Drama | USA 2019 | 135 Minuten

Regie: Noah Baumbach

Eine Schauspielerin trennt sich von ihrem Mann, einem bekannten New Yorker Theaterregisseur, in dessen Truppe sie spielte, und will eine Filmkarriere in Los Angeles verfolgen. Zum Streitpunkt zwischen den einstigen Liebenden wird vor allem der kleine gemeinsame Sohn, den die Mutter mit an die Westküste nehmen will. Als die Frau sich für eine Scheidung entscheidet und Anwälte ins Spiel kommen, wächst sich der Beziehungskollaps zum erbitterten juristischen Grabenkampf aus; ohne dass dies jedoch die Bindung, die zwischen dem Paar bestand, ganz erodieren würde. Ein ebenso emotionales wie differenziertes, vom Ende aus gesehenes Ehe-Porträt, das virtuos zwischen Screwball-Komödie und Drama balanciert und von sowohl durchs Drehbuch als auch durch die Darsteller ungemein vielschichtig gezeichneten Figuren lebt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
MARRIAGE STORY
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Noah Baumbach
Buch
Noah Baumbach
Kamera
Robbie Ryan
Musik
Randy Newman
Schnitt
Jennifer Lame
Darsteller
Scarlett Johansson (Nicole) · Adam Driver (Charlie) · Laura Dern (Nora Fanshaw) · Ray Liotta (Jay) · Julie Hagerty (Sandra)
Länge
135 Minuten
Kinostart
21.11.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Komödie
Diskussion

Noah Baumbachs Porträt einer Ehe, von ihrem Scheitern aus betrachtet. Ein ungemein vielschichtiges, tragikomisches Drama mit Adam Driver und Scarlett Johansson.

Scheidungsfilm – ein hässliches Wort. Man denkt vielleicht an „Der Rosenkrieg“, dessen deutscher Titel als Synonym heftiger Auseinandersetzungen zwischen Noch-Eheleuten in den Duden kam. Aber Barbara und Oliver Rose in der Kinofarce von 1989 ringen um Haus und Besitz, während sich Nicole und Charlie in Noah Baumbachs hinreißend-aufwühlendem neuen Film vor allem um ihren achtjährigen Sohn Henry (Azhy Robertson) sorgen. Es muss eine Lösung gefunden werden, denn von Filmbeginn an will Nicole (Scarlett Johansson) nicht nur die Trennung, sondern auch von New York nach Los Angeles ziehen. Der ehemalige Star einer Jugendserie will in Kalifornien, wo sie aufwuchs, die Filmkarriere wiederaufnehmen. Bald beginnen dort die Dreharbeiten für einen Fantasy-Pilotfilm mit Nicole in der Hauptrolle. So heißt es Abschiednehmen von ihrem New Yorker Leben als Bühnendarstellerin in den Stücken, die ihr Gatte Charlie (Adam Driver) inszenierte.

Die Mitglieder der zum Broadway aufstrebenden Theatercompany können es noch gar nicht glauben: „Charlie & Nicole“, zehn Jahre lang ein Dreamteam, das gerade für eine ambitionierte Sophokles-„Elektra“ gefeiert wird, soll der Vergangenheit angehören? Und natürlich ist das Theatergenie Charlie – halb Manhattan liegt ihm zu Füßen – völlig fassungslos über das mögliche Zerbrechen einer Kleinfamilie, wie sie in Hollywood-Drehbüchern steht.

Vom Beziehungs-Kollaps zum Scheidungs-Grabenkampf

Sogar der Filmtitel scheint den Sinn einer Trennung in Abrede zu stellen: „Marriage Story“ beginnt mit zwei Auflistungen: Nicole und Charlie haben in der Ehetherapie notiert, was sie an ihrem Partner mehr oder weniger schätzen. Die filmische Umsetzung dieser Listen als doppelte Montagesequenz stellt Baumbach gleich an den Beginn des Films. Die kleinen Fehler des Partners sind kaum der Rede wert. Man ahnt schon, dass die munteren Collagebilder später Flecken bekommen werden. Noch in der Therapiesitzung weigert sich Nicole, ihre Notizen vorzutragen. Anders als Charlie ist sie unzufrieden mit der Liste – wie mit ihrem ganzen Leben in New York. Noch erwägt sie eine Trennung auf Zeit, gibt sich Charlie gegenüber schroff und abweisend und verbirgt ihre Tränen vor ihm. Charlie scheint trotz der Bestürzung um die bröckelnde Beziehung wie üblich in sich zu ruhen.

In der Grundkonstellation lehnt sich Baumbach an das Vorbild „Kramer gegen Kramer“ (1979) an. Hier wie dort: Vater, Mutter, Sohn. Dustin Hoffman gab den opferbereiten Vater, der nach dem Verdikt des Scheidungsrichters das Sorgerecht verlieren soll. Meryl Streep verkörperte die vor allem mit sich selbst beschäftigte Mutter, die den Jungen am Ende überraschend einsichtig dem Ex-Mann überlässt. Bis ins zweite Drittel von „Marriage Story“ möchte man Charlie die Dustin-Hoffman-Ehrennadel anstecken. Bis sich das Blatt wendet. Großartig überhaupt, wie Baumbach (Regie und Drehbuch) immer wieder neue Perspektiven auf die Figuren und ihr Zusammen- wie Auseinanderleben gewährt. Schicht für Schicht arbeitet er sich tiefer in die durchaus komplizierte Beziehungskiste.

Plötzlich geht es vor allem ums Geld

Es ist zunächst vor allem eine räumliche Trennung. Los Angeles und New York – das sind Welten. Nicole zieht mit Henry nach Kalifornien, wo ihre Mutter und ihre Schwester leben. Die gewiefte Anwältin Nora Fanshaw (herrlich extrovertiert: Laura Dern) legt der noch Zaudernden eine Scheidung nahe. Gerichtsstand Los Angeles. Was bedeutet, dass man nach kalifornischen Regeln spielt: Möglichst viel rausholen. Plötzlich schiebt sich die Geldfrage in den Vordergrund. Die Anwältin erklärt, dass man dem Gegner immer einen Schachzug voraus sein müsse. Nora, alles andere als eine Winkeladvokatin, argumentiert aus grundsätzlicher emanzipatorischer Haltung. Früher, so die Anwältin, mussten alle Frauen der heiligen Maria gleichen und das Kind umsorgen. Männer durften abwesend sein wie Gottvater selbst („He didn’t even fuck her!“).

Im Prinzip hat Nora recht. Aber wie gesagt: Noch sind wir auf Charlies Seite. Bis sich das Blatt wendet. Charlie, der bald zwischen Ost- und Westküste pendelt, weil seine Truppe ein neues Stück probt und er andererseits bei Henry sein will, sieht sich in Kalifornien vor vollendete Tatsachen gestellt. Am Ende einer Willkommensszene in der Küche von Nicoles Mutter (verstrahlt: Julie Hagerty), die Ernst Lubitsch nicht besser hätte inszenieren können, hält Charlie verdutzt einen Umschlag mit Scheidungspapieren in der Hand. Er nimmt sich einen Anwalt der bedächtigen Sorte.

Anwälte heizen die Schlammschlacht an

Als Charlie begreift, dass die Forderungen der Gegenseite seine Company in den Ruin zu treiben drohen, bringt er sich doch in Stellung. Er wechselt zu einem Anwalt, der Nora Paroli bietet. Eine Scheidungsschlacht bahnt sich an, bei dem es vor allem darum geht, Banalitäten vor Gericht aufzubauschen. Henry ist in dieser Gemengelage kaum mehr als ein Zankapfel. Seine Eltern sehen sich mit Zerrbildern ihrer selbst konfrontiert. Nicole trinkt mal ein Glas Wein mehr? Alkoholikerin! Charlie hat den Kindersitz nicht fachgerecht ins Auto installieren lassen? Rabenvater!

Für den Scheidungsprozess gilt, was Baumbach durchweg gelingt: Die Balance zwischen Fast-Tragödie und Farce. Sein Film ist Beziehungsdrama und Screwball-Comedy zugleich. Reich an Tonlagen, scheint „Marriage Story“ mitunter sogar auf eine Thrillerhandlung zuzusteuern. Der Richter vertagt die Verhandlung, Baumbach fährt das Paragraphentheater zurück und wechselt wieder ins Private. Aus Nicoles und Charlies Versuch, sich auf ihre Verbundenheit und das Kindeswohl zu besinnen, entwickelt sich eine der stärksten Dialogszenen, die man seit langem im Kino gesehen hat. Nun erst dämmert uns, dass Nicoles Distanzierung triftige Gründe hat – und dass es mit Charlies Selbstkenntnis nicht weit her ist. Baumbach entfesselt einen glänzend von den Hauptdarstellern exekutierten Streit, der in einem Zornesausbruch von Charlie mündet. Adam Driver durchlebt diese seelische Bankrotterklärung mit unheimlicher Konzentration. Wie man auch Scarlett Johanson kaum je so porös und emotional erlebt hat wie in diesem Film.

Was am Leben bleibt, wenn die Liebe geht

Am Ende von „Marriage Story“, wenn die Wunden geleckt und einige Scherben zusammengekehrt sind, wird gesungen. Nein, kein Duett. In L.A. performt Nicole mit Mutter und Schwester ein wildes Trio: „You Could Drive a Person Crazy“. In New York stimmt Charlie in einer Theaterkneipe eine Hymne an das Weiterleben und Weiterlieben an, dass kein Auge trocken bleibt: „Being Alive“. Beide Songs stammen übrigens aus Stephen Sondheims Musical „Company“. Die Verbindung fällt nicht gleich auf. Aber sie ist da, wie vieles, das bleibt zwischen Charlie und Nicole.

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