Die Einzelteile der Liebe

Tragikomödie | Deutschland 2019 | 97 Minuten

Regie: Miriam Bliese

Stationen der abwechslungsreichen Beziehung eines jungen Berliner Paares über einen Zeitraum von sechs Jahren, die nachvollziehen, warum die beiden in der Gegenwart an sich gescheitert sind. Dabei verzichtet der vorzüglich gespielte Film, der zur Gänze vor dem Haus und in der Wohnung des Paares spielt, auf laute Aus- und Aufbrüche, sondern entdeckt die zunehmende Entfremdung vor allem in Zwischentönen. Eine genaue, kraftvolle und glasklare Studie, die von schöner Lakonik, Sentiment und Selbstironie lebt. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Miriam Bliese
Buch
Miriam Bliese
Kamera
Markus Koob
Schnitt
Dietmar Kraus
Darsteller
Ole Lagerpusch (Georg) · Birte Schnöink (Sophie) · Sophia Burtscher (Monika) · Andreas Döhler (Fred) · Justus Fischer (Jakob)
Länge
97 Minuten
Kinostart
22.08.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Tragikomödie
Diskussion

Genaue Studie über die abwechslungsreiche Beziehung eines jungen Berliner Paares über einen Zeitraum von sechs Jahren, die Gründe für das Scheitern ihres Zusammenlebens in fein beobachteten Details und Zwischentönen findet.

Miriam Bliese hat mit „Die Einzelteile der Liebe“ einen schönen, kraftvollen und glasklaren Film inszeniert. Die sachliche, aber zugleich wärmende und behütende 1950er-Jahre-Architektur des Berliner Hansaviertels, in dem er zu weiten Teilen gedreht wurde, korrespondiert unaufdringlich mit der Wechselstimmung der Figuren. Hier, meist draußen zwischen Betonwänden und Balkonen, Grünflächen und dem breiten Eingang zur Tiefgarage, vollzieht sich ein Reigen der Gefühle. Der Film, der mit einem hasserfüllten Schrei beginnt, gönnt sich danach, in den Rückblenden, viele ruhige Momente. Groteske Szenen kippen in tiefste Verzweiflung, so wenn das Baby in der Wohnung schreit, das Paar den Schlüssel vergessen hat und nun irgendwie versucht, über einen Balkon ins Haus einzusteigen. Gleich darauf folgt ein Motiv zärtlicher Geborgenheit: Georg singt, um das Kind zu beruhigen, über das Babyphon eine Schnulze, und Sophie legt ihren Kopf an seine Schulter: Georgs Lied tröstet auch sie selbst.

Georg und Sophie hatten sich kennengelernt, als die junge Frau hochschwanger von ihrem Freund verlassen wurde. Ihre erste Begegnung entbehrt nicht einer gewissen Komik: Sie schiebt, als er ihr helfen will, ins Krankenhaus zu kommen, mit dickem Bauch sein Auto an. Das ist der Beginn einer offenen Zweierbeziehung, von der Miriam Bliese nun in Ellipsen erzählt. Von der Gegenwart aus kehrt der Film in Zeitsprüngen in die Vergangenheit zurück; die jeweils verflossenen Jahre werden durch Zwischentitel markiert.

Zunehmende Entfremdung in Zwischentönen

Die Gegenwart: Das ist ein schwieriges Feld. Georg hat Sophies mittlerweile sechsjährigen Sohn Jakob, den er längst auch als seinen eigenen begreift, gleichsam „entführt“, weil er ihm zu oft vorenthalten wurde. Nun streiten sie ums Sorgerecht. Der Film erkundet, wie es dazu kam. Auf ihrer Suche nach Ursachen findet Miriam Bliese freilich kaum laute Aus- und Aufbrüche, sondern entdeckt die zunehmende Entfremdung des Paares vor allem in Zwischentönen: ein verletzender Satz, eine denunzierende Geste, ein abschätziger Blick, das schleichende Gift des voneinander Genervtseins, der Schuldzuweisungen. Liebe und Verrat, Hoffnung und Enttäuschung, Zuneigung und Distanz. Als der Architekt Georg ein Angebot nach Rotterdam erhält und Sophie mit einem Kollegen schläft, eskaliert die längst latente Krise. Der Satz über ihren Sohn: „Er ist ja nicht mal von Dir!“, trifft Georg schwer. Nun scheint es keine Brücke mehr zueinander zu geben.

Birte Schnöink und Ole Lagerpusch spielen diese Szenen einer Ehe vom ersten Flirt bis zur Trennung lakonisch und differenziert. Beide Figuren changieren zwischen Anlehnungsbedürfnis, Verlustangst, Zärtlichkeit, Zorn – und Selbstironie. Sie können beide nicht begreifen, wie es dazu kam, sich trennen zu wollen. Und doch sind sie wie gefangen in dem Zustand, in den sie geraten sind. Beide leuchten dabei in den unterschiedlichsten Grautönen: Damit kommt der Film den modernen, nicht hippen, dafür im Alltag verankerten jüngeren städtischen Intellektuellen durchaus nah.

Vor dem Haus und vor der Wohnung

Das alles findet vorwiegend vor dem Haus, teilweise auch vor und in der Wohnung des Paares statt. Ein natürliches Setting, und doch eine Art Bühnenkonstruktion. Ein Versuchsfeld, in das schließlich ein weiterer Beteiligter gerät: Fred (Andreas Döhler), von Beruf Strafverteidiger, der neue Freund Sophies. Vorsichtig tastend stimmt die Dramaturgie auf eine denkbare Dreiecksbeziehung ein: Dank des weichen, sensiblen Fred kommen sich Sophie und Georg tatsächlich wieder näher. Wunderbar anzusehen ist, wie Miriam Bliese die Möglichkeit der Versöhnung mit zugleich sentimentalen wie ironischen Elementen verknüpft. Da verlangt der Sohn, dass Sophie und Georg gemeinsam mit ihm „Liebeskummer lohnt sich nicht“ singen, was schiefgeht. Am Ende gelingt dann doch ein gemeinsamer Gesang: Rudi Carrells „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“, ein Schlager als Seelentröster. Ein versöhnlicher Ausgang, eine kleine Utopie.

Bei allem Spaß, den Miriam Blieses Film macht, sei an eine Sentenz von Luchino Visconti erinnert. Auf die Frage, ob er Probleme damit habe, dass sich junge Regisseure gegen die Alten auflehnen, meinte er: Nein, nein, das sei ganz normal, nur dürften die Jungen nicht in privaten Geschichten verharren, nicht immer nur um den eigenen Bauchnabel kreisen, das sei auf Dauer langweilig und würde dem Zustand der Welt nicht gerecht. Damals führte er den Vietnamkrieg an, die rebellischen Studenten, die Rassenunruhen. Das ließe sich, mit durchaus existentiellen Fragen und Sorgen, fortschreiben bis heute. Angesichts dessen sei der jungen deutschen Regie-Generation, die sich immer wieder und viel zu oft an Filmen über die Kümmernisse ihres Alltags abarbeitet, ans Herz gelegt: Mehr Welt wagen!

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