Domino - A Story of Revenge

Rache-Drama | Dänemark/Frankreich/Belgien/Italien/Niederlande 2019 | 85 Minuten

Regie: Brian de Palma

In Kopenhagen hadert 2020 ein dänischer Polizist mit dem Tod seines Partners, der bei einem gemeinsamen Einsatz gegen IS-Terroristen getötet wurde. Angetrieben von Rachegelüsten und unterstützt von einem zwielichtigen CIA-Agenten macht er sich auf die Suche nach dem Mörder und dessen Hintermännern, die weitere Anschläge in Stierkampf-Arenen und auf Filmfestivals planen. Der über weite Strecken lustlos inszenierte und gespielte Thriller erinnert nur gelegentlich an die frühere Klasse seines Regisseurs Brian de Palma. Als selbstreflexiver Metafilm zum Gesamtwerk des Filmemachers dennoch von Interesse. – Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
DOMINO - A STORY OF REVENGE
Produktionsland
Dänemark/Frankreich/Belgien/Italien/Niederlande
Produktionsjahr
2019
Regie
Brian de Palma
Buch
Petter Skavlan
Kamera
José Luis Alcaine
Musik
Pino Donaggio
Schnitt
Bill Pankow
Darsteller
Nikolaj Coster-Waldau (Christian) · Carice van Houten (Alex) · Eriq Ebouaney (Ezra Tarzi) · Guy Pearce (Joe Martin) · Søren Malling (Lars Hansen)
Länge
85 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Pädagogisches Urteil
– Ab 16.
Genre
Rache-Drama | Thriller

Heimkino

Verleih DVD
Koch Media
Verleih Blu-ray
Koch Media
DVD kaufen
Diskussion

Ein dänischer Polizist will den Mörder seines Kollegen zur Strecke bringen, der bei einem gemeinsamen Einsatz gegen IS-Terroristen getötet wurde. Ein nach siebenjähriger Produktionszeit doch noch fertiggestellter Paranoia-Thriller von Brian de Palma, der vor allem als selbstreflexiver Metafilm von Interesse ist.

Ich habe immer gesagt, dass ein Film 24 Mal in der Sekunde lügt. Das ist die Antithese zu Jean-Luc Godard, der behauptete, Film sei die Wahrheit 24 Mal in der Sekunde. Das ist Unfug. Film lügt immer“, hat Brian de Palma bereits Ende der 1970er-Jahre erklärt. Getreu diesem Denkmuster hat der bald 80-jährige und einst so gefeierte Regisseur offensichtlich auch den Paranoia-Thriller „Domino – A Story of Revenge“ gedreht. Denn scheinbar jede Einstellung „lügt“ hier von Beginn an. Und eine Reihe von Bildern wirken exakt so, als ob sie extra verfremdet worden wären, um ja nie den Anschein von Wahrheit oder Authentizität aufkommen zu lassen.

Lange Zeit war es unklar, ob diese Produktion nach „Passion“ (2012) je fertig werden würde. Finanziert durch mehrere europäische Geldgeber, arbeitete de Palma mit einem internationalen Darstellerensemble fast sieben Jahre lang an diesem eigenwilligen Thriller-Hybriden, der weder über klassische Agentenfilm- noch konventionelle „Who-done-it?“-Strukturen verfügt und auch keine rasanten Verfolgungsjagden oder einen besonders kaltblütig-zynischen Inszenierungsstil besitzt, für den sein Schöpfer einmal weltberühmt war.

„Shock and wonder cinema“

Stattdessen plätschern mitunter komplette Sequenzen merkwürdig blutarm vor sich hin, was so gar nicht zu Brian de Palmas früherem Schock-Kino passt, das sich oft genug durch einen starken Voyeurismus, garstige Mordszenen sowie eine aufregende sexuelle Grundstimmung auszeichnete. „Shock and wonder cinema“ hatte die US-amerikanische Filmkritik diesen ausgefeilten Regiestil zu Beginn der 1980er-Jahre sehr treffend bezeichnet.

Ob es das an den massiven finanziellen Engpässen lag, die die Dreharbeiten zeitweise sogar stoppten? Oder am fehlenden Recht des Regisseurs auf den „Final Cut“ im Schnittraum? Jedenfalls nimmt diese Geschichte um einen dänischen Polizisten (Nikolaj Coster-Waldau), der plötzlich auf Rache sinnt, weil seinem Kollegen (Søren Milling) bei einem gemeinsamen Einsatz von einem IS-Kämpfer namens Ezra (Eriq Ebouaney) die Kehle durchgeschnitten wurde, nie Fahrt auf. Wahrscheinlich liegt das schon am dramaturgisch höchst unbefriedigenden Drehbuch von Petter Skavlans, das keine packende „Tag der Abrechnung“-Atmosphäre aufkommen lässt und weder durch die Story um die Ermittler noch die der Attentäter um Ezra Tarzi fesselt, der einem anderen IS-Terroristen hinterherjagt, weil der seinen Vater in Libyen ermordet hat.

Auch die im Hintergrund agierende Figur eines nebulösen CIA-Agenten, dem Guy Pearce schauspielerisch eine gewisse Kontur verleiht, bleibt wie so vieles unausgegoren. Zwischendurch streift der Film zwar immer wieder vertrautes de-Palma-Territorium, das sich seit Jahrzehnten aus dessen Faszination für Voyeurismen, Technologien und Manipulationen sowie einem gehörigen Misstrauen gegenüber Autoritäten und Institutionen speist. Auch gelingen dem Kameramann José Luis Alcaine ein paar waghalsige Kunststücke, etwa in der anfänglichen Verfolgungsjagd auf den Dächern von Kopenhagen, die im de-Palma-Universum ein weiteres Mal auf Hitchcocks „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ (1958) verweist und bemerkenswert ausgeleuchtet wurde. Auch Split-Diopter- oder Zeitlupenaufnahmen kommen zum Einsatz, wenngleich sie das holprige Erzähltempo und den hanebüchenen Plot keineswegs kaschieren können.

Die perverse Macht der Bilder

Am spannendsten wird der (Anti-)Terrorthriller immer dann, wenn die IS-Milizen über die Macht der Bilder reflektieren, die ihre grausamen Taten auslösen und mit denen sie in Echtzeit via Social Media und Live-Reporting quasi ein zweites Mal zuschlagen. Auf diese Weise wird eine IS-Kämpferin für einen Anschlag bei einem Filmfestival gleich mit zwei Kameras bewaffnet: eine für ihr entschiedenes Gesicht, während die andere die zerschossenen Körper der Opfer abbildet und ins Internet stellt. Hier wird de Palmas schaurig-schöner, aber auch grausig-desillusionierender Blick auf die conditio humana zumindest in Ansätzen spürbar.

Was am Ende dieses polymorphen Genrefilms in Erinnerung bleibt, ist weniger der titelgebenden Dominostein, der durch die lieblose Inszenierung eher forciert denn überraschend zum Kippen gebracht wird, sondern vor allem die Tatsache, dass der 1940 geborene Filmemacher längst im autoreflexiven Alterswerk angekommen ist. Ähnlich wie Werner Herzog mit „Salt And Fire“ (2016) oder Paul Schrader mit „Dog Eat Dog“ (2016) ist Brian de Palmas „Domino – A Story of Revenge“ ein kapriziöser, selbstreferenzieller Schwanengesang auf die eigene Kinovergangenheit: „The times they’re a-changing“; lediglich Brian-de-Palma-Exegeten werden daran ihre helle Freude haben.

Im Grunde genommen folgt der Regisseur damit aber weiterhin der provokanten Geringschätzung seines eigenen Werks: „Ich drehe ja nur einen Film. Es ist nicht Shakespeare, es ist ein Film! Wenn er gut wird, umso besser. Wenn er nicht so gut wird: auf zum nächsten.“

 

Kommentar verfassen

Kommentieren