Leid und Herrlichkeit

Drama | Spanien 2019 | 113 Minuten

Regie: Pedro Almodóvar

Ein Filmregisseur wird durch die Wiederaufführung seines letzten Werkes, nach dem er vor 32 Jahren das Filmemachen an den Nagel hängte, mit seiner Vergangenheit konfrontiert. In der Auseinandersetzung mit seiner Kindheit, den wilden Jahren der „movida“ in Madrid und der gegenwärtigen Stagnation seines Lebens findet er in einer Mischung aus Zufall und Eigensinn, Widerstand und dem Beistand guter Freunde einen versöhnlichen Neuanfang. Die autobiografisch grundierte Fiktion von Pedro Almodóvar spielt mit Werk und Biografie des Regisseurs, verzichtet zugunsten einer verhaltenen, fast melancholischen Reflexion über Krankheit, Erinnerung und das Altern aber auf wilde Handlungssprünge oder grotesk überzeichnete Emotionen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
DOLOR Y GLORIA
Produktionsland
Spanien
Produktionsjahr
2019
Regie
Pedro Almodóvar
Buch
Pedro Almodóvar
Kamera
José Luis Alcaine
Musik
Alberto Iglesias
Schnitt
Teresa Font
Darsteller
Antonio Banderas (Salvador Mallo) · Leonardo Sbaraglia (Federico) · Asier Etxeandia (Alberto Crespo) · Penélope Cruz (Jacinta) · Nora Navas (Mercedes)
Länge
113 Minuten
Kinostart
25.07.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama
Diskussion

Autobiografisch grundierte Dramödie von Pedro Almodóvar über einen alternden Filmemacher, der sich in der Konfrontation mit Ängsten und Krankheiten seiner Vergangenheit stellt.

In einem Hallenbad hockt ein Mann unter Wasser, die Arme weit ausgebreitet. Sein Gesicht ist halb entspannt, halb sorgenvoll. Der Filmregisseur Salvador Mallo (Antonio Banderas) hat seine besten Tage lange hinter sich; jetzt steckt er in einer tiefen Existenzkrise. In den wilden Jahren der „movida“, der bonbonfarbenen Kulturrevolution Anfang der 1980er-Jahre, hatte er als unkonventioneller Filmkünstler seine beste Zeit. Nun ist er fast 60 Jahre alt, wird von höllischen Rückenschmerzen geplagt, scheut die Öffentlichkeit und hat den Tod seiner Mutter immer noch nicht überwunden.

Als er zur Aufführung einer digital restaurierten Fassung seines Films „Sabor“ eingeladen wird, beginnt eine Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit. Denn vor 32 Jahren, 1986, hatte er sich bei den Dreharbeiten mit dem Hauptdarsteller, dem heroinabhängigen Alberto Crespo (Asier Etxeandía) komplett zerstritten und danach keinen Film mehr gedreht.

Abschluss einer Trilogie

„Leid und Herrlichkeit“ von Pedro Almodóvar ist der Abschluss einer Trilogie, die 1987 mit „Das Gesetz der Begierde“ begann und in "La Mala Educación - Schlechte Erziehung“ (2004) seine Fortsetzung fand. Allesamt Männerfilme im sehr femininen Universum von Almodóvar, deren Protagonisten Filmemacher sind.

Doch „Leid und Herrlichkeit“ ist noch autobiografischer als die beiden Vorgänger. Unspektakulär und mit leiser Melancholie erzählt der Film von drei Phasen im Leben des Protagonisten, von der Kindheit in einem kleinen Dorf in den 1960er-Jahren, von der hoffnungsvollen Zeit nach dem Ende der Diktatur bis zum Ausbruch aus Mallos lähmender Lebenskrise in der Gegenwart.

Die Erinnerungen an die Kindheit sind idyllisch. Der 80-jährige Kameramann José Luis Alcaine hat sehr poetische Bilder geschaffen, wenn Salvadors Mutter (Penélope Cruz) mit den anderen Frauen singend die Wäsche im Fluss wäscht und die Laken auf dem hohen Gras in der Sonne trocknen oder wenn der blaue Himmel durch ein vergittertes Oberlicht in die weiß gekalkten Wände ihrer Höhlenwohnung hineinleuchtet.

Kindheit als verlorenes Paradies

Wie in vielen anderen Filmen von Almodóvar ist die Kindheit auf dem Lande auch hier ein verlorenes Paradies. Es gibt kaum Referenzen an die politische Repression oder die Armut während der Franco-Diktatur. Die spürt man eher in Salvadors zweitwichtigstem Lebensabschnitt, den 1980er-Jahren, einer Zeit der Freiheitseuphorie, wilder Tabubrüche und des kreativen Experiments. Auch hier ist hinter Salvador Mallo deutlich der junge Pedro Almodóvar zu erkennen, als sexuelle Grenzen sprengender Underground-Regisseur, in einer Mischung aus derb-schwarzem Humor und fast kitschigem Melodram.

Es gibt deutliche Anspielungen an seine ersten Filme, an „Pepi, Luci, Bom“ (1980), an das „Labyrinth der Leidenschaften“ (1982) und „Das Gesetz der Begierde“ (1987), hinter dem sich unschwer Mallos „Sabor“ erkennen lässt, da sich Almodovar während der Dreharbeiten mit seinem Hauptdarsteller Eusebio Poncela völlig entzweit hatte.

In der Gegenwart versucht Mallo die Fragmente seines Lebens wieder zusammenzusetzen. Dazu zählt neben der Versöhnung mit seinem ehemaligen Hauptdarsteller auch die Wiederbegegnung mit seinem Liebhaber jener Jahre, dem drogenabhängigen Argentinier Federico (Leonardo Sbaraglia), der jetzt ein biederes heterosexuelles Familienleben führt, sowie immer wieder die Begegnungen mit seiner gealterten Mutter (Julieta Serrana). Zwar ist die Vergangenheit unwiderruflich vergangen, aber am Ende gibt sie Salvador einen kreativen Stups: Er beginnt nach 32 Jahren einen neuen Film.

Ein autofiktionaler Neuanfang

„Leid und Herrlichkeit“ ist eine Autofiktion, die auf zahlreichen autobiografischen Elementen beruht, aber dennoch etwas Neues schafft. Denn natürlich ist Almodóvar nicht Salvador Mallo, sonst hätte er sich 1987 nach seinem siebten Film zurückgezogen und die 15 nachfolgenden Filme wären nie gedreht worden. Trotzdem ist der autobiografische Charakter auf allen Ebenen des Films spürbar: Antonio Banderas gibt ein sehr ernstes, fast grüblerisches Alter Ego Almodóvars, den er seit 39 Jahren kennt. Auch die  Musik spiegelt Almodovars Oeuvre wider; neben den Kompositionen seines langjährigen Filmkomponisten Alberto Iglesias gibt es aufpeitschende Lieder der Mexikanerin Chavela Vargas oder der italienischen Sängerin Mina, und für die Ausstattung, die für Almodóvar schon immer besonders wichtig war, hat er seine Privatwohnung zur Verfügung gestellt, seine eigenen Möbel und die Bilder, die er im Laufe seines Lebens gesammelt hat.

Pedro Almodóvar wird am 25. September 70 Jahre alt. „Das Alter ist keine Krankheit, es ist ein Massaker“, hat er vor Kurzem gesagt. „Leid und Herrlichkeit“ ist sein bisher ruhigster, vielleicht sogar melancholischster Film. Denn ohne die bis ins Groteske übersteigerten Emotionen, ohne die wilden Sprünge in der Handlung, die seine Filme sonst auszeichnen, hat er sich hier auf die alltägliche Tragödie beschränkt: auf den unausweichlichen Lauf der Zeit, das Altern und den Tod.

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