
Diskussion

Schwarzhumorige Zeitschleifen-Serie um eine New Yorker Hedonistin, die bei einer Party zu Ehren ihres 36. Geburtstags stirbt und von da an die Feier in einer surrealen Zeitschleife immer wieder erlebt. Ihre Gefangenschaft zwischen Leben und Tod zwingt sie dazu, sich mit ihrem bisherigen Leben und ihren Beziehungen auseinanderzusetzen.

Es ist ein sinistres Fegefeuer, in das Nadia (Natasha Lyonne) in der Nacht ihres 36. Geburtstags gerät: Ausgerechnet sie, die Single-Frau, die so viel Wert auf ihre Ungebundenheit und Freiheit legt, landet in einem Gefängnis, aus dem ein Ausbruch unmöglich erscheint, da es sich gar nicht um einen Raum, sondern um ein Stück Zeit handelt, in das sie eingesperrt ist. Dabei beginnt alles zunächst ganz harmlos: Nadia feiert auf der Party, die ihre Freundin Maxine für sie ausrichtet und lässt sich mit einem der Gäste auf einen fröhlichen One-Night-Stand ein. Doch dann wird sie auf dem Weg nach Hause überfahren, stirbt – und findet sich unversehens auf der Toilette von Maxines Wohnung wieder, in der die Party in vollem Gang ist. Eine Zeitschleife, die sich fortan ständig wiederholt.

Das East Village strotzt vor Todesfallen

Manchmal schafft es Nadia aus der Wohnung, manchmal sogar bis zum nächsten Tag, doch früher oder später widerfährt ihr ein Unglück: Sie bricht sich den Hals oder wird von einem herabfallenden Gegenstand erschlagen, sie erfriert im Park oder wird von einer Gasexplosion zerrissen, sie erstickt an einem Hühnerknochen oder wird erschossen. Das New Yorker East Village, in dem Nadia als cooler Bohème-Hipster lebt, strotzt plötzlich vor Todesfallen, die der hedonistischen Software-Ingenieurin den Garaus machen und immer wieder auf den Start, in die Toilette bei Maxine, zurückbefördern.

Anfangs vermutet Nadia, dass es sich bei diesem irrwitzigen Zeit-Karussell um eine Folge des Ketamin handelt, das in Joints, die auf der Party kursierten, versteckt war. Doch auf Dauer bleibt ihr nichts anderes übrig, als die Tatsache zu akzeptieren, dass sie tatsächlich in der Zeit feststeckt und nach einer Lösung suchen muss, wie sie ihr abgestürztes Leben neu starten kann.

Wo liegt der „Bug“ im Programm des Lebens?

Zeitschleifen erfreuen sich derzeit einer gewissen Beliebtheit: Gerade ist „Happy Death Day 2U“ im Kino gestartet, der die Zeitschleife als kreative Herausforderung ans Horrorgenre versteht; und auch Dietrich Brüggemanns „Murot und das Murmeltier“-Tatort ist eine Hommage auf jene Erzählform, die Rob Reiner mit seinem Komödienklassiker „Und täglich grüßt das Murmeltier“ mustergültig vorgeführt hat. Während das Zeitschleife-Motiv in Brüggemanns „Tatort“ allerdings primär als Steilvorlage für eine formale Spielerei mit Wiederholung und Variation dient, lassen sich die Serienmacher von „Matrjoschka“, Natasha Lyonne (die auch die Hauptrolle spielt), Leslye Headland und Amy Poehler, auf die inhaltliche Herausforderung ein, die damit verbunden ist: Das Festsitzen in der Zeit wirft die Hauptfigur auf sich selbst zurück und zwingt sie, in sich zu gehen und nach dem „Bug“, dem Fehler im Programm ihres Lebens, zu suchen.

Die aus acht etwa halbstündigen Episoden bestehende Serie gestaltet diese Suche, die letztlich eine fantastisch verschärfte Form eine Midlife-Crisis darstellt, als schwarzkomödiantischen, wendungsreichen Spießrutenlauf durch Nadias Nachbarschaft im East Village, der sie mit allerlei mehr oder minder exzentrischen Gestalten zusammenbringt – vom Kleindealer über einen wunderlichen Obdachlosen bis hin zur Sekretärin eines Rabbis, den die jüdisch-stämmige, aber vom Glauben abgefallene Nadia konsultieren will, als sie übersinnliche Ursachen ihres Dilemmas in Betracht zu ziehen beginnt. Womit die Serie auch zum liebevollen Porträt einer Gegend wird, in der soziale, ethnisch-religiöse und (sub-)kulturelle Gegensätze auf engstem Raum vereint sind. Von dort aus führt die Spur schließlich in Nadias Kindheit zurück, zu jenen Schwachstellen, die sie unter ihrem Panzer als scharfzüngige, bindungsscheue Großstadt-Monade sorgfältig versiegelt hat.

Mit bärbeißigem Charme

Diese Wendung ins Psychologisch-Pathologische mag nicht besonders originell und auch ein bisschen banal erscheinen, wird von Natasha Lyonne aber mit umwerfend bärbeißigem Charme gespielt und in eine Story gepackt, die den lakonisch-makabren Witz der ersten Folgen durch einen schönen erzählerischen Twist glaubwürdig in warmherzigere Fahrwasser steuert. Zudem schaffen es die Autorinnen, das repetitive Muster der Zeitschleifen-Erzählung auf Dauer in ein lineares Suspense-Szenario münden zu lassen, das der Serie gegen Ende viel dramatischen Drive verleiht.

Fast wünschte man sich angesichts dieser Qualitäten eine Fortsetzung – wenn es nicht so schön wäre, neben all den langlaufenden Serien zur Abwechslung einmal ein in sich rundes, kompaktes, auf den Punkt hin erzähltes Format präsentiert zu bekommen. Manchmal ist es eben besser, wenn etwas wirklich endet und nicht in die zweite Runde geht.

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