Historienfilm | Spanien/Frankreich/Brasilien/Belgien 2019 | 123 Minuten

Regie: Olivier Assayas

Die Geschichte der sogenannten „Cuban Five", eines Netzwerks kubanischer Agenten, die in den 1990er-Jahren als angebliche Regime-Flüchtlinge von Kuba in die USA eingeschleust wurden, um dort Organisationen von Exil-Kubanern zu infiltrieren und deren Sabotage- und Terrorismus-Akte gegen den kommunistischen Inselstaat zu vereiteln. Dabei zeichnet der Film, ohne sich ideologisch auf eine Seite zu schlagen, jenseits aller Spionagefilm-Dramaturgien ein ganzheitliches Bild der Ereignisse und der daran beteiligten Figuren, was dazu führt, dass die familiären Hintergründe und zwischenmenschlichen Beziehungen einen ähnlich großen Raum einnehmen wie die Genre-Elemente mit actiongeladenen Einsätzen für oder gegen Kuba. Ein vielstimmiges Zeitbild, das sich dank der Nähe zu den Figuren auch zur interessanten Studie über die moralischen Zwickmühlen rundet, die mit der Agenten-Arbeit einhergehen: Der politische Idealismus macht sich ständig die Hände schmutzig, und den Preis dafür zahlen im Zweifelsfall nie nur die Agenten, sondern vor allem jene, die ihnen nahestehen. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
WASP NETWORK
Produktionsland
Spanien/Frankreich/Brasilien/Belgien
Produktionsjahr
2019
Regie
Olivier Assayas
Buch
Olivier Assayas
Kamera
Yorick Le Saux · Denis Lenoir
Musik
Eduardo Cruz
Schnitt
Simon Jacquet
Darsteller
Edgar Ramírez (René González) · Penélope Cruz (Olga Salanueva) · Gael García Bernal (Gerardo Hernandez) · Wagner Moura (Juan Pablo Roque) · Ana Celia de Armas (Ana Margarita Martinez)
Länge
123 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Historienfilm | Literaturverfilmung | Politthriller

Ein Spionage-Film um die sogenannten "Cuban Fives" von Regisseur Olivier Assayas

Diskussion

Havanna im Dezember 1990. Der Eiserne Vorhang in Europa ist gefallen, aber Kuba, die kleine, unbeugsame lateinamerikanische Insel und ihr sehr spezieller karibischer Kommunismus widerstehen dem gar nicht mehr diskreten Charme der US-amerikanischen Weltmacht. Nichts scheint die über 30 Jahre alte Herrschaft des Revolutionärs Fidel Castro erschüttern zu können. Doch eines Morgens schnappt sich René González (Edgar Ramírez), ein kubanischer Linienpilot, ein kleines Sportflugzeug, durchbricht die kubanische Flugabwehr, Frau und Tochter zurücklassend, und fliegt übers Meer in die USA. In Florida beginnt er ein neues Leben. Schnell findet er sich unter den Exilkubanern und ihren Dissidentenorganisationen zurecht. Und bald beginnt er sich auch gemeinsam mit anderen an Aktionen zur Destabilisierung der Castro-Regierung zu beteiligen...

Wer sind hier die Guten?

Ist das wirklich eine Geschichte, wie sie der französische Regisseur Oliver Assayas erzählen möchte? Diese Frage stellt sich schnell bei der Betrachtung von „Wasp Network“. Und weitere Fragen beunruhigen zusehends: Wer ist hier eigentlich wer? Was tut René González wirklich? Und was hat sein noch viel undurchsichtigerer Landsmann Juan Pablo Roque (Wagner Moura) vor? Vor allem aber: Wer sind „die Guten“? Erst wenn solche Fragen auftauchen und uns in der Betrachtung kurz in einen Abgrund stürzen, wird wieder klar, wie uns jene Konventionen normalerweise in Sicherheit wiegen, mit denen dieser Film zunächst systematisch bricht.

Von Anfang an arbeitet Assayas sehr bewusst mit der Desorientierung seiner Zuschauer und entfaltet ein Vexierspiel aus falschen und echten Identitäten, gültigen und gebrochenen Loyalitäten. Er weckt Sympathien, die er wieder erschüttert und umgekehrt – nur um seinem Publikum eine Ahnung von der Chaotik und vom Gefühlsleben der Figuren zu geben.

Wichtiger aber als Figuren und ihre Psychologie ist – wie der Filmtitel bereits andeutet – das, was diese Figuren und ihre Gegenspieler zusammenhält: Ein Netzwerk aus komplexen Beziehungen, das Zusammenspiel von Akteuren, Interessen, Ideologie, Technik und Politik.

Die wahre Geschichte der „Cuban Five“ als Vexierspiel der Perspektiven

Mit viel Geduld und Lust an der Verwirrung der Perspektiven erzählt der französische Regisseur die wahre Geschichte jener Handvoll kubanischer Agenten, die als „Cuban Five“ in die Geschichte eingingen und in den 1990er-Jahren die rechtsextremen exilkubanischen Netzwerke im US-Bundesstaat Florida unterwanderten. Vor allem in diesem, Kuba am nächsten gelegenen Bundesstaat bilden die Exil-Kubaner bis heute eine mächtige Enklave mit eigenen Moden, Gesetzen, einem gesellschaftlichen System aus Klassen und Hierarchien und mafiösen Substrukturen.

Zusammengehalten wird das alles zum einen von der gemeinsamen Sehnsucht nach Rückkehr auf die Insel Kuba – allerdings ein imaginäres, idealisiertes Kuba, das von Castro und seinem karibischen Kommunismus gereinigt ist. Zum anderen durch einen Anti-Kommunismus, besser Anti-Castroismus, der diesem an Leidenschaft, Entschlossenheit und ideologischem Furor nicht nachsteht.

Politik als komplexes Handeln in Netzwerken

Der Film lässt sich viel Zeit, um diese sehr eigene Welt zu entfalten. Und er tut dies so unparteiisch und offen, dass jeder, der nicht weiß, wovon der Film handeln wird, glauben könnte, hier stünden sympathische Ex-Kubaner und Castro-Hasser im Zentrum. Assayas zeigt das schillernde Leben dieser Exilkubaner, ihre Unterstützung für flüchtende Landsleute, ihre Terrorakte gegen Bettenburgen für West-Touristen auf Kuba, Attentatspläne und Putschversuche gegen Castro; und er schildert, wie all dies durch schmutziges Drogengeld finanziert wurde. Und dass die amerikanische Regierung unter Bill Clinton das alles wusste und duldete, solange es möglich war.

Denn auch wenn er sich soweit möglich an belegbare Fakten hält, hat Assayas natürlich keinen Dokumentarfilm gedreht, sondern einen dynamischen Genrefilm, der Politik nicht als das Spiel einsamer großer Männer und Frauen zeigt, sondern als komplexes Handeln in Netzwerken und oft genug im Verborgenen.

Assayas vermeidet gradlinige Erzählweisen und brave Chronologien. Das macht diesen Film anspruchsvoll, aber für eine Serien-Plattform wie Netflix besonders geeignet. Statt klar verteilter Gut-Böse-Rollen versteht man das hochkomplexe Wechselspiel aus Spionage und Gegenspionage, aus Masken, unter denen neue Masken sichtbar werden, im Verlauf des Films immer besser. Erkennbar bewegt der Regisseur sich dabei auf den Spuren seines Welterfolgs „Carlos“, dessen Hauptdarsteller Edgar Ramírez auch hier wieder eine Hauptrolle spielt.

Einfallsreich gefilmte Flugszenen

Assayas inszeniert in dem für ihn typischen, sehr anspruchsvollen Stil: Mit schneller, rhythmischer Montage, zum Teil Parallelmontagen, und einer immer in Bewegung bleibenden Steadycam wird die Handlung dynamisiert. Es gibt eine ganze Reihe von großartigen, einfallsreich gefilmten Flugszenen, bei denen dem Team zugutekam, dass es die seltene Genehmigung bekam, auf und über Kuba zu drehen.

Assayas nimmt sich viel Zeit für die Darstellung des Spionagehandwerks: Wie wurde in den frühen 90ern, vor Internet und Mobiltelefonen technisch kommuniziert? Aber auch: Wie findet man sich in einer westlichen Gesellschaft mit exzessivem Konsum und gleichzeitig rundum versichertem Leben zurecht, wenn man zuvor auf Kuba aufwuchs? Schließlich: Wie sah (und sieht?) ganz konkret der hierzulande nicht bekannte alltägliche Exilkubaner aus, der einen „regime change“ auf Kuba herbeiführen will? Wie ein Exkurs nimmt sich jene Passage aus, in der Assayas die Geschichte eines Mittelamerikaners erzählt, der als Bombenleger nach Kuba eingeschleust wird.

Was Verrat ist, liegt im Auge des Betrachters

Wovon Assayas hier in Form eines emotionalen Thrillers auch noch erzählt, ist Verrat. Aber während im klassischen Spionagethriller die moralischen Frontlinien einigermaßen klar abgesteckt sind, geraten sie hier ins Schwimmen: Weil Verrat im Auge des Betrachters liegt, sind in diesem Film irgendwie alle Verräter: Die Exilkubaner für die kubanische Regierung und umgekehrt. Aber auch René González. Als er sich zu Beginn auf seinen Flug aufmacht, weiß seine Frau Olga (Penélope Cruz) nichts davon. Jahrelang muss sie glauben, ihr Mann sei ein Verräter. Am deutlichsten werden die persönlichen Dilemmata in der Figur des Juan Pablo Roque. Der kubanische Elitesoldat, dessen scheinbarer Übertritt damit beginnt, dass er durch eine Meeresbucht an den Strand der US-Enklave Guantanamo schwimmt, findet, so scheint es, tatsächlich einigen Gefallen am kapitalistischen Leben in der neuen (Wahl-)Heimat. Vor allem aber findet er eine neue Ehefrau, der er jahrelang eine falsche Existenz vortäuscht.

Alle Figuren hier sind auf ihre Art Patrioten mit Gefühlen, Leidenschaften, Schwächen und jeweils persönlichen Beweggründen für den politischen, mitunter gewalttätigen Kampf. Zugleich sind sie auf ihre Art auch eiskalte Agenten mit Doppelleben. So ist Assayas ein Spionagethriller voller Ambivalenzen geglückt, der gleichzeitig sein Soll erfüllt, indem er eine jederzeit spannende, oft überraschende Geschichte erzählt.

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