Christo - Walking on Water

Dokumentarfilm | USA/Italien/Deutschland/Vereinigte Arabische Emirate 2018 | 105 Minuten

Regie: Andrey Paounov

Im Sommer 2016 ermöglichte die Installation „The Floating Piers“ von Christo 16 Tage lang einen Spaziergang über das Wasser des Iseosees nahe der italienischen Stadt Brescia. Der dramaturgisch versierte Dokumentarfilm zeichnet die Entstehung der 15 Millionen teuren Installation nach und porträtiert den bulgarischen Künstler als Realisator eines hochkomplexen, von vielen Hindernissen erschwerten Großprojekts, ohne sich in der filmischen Konservierung der zeitlich limitierten Aktion zu erschöpfen. Neben dem Kunstprojekt geht es um den Künstler zwischen Beruf und Berufung, Inspiration und Energie, Stille und Trubel sowie um eine überwältigende Schönheit zwischen Orange und Dahlienblau. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
WALKING ON WATER
Produktionsland
USA/Italien/Deutschland/Vereinigte Arabische Emirate
Produktionsjahr
2018
Regie
Andrey Paounov
Buch
Andrey Paounov
Kamera
Martina Cocco · Pietro Daviddi · Simone D'Arcangelo · Antonio Ferrera · Snejina Latev
Musik
Danny Bensi · Saunder Jurriaans
Schnitt
Andrey Paounov · Anastas Petkov
Länge
105 Minuten
Kinostart
11.04.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Künstlerporträt
Diskussion

Dramaturgisch versierter Dokumentarfilm über Christo und dessen Kunstprojekt „The Floating Piers“, das im Sommer 2016 zwei Inseln im Iseosee nahe der italienischen Stadt Brescia mit dem Festland verband.

1972 zogen Christo und Jeanne-Claude einen Riesenvorhang durch ein Tal der Rocky Mountains. Elf Jahre später verwandelten sie ein Dutzend Inseln vor Miami in pinkfarbene Giga-Seerosen. Ebenso unvergesslich bleibt der für zwei Sommerwochen im Jahr 1995 verhüllte Berliner Reichstag. Auf die in 50 gemeinsamen Schaffensjahren geglückten 23 Projekte des Künstlerpaars kommen 47 nicht genehmigte Vorhaben. So steht es im Vorspann des Dokumentarfilms „Christo: Walking on Water“.

Der Film zeichnet die Genese eines Kunstprojekts durchaus biblischen Ausmaßes nach. Doch im Titel, der nicht zufällig das Matthäus-Evangelium zitiert, schwingt eine gehörige Portion Ironie mit. Christo, der seit dem Tod seiner Ehefrau Jeanne-Claude 2009 die Großprojekte alleine weiterbetreibt, ist als Künstler tatsächlich so etwas wie eine Erlöserfigur in einer ernüchternd säkularisierten Zeit. In dem Film, einer Art „Making of“ der temporären Installation „The Floating Piers“ 2016 in Oberitalien, porträtiert der bulgarische Regisseur Andrey Paounov den Künstler als Träumer und Praktiker zugleich. Christo erscheint darin weder als Heiland noch als Zauberer, sondern als Realisator eines hochkomplexen, von technischen, witterungsbedingten wie lokalpolitischen Hindernissen erschwerten Projekts.

Überwältigender Anblick aus großer Höhe

Die „Schwimmenden Stege“ existierten zwischen 18. Juni und 3. Juli 2016. An diesen 16 Tagen war es möglich, über das Wasser des Iseosees bei Brescia zu spazieren. Die insgesamt drei Kilometer langen Piers ohne Geländer, zusammengesetzt aus 220 000 schwimmenden Kunststoffwürfeln und bespannt mit orangefarbenem Polyamidstoff, verliefen vom Ufer des Sees zu der großen Insel Monte Isola und von dort zur kleineren Isola di San Paulo, um die ein Steg in „Dahliengelb“ errichtet war.

Es zeugt von Paounovs dramaturgischem Geschick, dass er die verzweigte Gesamtanlage erst in den finalen Minuten enthüllt. Christo steigt eher widerwillig in einen Hubschrauber, um sein Werk aus großer Höhe zu betrachten. Die Drohnenbilder, die man davor zu sehen bekam, waren aus geringerer Distanz aufgenommen. Filme über Kunst stehen und fallen mit der richtigen Perspektive auf das Werk. Man sieht „Christo: Walking on Water“ den großen Respekt an, mit dem der Filmemacher dem Künstler und seinen Intentionen begegnet.

Dementsprechend erschöpft sich die Dokumentation nicht darin, Ereignisse während der Laufzeit der „Floating Piers“ darzustellen. Der Film setzt Monate vor der Eröffnung ein. In den ersten Einstellungen ist Christo in seinem Atelier in New York zu sehen. Der Künstler arbeitet an farbigen Zeichnungen, die Vorstudien des Projekts sind und zugleich käufliche Werke, mit denen das 15 Millionen Dollar teure Projekt finanziert wird – so haben es Christo und Jeanne-Claude immer gehalten.

„Künstler“ ist kein Beruf

Während einer Skype-Konferenz mit Mitarbeitern in Italien wird es auf beiden Seiten ziemlich laut; man lernt Vladimir Yavachev kennen, Christos streitlustigen Neffen, dessen tragende Rolle beim „Floating Piers“-Unternehmen der Film unterstreicht. Vladimir hält Christo den Rücken frei und hat in technischen Belangen die Nase vorn; mal bemuttert er ihn, mal bietet er dem Künstler in Detailfragen Paroli. Vladimir streitet sich mit Behördenvertretern und schlägt sich mit knickerigen Sammlern herum. Die Kamera ist geradezu verliebt in ihn, weshalb Vladimir schließlich zur zweiten Hauptfigur neben Christo avanciert.

Der 1935 geborene Christo (Wladimirow Jawaschew) wiederum verblüfft durch seine Agilität und Energie. Der über 80-jährige Künstler mit grauen Locken wirkt einerseits schmal und zerbrechlich, ringt aber mit imponierender Kraft um sein großes Projekt. „Künstler sein ist kein Beruf“, erklärt er Schülern während eines Workshops, „da gibt es keine festen Arbeitszeiten. Du bist keine Sekunde lang nicht Künstler.“

Die konzentrierte, aufreibende Arbeit am Projekt sowie öffentliche Auftritte, der Wechsel von Stille und Trubel, von Rückschlägen und Etappensiegen charakterisieren die Struktur des Films. 97 Tage vor der Eröffnung setzt ein Countdown ein, beginnend mit dem 13. März 2016, als der Künstler in Italien eintrifft. Wie den Reichstag hatten Christo und Jeanne-Claude auch die Engelsbrücke in Rom, die den Vatikan mit der Innenstadt verbindet, mit Stoff einpacken wollen. Dem Projekt wurde die Genehmigung verweigert, und auch ein Verhüllungsprojekt für die Vatikanischen Museen scheiterte. Im Mai 2016 reist Christo nach Rom, um dem Papst ein Objekt zu überbringen, „Christos Box“ als Benefizgabe für ein afrikanisches Kinderkrankenhaus. Bei der Papst-Audienz ist die Kamera nicht mit dabei, aber sie zeigt den Künstler in der Sixtinischen Kapelle, sozusagen in Zwiesprache mit dem ein halbes Jahrtausend vor ihm geborenen Kollegen Michelangelo, der vor technischen Herausforderungen so wenig zurückschreckte wie der Bulgare.

An Schönheit kaum zu übertreffen

In Brescia begrüßt Christo eine große Anzahl italienischer Lokalpolitiker mit Handschlag. Die Sequenz im Präfekturpalast, zwölf Tage vor der Eröffnung, deutet Probleme des Teams mit der Exekutive in der Region an. Als die Wasserteppiche ausgerollt sind und die Publikumsmassen auf die Piers drängen, eskaliert der Konflikt. Während Christo und Vladimir davor warnen, dass die Stege eine übermäßige Menschenlast nicht aushalten, ist die Präfektur auf touristische Gewinnmaximierung fixiert. Der Künstler droht mit Abbruch des Projekts, woraufhin die Behörden den Besucherstrom einzudämmen beginnen. Planmäßig endet die Freiraum-Installation am 3. Juli 2016.

Über eine Million Besucher nutzten die Möglichkeit, über dem Wasser des Iseosees zu wandeln. Wer die Menschen dabei betrachtet, beneidet sie. Doch „Christo: Walking on Water“ erschöpft sich nicht darin, filmisches Surrogat eines sinnlichen Kunsterlebnisses zu sein. Der Film zeigt die Mühen, die mit solchen Großprojekten verbunden sind. „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“, wird Karl Valentin gerne zitiert. Bei Christo (und Jeanne-Claude) lernt man, dass die viele Arbeit oft gar nicht zum geplanten Kunstwerk führt. Wenn aber doch – wie bei den „Floating Piers“ – ist das Ergebnis an Schönheit kaum zu überbieten.

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