Drama | USA 2019 | 89 Minuten

Regie: Werner Herzog

Ein Japaner arbeitet für eine Firma, bei der man Personal für diverse Anforderungen jenseits klassischer Berufe mieten kann, etwa Menschen, die in die Rolle von Familienmitgliedern schlüpfen. Ein Auftrag, bei dem er für ein Mädchen den Vater spielen soll, weckt in ihm allerdings echte Gefühle und stürzt ihn in einen inneren Konflikt. Ein auf reale Unternehmen in Japan bezugnehmendes Melodram, das unterhaltsam-klug anhand der seltsamen Vater-Tochter-Beziehung über die Ethik der Illusionskünste – auch des Kinos – und die Authentizität von Gefühlen reflektiert. (O.m.U.) - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
FAMILY ROMANCE, LLC.
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Werner Herzog
Buch
Werner Herzog
Kamera
Werner Herzog
Musik
Ernst Reijseger
Schnitt
Sean Scannell
Darsteller
Mahiro Tanimoto (Tochter) · Yuichi Ishii (Vater) · Miki Fujimaki · Takashi Nakatani · Shun Ishigaki
Länge
89 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama

Werner Herzog ließ sich von einem kuriosen japanischen Personaldienstleister zu einem Melodram über die Ethik der Illusion und die Authentizität des Gefühls inspirieren.

Diskussion

Ein Schüler seiner „Rogue Film School“, seiner unkonventionellen „Schurken-Filmakademie“ in Los Angeles, hatte Werner Herzog vom „Rental Family Service“ erzählt, der in Japan tatsächlich seit den 1990er-Jahren existiert. Da kann man „falsche“ Familienmitglieder mieten für Familienfeiern oder für gesellschaftliche Ereignisse wie Firmenjubiläen oder Ähnliches. Auch Großeltern oder „schöne Männer, die weinen“ oder eben Ersatzväter sind im Angebot. Denkbar ist auch, dass jemand gegen Honorar die Schuld für ein Vergehen bei der Arbeit übernimmt, was Herzog in seinem Film „Family Roamnce“ augenzwinkernd zitiert mit der Geschichte eines Mannes, der einen Zug zwanzig Sekunden zu früh abfahren ließ, wofür er sich peinlichst entschuldigen muss.

Ein Personal-Dienstleister der schrägen Art

Diese kleine Episode zeigt an, was man aus diesem Material auch hätte machen können: eine bizarre schwarze Komödie. Doch Herzog entzieht sich dieser Verführung, die das Sujet böte, gleich von Anfang an dadurch, dass er stilistisch zum sehr ernsten Melodram tendiert. Sehr schnell hatte er sich entschieden, diesen Film außerhalb der üblichen Produktionskonventionen mit kleinem Team und wackliger Handkamera zu drehen. Als Hauptdarsteller hatte er Yuichi Ishii verpflichtet, der tatsächlich ein Unternehmen mit derartigen Illusionskünstlern betreibt. Außerdem ist der Film komplett in Japanisch gedreht, das Herzog sich bei den Dreharbeiten in jeder Szene (teilweise angeblich von Computerprogrammen) übersetzen lassen musste.

Trotz dieser Randbedingungen ist so kein Doku-Fiction-Film entstanden. Vielleicht ist sogar die mehrfache Verfremdung des Stoffes dafür verantwortlich, dass dieser so besonders authentisch und echt wirkt.  Auch wenn die Hauptfigur Ishii von einer Baustelle als Fake-Darsteller zur anderen hetzt, so konzentriert sich alles sehr schnell auf die Frage: Was geschieht denn eigentlich, wenn in diesem Reigen der falschen Gefühle auf einmal echte Zuneigung entsteht? Das ist Hauptdarsteller Ishii nach eigener Aussage in seiner Funktion als Darsteller seiner Illusionsfirma tatsächlich schon passiert. Doch Herzog macht diese Frage zum Kern seiner fiktiven Geschichte, in der die Hauptfigur den Auftrag bekommt, für die 12-jährige Mahiro den Vater zu spielen, den sie nie kennen gelernt hat.

Eine Vater-Tochter-Liebe entsteht

Die beiden finden immer mehr zu ihren Rollen, wobei das junge Mädchen tatsächlich glaubt, seinen abwesenden Vater vor sich zu haben, während Ishii professionell immer neue künstlich erzeugte emotionale Momente kreiert, die ein Vater mit seiner Tochter erleben könnte. Mit Lampions erleuchtete Ruderboote oder die überwältigende Blütenpracht der Kirschbäume orchestrieren die langsam erwachende Liebe zwischen den beiden, die allerdings den abgebrühten Illusionskünstler immer mehr an seiner Profession zweifeln lassen. Welches Recht hat er überhaupt, dem Mädchen solche falschen Gefühle vorzuspielen, fragt sich Ishii und zweifelt damit mehr und mehr an den Grundlagen seiner Existenz, bis er schließlich seinen Auftrag an die Mutter, die ihn für seine Dienste bezahlt hat, zurückgibt.

Ebenso wie ihre Tochter hat auch diese inzwischen echte Gefühle entwickelt. Und wie geht es Ishii? Ist nicht sein Beruf sehr eng verwandt dem des Filmemachers, der ebenfalls Emotionen hervorruft, die er realiter nicht einlösen kann?

Es geht auch um die Ethik der Illusionskunst Film

Der Film besitzt trotz aller Leichtigkeit manche komödiantische Überhöhung, wenn Ishii etwa für eine ehemalige Lotteriegewinnerin den Moment ihres Glücks immer wieder neu hervorzaubert, und trotz der Schönheit seiner poetischen Traumgebilde zwischen „Vater“ und „Tochter“ vor allem auch moralisch, indem er die Ethik der schönen Illusionskunst Film aufs Trefflichste berührt. Und vielleicht ist es das Überraschendste an diesem Film eines 77-Jährigen, dass er wirkt wie die Arbeit eines Jungfilmers, der gerade erst dabei ist, das komplexe Gestrüpp seines Berufes und dessen Verantwortung zu entdecken.

Auch so kann ein Film über das Filmemachen aussehen, der ganz nebenbei auch die aktuell erreichte Künstlichkeit aller menschlicher Lebensäußerungen vom robotergesteuerten Hotel bis zur Doppel- und Dreifachexistenz in den Netzwerken des Digitalen aufnimmt und zeigt, dass es am Ende doch immer nur um die Authentizität der Gefühle geht. Aus 300 Stunden gedrehtem Material hat Werner Herzog einen seiner persönlichsten Filme gemacht – und das auch noch in einer fremden Sprache: Wie findet man das Glück und wie muss ein Film aussehen, der einem bei der Suche danach behilflich sein kann? Jeden folgenden Herzog-Film wird man nach dieser selbstreflexiven Bestandsaufnahme mit anderen Augen anschauen – auch wegen seiner schlichten Schönheit als fast naives Melodrama.

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