Experimentalfilm | Frankreich 2019 | 50 Minuten

Regie: Gaspar Noé

Am Filmset eines Hexenfilms werden die Regisseurin und die Hauptdarstellerin an ihren Grenzen gebracht, bis die geplante Szene einer Hexenverbrennung schließlich im Chaos endet. Das Konzept des nur 50-minütigen Films von Gaspar Noé versucht auf Handlungs- und Metaebene Femizid, Filmdreh und Ekstase zu verknoten, bringt dabei aber ein toxisches Gemisch hervor, das nicht kohärent zusammenfließt, sondern im Rausch flickernder Farben zergeht. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
LUX AETERNA
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Gaspar Noé
Buch
Gaspar Noé
Kamera
Benoît Debie
Schnitt
Jerome Pesnel
Darsteller
Charlotte Gainsbourg (Charlotte) · Béatrice Dalle (Béatrice) · Clara 3000 (Clara 3000) · Mica Arganaraz (Mica) · Yannick Bono (Yannick)
Länge
50 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Experimentalfilm | Filmessay

Heimkino

Verleih DVD
Alamode
Verleih Blu-ray
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Gaspar Noé wildert einmal mehr im Grenzbereich zwischen Leid und Ekstase, diesmal festgemacht an einer Story um Béatrice Dalle und Charlotte Gainsbourg als Schauspielerinnen zwischen filmischer reinszenierter Hexenverbrennung und #MeToo-Gegenwart.

Diskussion

Das ewige Licht kommt als epileptischer Anfall. Das ist – zumindest dem Dostojewski-Zitat nach, mit dem „Lux Æterna“ beginnt – nicht nur eine leidvolle Vorstellung. Denn vor dem eigentlichen Krampfanfall steht das, was die Medizin die „Aura“ und der russische Schriftsteller einen Zustand absoluter Ekstase nennt. Irgendwo zwischen Leid, Erleuchtung und eben dieser Ekstase möchte Gaspar Noé sein neues Werk also verortet sehen.

Als passender Hintergrund für die unweigerliche Grenzerfahrung, die folgt, dient die Geschichte der Hexenverbrennungen: Zunächst nur in Ausschnitten des Carl-Theodor-Dreyer-Films „Tag der Rache“, dann als Diskussion zwischen einer Regisseurin und ihrer Hauptdarstellerin und schließlich am Set eines von allen Beteiligten verabscheuten Filmprojekts. Die Brücke, über die Noé die Hexenverfolgung vom Mittelalter und der frühen Neuzeit zum modernen Prozess des Kunstschaffens führt, ist also das Filmset. Die Kontinuität zwischen Femizid und Filmdreh ist die Stellung der Frauen, die in beiden Welten als Rohstoff für das nachgestellte und tatsächliche Schafott dienen. So faszinierend dieser Unterbau ist, so planlos ist er zusammengezimmert. Wirkliches Interesse an Kohärenz hat Noé ohnehin nicht. Vielmehr ist die mit grellen Farben gezogene Kontinuitätslinie die Basis für die gewohnt toxischen Exzesse des Filmemachers.

Die Kunst wächst also auch hier in Gift. Die dazugehörigen Stichworte geben der bereits erwähnte Dreyer und Rainer-Werner Fassbinder, dessen „Warnung vor einer heiligen Nutte“ hier als Schablone für die „Film über das Filmemachen“-Inszenierung dient. Das anfängliche Gespräch des Frauenduos Béatrice (Béatrice Dalle) und Charlotte (Charlotte Gainsbourg), das im Splitscreen mit improvisierter Leichtfüßigkeit durch Inquisition, ehemalige Sexualpartner und Dreharbeiten-Gossip tänzelt, kriegt noch am ehesten die Themenblöcke verschnürt, die „Lux Æterna“ mit voller Kraft und wenig Finesse in den Raum wirft. Dann werden beide, weiterhin gleichzeitig auf der geteilten Leinwand sichtbar, über die Umwege des Filmsets an den Scheiterhaufen geführt – einen Bühnenbau von lächerlich erhabener B-Movie-Schönheit. Béatrices Rolle wird vom Produzenten, ohne ihr Wissen, an den Kameramann weitergegeben, Charlotte wird von allen erdenklichen Seiten, auf alle erdenklichen Weisen bedrängt.

Kunst und die Kotzbrocken, die sie machen

All das passiert, während die Frauen durch das Labyrinth aus Studiobauten geschleust werden, das eine zunehmend wachsende und lauter werdende Schar von Filmschaffenden anlockt, die den Stress produziert, der schließlich in Richtung der filmischen Epilepsie vorantreibt. Ein überheblicher Nachwuchsfilmemacher klebt sich mit seinem Gebrabbel über ein „interessantes Projekt“ an Charlotte, Visagisten lauern ihr auf, um an den Haaren zu zerren oder ihren Teint zu kritisieren. Im Hintergrund tröpfelt Camille Saint-Saëns „Karneval der Tiere“, übertönt von Narzissmus und Missgunst der Filmemacher, Nachwuchstalente, Setarbeiter und -Besucher, deren Stimmen sukzessive schriller und aufdringlicher werden. Ein Filmjournalist nervt, wo er nur kann. Der zuvor zum Regisseur ausgerufene Kameramann hält Monologe über seine Arbeit mit Godard. Der Regieassistent brüllt ins Megafon. Die Assistentin nervt. Das Handy klingelt: die Tochter wurde in der Schule angefasst. Charlotte ruft zurück, erreicht niemanden und wird zum Schafott geführt. Das Licht fällt aus, kommt als permanentes Farbflackern zurück. Der Scheiterhaufen steht. Béatrice schreit.

Kunst und die Kotzbrocken, die sie machen, ist das, was von einem so vage zusammengeflickten wie eitel inszenierten Konzept übrig bleibt. „Lux Æterna“ kommt innerhalb seiner 50-minütigen Laufzeit nie zu einem stimmigen Gesamtgefüge zusammen, sondern zergeht stattdessen im farbigen Flackern eines Flickerfilms. Absolute Ekstase ist das nicht, aber immerhin ein Rausch.

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