Politthriller | USA 2019 | 296 (4 Episoden) Minuten

Regie: Ava DuVernay

1989 wurde eine Joggerin im Central Park in New York brutal vergewaltigt. Fünf junge Männer, vier Afroamerikaner und ein hispanisch-stämmiger US-Amerikaner wurden dafür zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, obwohl sie unschuldig waren. Die Mini-Serie rund um den Justizskandal der "Central Park Five" rollt den Fall auf, der den latenten Rassismus in den USA dokumentiert. Es gelingt dem Vierteiler, der sich vom True-Crime-Krimi zum Justizthriller und zur Familientragödie entwickelt, durch seine recht konventionelle, stark emotionalisierende Erzählweise jedoch kaum, über den konkreten Fall hinaus die strukturellen Probleme transparent zu machen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
WHEN THEY SEE US
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Ava DuVernay
Buch
Ava DuVernay
Musik
Kris Bowers
Schnitt
Bradford Young
Darsteller
Jovan Adepo (Antron McCray) · Caleel Harris (Antron als Kind) · Chris Chalk (Yusef Salaam) · Ethan Herisse (Yusef als Kind) · Freddy Miyares (Raymond Santana)
Länge
296 (4 Episoden) Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Politthriller | Serie
Diskussion

Vierteilige Serie um einen US-amerikanischen Justizskandal, bei dem vier junge Afroamerikaner und ein Latino fälschlicherweise der Vergewaltigung einer Frau angeklagt und zu langen Haftstrafen verurteilt wurden.

Ein fahler Schein fällt durch das Fenster ins Verhörzimmer. Doch er hilft nicht zu sehen, sondern verwandelt den Angeklagten in eine Silhouette. Im Gegenlicht ist kaum erkennbar, dass es sich fast noch um ein Kind handelt. So sieht die Polizei den jungen Afroamerikaner, so sieht ihn wohl auch ein großer Teil der Gesellschaft: mehr Schatten als Mensch. Die Miniserie von Ava DuVernay  präsentiert eine Welt der visuellen Unschärfe und moralischen Eindeutigkeit. In vier Episoden von annähernder Spielfilmlänge wird der Fall um die so genannten „Central Park Five“ fiktionalisiert.

Am 19. April 1989 wurde die 28-jährige weiße Investmentbankerin Trisha Meili beim Joggen im Central Park in New York angegriffen und vergewaltigt. Die Polizei verdächtigte vorschnell vier jugendliche Afroamerikaner und einen Latino. Kevin Richardson, Antron McCray, Yusef Salaam, Korey Wise und Raymond Santana wurden zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Erst zwei Jahrzehnte später konnte ihre Unschuld bewiesen werden. Die Miniserie verfolgt die fünf Justizopfer von der schicksalsträchtigen Nacht bis in die Freiheit. Die erste Folge beschreibt die Zeit unmittelbar vor und nach dem Verbrechen, die zweite das erste Gerichtsverfahren, die letzten beiden Folgen die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte.

Krimi, Justizthriller, Gefängnisdrama und Familientragödie

Wohl auch, um einen Ausdruck für die langsam mahlenden Mühlen der Gerechtigkeit zu finden, wechselt „When They See Us“ mehrfach die Gestalt. Die Serie beginnt als Kriminalgeschichte, die sich lückenlos in den „True Crime“-Trend einfügt. Im weiteren Verlauf wird sie zu Justizthriller, Gefängnisdrama und Familientragödie. Auch für die Figuren gibt es in der Regel zwei Darsteller: einen für die Jugendzeit, einen anderen für das Erwachsenenalter. Die Serie erzählt von den Folgen des Unrechts; davon, wie es sich in Biografien und Körper einschreibt.

DuVernay kleidet die Ereignisse in die vertrauten Bilder des Prestigefernsehens. Die glatte, aseptische Digitalästhetik wird vor allem mit dem Spiel von Licht und Schatten, Schärfe und Unschärfe belebt. In vielen Einstellungen werden Objekte im Vordergrund platziert, die einen Teil des Bilds blockieren. Der Bereich der Tiefenschärfe ist oft klein, manchmal sind nur Einzelpersonen oder Gesichter im Fokus. Schon durch den Titel „When They See Us“ verweist auf die sprachliche und visuelle Verknüpfung von Sehen und Erkennen. Die Polizeistation, die Zellen und Gerichtssäle sind Orte des Zwielichts und damit auch Sphären der Lüge. Durch die Lichtverhältnisse legt sich ein Art Nebel über die Bilder, so als würde man durch beschlagene Brillengläser schauen.

Mitgefühl für die Opfer

All das suggeriert eine Welt, in der immer nur ein Teil der Wahrheit erkennbar ist. Wo der klare Blick verstellt wurde, bedarf es zusätzlicher Perspektiven. Vielleicht sogar eines grundsätzlichen Umdenkens, einer neuen ideologischen Brille. Doch eine inhaltliche Entsprechung dafür ist nur schwer zu erkennen. Der Wissensstand der Gegenwart erlaubt kaum mehr Zweifel. Eindeutigkeit regiert: Die Serie straft die Feinde und erhebt die Helden.

Als Gesichter des Bösen dienen, von einigen anonymen Polizisten und Wärtern abgesehen, vor allem Linda Fairstein (Felicity Huffman) und die Staatsanwältin Elizabeth Lederer (Vera Farmiga). Ihnen liegt wenig an der Wahrheitsfindung und viel an ihren persönlichen Kreuzzügen und Befindlichkeiten. Die dramaturgische Absicht ist verständlich: Mitgefühl für die Opfer und Zorn auf die Täter wecken. Ihre Erfahrungen in die Welt tragen, ihren Schmerz und ihre Verzweiflung. Die Historisierung der Ereignisse aufbrechen, sie in ihrer emotionalen Kraft für die Gegenwart nutzbar machen.

„When They See Us“ muss wohl auch als polit-aktivistische Arbeit verstanden werden. Der Fall der „Central Park Five“ versammelt Vorgänge von geradezu aufdringlicher tagespolitischer Relevanz. Die offenkundigen Mängel des Justizsystems, die Dämonisierung junger Schwarzer, die schon in DuVernays Dokumentarfilm „Der 13.“ beschriebene rassistische Gesetzeslage: all das ist nicht aus der Welt. Auch die Archivaufnahmen von Donald Trump, der am 1. Mai 1989 in allen wichtigen Zeitungen in New York eine Anzeige schalten ließ, die den Tod der vermeintlichen Täter forderte, schlagen unweigerlich die Brücken zur Gegenwart.

Einzelpersonen statt struktureller Probleme

Die Wirkung der vielgesehenen Serie lässt sich aus Schlagzeilen ablesen. Linda Fairstein, die mittlerweile Kriminalromane schreibt, muss sich einen neuen Verlag suchen. Elizabeth Lederer ist von ihrer Anstellung an der Columbia Law School zurückgetreten. Donald Trump will sich derweil nicht für seine Beteiligung entschuldigen und verweist auf die ursprünglichen Geständnisse der Verurteilten.

Damit zeigt „When They See Us“, wie sich konventionelle dramatische Formen und politische Wirkmacht im Weg stehen können. Wie effektiv ist es angesichts von strukturellen Problemen der amerikanischen Justiz, der Polizei und der Gesellschaft, Einzelpersonen zu bestrafen? Das mag eine symbolische Wirkung haben, doch als Agitprop muss sich die Serie den Vorwurf personalisierender Kleinteiligkeit gefallen lassen.

Obwohl durchaus auf das Versagen der Medien oder die schwierigen Bedingungen für Ex-Häftlinge verwiesen wird, bleiben Lederer und Fairstein als offensichtliche Blitzableiter in Erinnerung. In seiner Nachwirkung wird „When They See Us“ kaum noch als Kunst wahrgenommen, sondern vor allem als Dokument rezipiert. Das liegt auch daran, dass die Serie ästhetisch und formal wenig gewinnbringend ist. Wo sie wirkt, tut sie es wegen der realen Vorbilder. Wellen von Inspiration und Schock schwimmen über den Zuschauer hinweg: Man ist betroffen und ergriffen, man sonnt sich in der Erhabenheit von Aktivisten und all derer auf der richtigen Seite der Geschichte. Das erinnert an das gierige Pathos mancher Vorabend-Serien.

Selbstverliebter Politkitsch

Fairstein wird als Schurkin gezeigt, weil sie vor Gericht emotional manipulierend agiert und irrelevante Moralfragen ins Zentrum rückt. Einen Vorwurf, den man teilweise auch der Serie selbst machen könne. Kaum eine Szene, die ohne langsam anschwellende Musik auskommt. Trauere! Hoffe! Klage! Musik im Imperativ, selbst in den leisesten Momenten. Eine Inszenierung, die weder vom Glauben an die Bilder und Schauspieler noch von dem an die Zuschauer zeugt. Das Ergebnis ist ein etwas selbstverliebter Politkitsch.

Ihren Anfang nahm die Serie als Tweet an Ava DuVernay, und in ihrer zugespitzten Diskurshörigkeit und vorwurfsvollen Zeitgeistigkeit hat sie auch in der finalen Form etwas von einem Social-Media-Beitrag.

„When They See Us“ lässt sich schwerlich die Bedeutsamkeit absprechen; alle Ziele der Serie sind edel und löblich. Doch manchmal wirkt es, als würde sie primär von genau dieser Bedeutsamkeit erzählen und sie stolz ausstellen. Düstere Kapitel der Geschichte müssen beleuchtet werden. In Film und Fernsehen gilt: Bedeutsam ist, was im Licht steht, was sichtbar ist. Mit dem Licht betont man und hebt hervor. Doch was passiert, wo eher das Licht der Bedeutsamkeit sichtbar ist als die Menschen, die es erhellen soll? Was, wenn Künstler-Lichtgestalten uns blenden? So kann man es wohl auch deuten, wenn das Licht der Schweinwerfer die Figuren überstrahl, bis sie konturlose Halbschatten werden.

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