Die Neue Zeit

Drama | Deutschland 2019 | 265 (sechs Episoden) Minuten

Regie: Lars Kraume

Sechsteilige Serie über die Gründungsphase der Kunst- und Designschule „Bauhaus“, die sich nach dem Ersten Weltkrieg im Leben wie in der Kunst dem Kampf gegen Konventionen verschrieb. Im Zentrum stehen die ersten Weimarer Jahre um seinen Direktor Walter Gropius und dessen Liaison mit der Studentin Dörte Helm. In einer Mischung aus Kammerspiel und Tableau-Szenen erschließt die gut besetzte und glänzend ausgestattete Historien-Serie wichtige Aspekte des Bauhauses und seines zeitgenössischen Umfelds, bleibt inszenatorisch aber weithin den ästhetischen Mitteln gängiger TV-Event-Movies verhaftet. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Lars Kraume
Buch
Lars Kraume · Judith Angerbauer · Lena Kiessler
Kamera
Jens Harant
Musik
Christoph M. Kaiser · Julian Maas
Schnitt
Barbara Gies · Jens Klüber
Darsteller
August Diehl (Walter Gropius) · Anna Maria Mühe (Dörte Helm) · Valerie Pachner (Gunta Stölzl) · Ludwig Trepte (Marcel Breuer) · Sven Schelker (Johannes Itten)
Länge
265 (sechs Episoden) Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Historienfilm | Künstlerporträt | Serie

Heimkino

Verleih DVD
Constantin
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Diskussion

Sechsteilige Historien-Serie um die einflussreiche Kunst- und Designschule „Bauhaus“, dessen turbulente Weimarer Anfangsjahre weitgehend aus weiblicher Perspektive dargestellt werden.

Im Jahr 1963 empfängt der 80-jährige, weltbekannte Architekt Walter Gropius (August Diehl) in seinem New Yorker Appartement eine „Vanity Fair“-Journalistin für ein langes Interview. Angestachelt durch Hochprozentiges, zwischen Designklassikern sitzend und mit eindeutig profeministischem Furor in der Stimme provoziert Stine Branderup (Trine Dyrholm) den greisen Gründungsdirektor des Bauhauses mit unangenehmen Fragen über die Gleichberechtigung der einst wirkungsmächtigsten Kunsthochschule des 20. Jahrhunderts.

Der anfänglich konsternierte Gropius kontert zuerst mit Exkursen zu Johannes Ittens Farbenlehre oder erinnert an die Ankunft des Malers Wassily Kandinsky in Weimar, doch die renitente Fragestellerin interessiert sich keineswegs dafür. Genauso wenig wie für Paul Klees Mal- oder Anni Albers’ Webtechniken, auf die Gropius auch zu sprechen kommt. Die mondän gekleidete Journalistin mit dem Veilchen unter der Sonnenbrille will von vornherein mehr über eine angebliche Affäre des charismatischen Gropius mit der 1941 verstorbenen Bauhaus-Schülerin Dörte Helm (Anna Maria Mühe) wissen, auf die sie bei ihren Recherchen gestoßen ist.

Eine große Begabung: Dörte Helm

Schnitt. Weimar 1919. In dem von alten Eliten geprägten und zunehmend deutschnational gesinnten Städtchen an der Ilm beginnt für eine Reihe von Studenten am jüngst gegründeten „Staatlichen Bauhaus“ die titelgebende „Neue Zeit“, die Regisseur Lars Kraume anhand des künstlerischen Werdegangs der heute weitgehend vergessenen Dörte Helm (1898-1941) erzählt, die Anna Maria Mühe in sechs abwechslungsreichen Episoden solide verkörpert.

Als kunstfertige, durchaus begabte junge Frau hat sie es als Tochter eines reaktionären Professors für Altphilologie (Hanns Zischler) und einer jüdischen Mutter ans neu gegründete Bauhaus geschafft. Ihre technische Finesse ist vielversprechend, doch mit ihrer malerischen Ausdruckskraft hadert sie noch. Zunächst fühlt sich die aus ihrem bürgerlichen Milieu fliehende, sexuell verklemmte Schülerin inmitten all der progressiven Kunst- und Lebensideen um sie herum eher fehl am Platz: Eine Kopistin sei sie, mehr nicht, obwohl ihre Kommilitonin Gunta Stölzl (Valerie Pachner) Helms großes Talent schnell erkennt. Selbst der agile Hochschuldirektor Gropius macht ihr bei einem der legendären Bauhaus-Feste, die eher zahm inszeniert sind, ernste Avancen, sieht aber gleichzeitig ihre besondere künstlerische Begabung.

Weimar als erste Station

Im Gegensatz zu Gregor Schnitzlers verkitscht-missratenem Bauhaus-Film „Lotte am Bauhaus“), in dem Dörte Helm ebenfalls eine zentrale Figur ist, fokussiert Kraume, der gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Lena Kiessler und Judith Angerbauer das Drehbuch geschrieben hat, von Beginn an auf einen weiblichen Blickwinkel, aus dem er das männerdominierte Bauhaus wie auch die zeitgeschichtlich komplexen Umstände betrachtet, in denen die legendäre Kunsthochschule nach dem Ende des Ersten Weltkriegs entstand. Noch im Schützengraben lässt der Soldat Walter Gropius seinen Wunsch, das Bauhaus in Weimar zu gründen, nach Hause telegrafieren, womit erstaunlicherweise auch Kraumes Mini-Serie beginnt.

Angereichert durch visuell etwas bieder in Szene gesetzte, aber historisch weitgehend korrekte Nebenstränge, die vom „Kapp-Putsch“ bis zu kommunistischen Konterrevolutionsversuchen reichen, punktet „Die Neue Zeit“ als ambitionierte deutsche Historien-Serie mit einer gelungenen Mixtur aus Kammerspiel- und Tableau-Szenen. Lars Kraume standen dafür über 80 Charaktere und 3800 Komparsen zur Verfügung, die er in den Straßenkampf- wie Atelierszenen en gros souverän dirigiert.

Bis in Nebenrollen hervorragend besetzt

Zudem sorgen vereinzelte, formal klug eingesetzte Gestaltungsmittel wie Handkamera, Freeze Frames oder Zeitlupenaufnahmen dafür, dass „Die Neue Zeit“ wenigstens zeitweise den Versuch unternimmt, konventioneller TV-Event-Ästhetik zu entkommen, ohne allerdings konsequent avantgardistische Ausdrucksmittel einzusetzen, wie es Rainer Werner Fassbinder in der Serie „Berlin Alexanderplatz“ oder in „Despair – Eine Reise ins Licht“ schon Ende der 1970er-Jahre auf mannigfaltige Weise vorexerzierte.

Immerhin dreht sich die ambitionierte, in den letzten drei Episoden aber doch rechte blasse Serie um die einflussreichste Kunst-, Design- und Architekturschule des 20. Jahrhunderts: Das schreit dramaturgisch wie ästhetisch geradezu nach einer mutigen, progressiven Inszenierung, die Kraume allerdings schuldig bleibt. Viel zu sehr setzt er oft nur auf das gelungene Spiel seiner Akteure wie Sven Schelker, der den umstrittenen Johannes Itten während des berüchtigten Bauhaus-Vorkurses in all seiner Manie und Rätselhaftigkeit glänzend verkörpert. Die Vertreter der „Neuen Zeit“ sind bis in kleinste Nebenrollen hervorragend besetzt, und auch das aufwändige Kostüm- und Szenenbild trägt dazu bei, dass die Prestige-Produktion nur selten ins rührselig-harmlose Fernsehformat abdriftet.

Radikal der Zukunft zugewandt

Trotzdem hätte es der Produktion nicht geschadet, insgesamt deutlich mehr Experiment zu wagen. Denn das tatsächliche Bauhaus war radikal zukunftsgewandt, progressiv in seinen Mitteln und historisch bewusst gegen seine Entstehungszeit gebürstet. Davon ist in „Die Neue Zeit“ nur vereinzelt etwas zu spüren. 

 

Erstausstrahlung im Fernsehen:

am 5.9.2019 und 12.09.2019 (jeweils 3 Episoden ab 20.15 Uhr) auf ARTE und vom 15.09.2019 bis zum 17.09.2019 im ZDF (jeweils um 22.15 Uhr und 23.00 Uhr) und ab sofort vollständig abrufbar in der ARTE-Mediathek (bis zum 3.12.2019)

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