A Very English Scandal

Drama | Großbritannien 2018 | 171 (3 Folgen à 56/57/58) Minuten

Regie: Stephen Frears

In den 1970er-Jahren knüpft Jeremy Thorpe, ein Mitglied des britischen Parlaments, eine homosexuelle Affäre zu einem jungen Stallburschen an, die er, da Homosexualität noch unter Strafe steht, tunlichst geheim hält. Als er seines Geliebten überdrüssig wird und den jungen Mann fallen lässt, stellt dieser Forderungen an den Politiker. Im Zuge von dessen politischem Aufstieg zum Parteivorsitzenden fürchtet er zunehmend, als Homosexueller bloßgestellt zu werden, und initiiert ein Mordkomplott gegen den jungen Mann. Ein zwischen bissiger Satire und Drama changierender Mehrteiler nach realen Ereignissen um Klassendünkel und Bigotterie, festgemacht an eindrucksvoll gespielten, differenzierten Charakteren und an einem facettenreichen Zeitbild Großbritanniens in den 1970ern. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
A VERY ENGLISH SCANDAL
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2018
Regie
Stephen Frears
Buch
Russell T. Davies · John Preston
Kamera
Danny Cohen
Musik
Murray Gold
Schnitt
Pia di Ciaula
Darsteller
Hugh Grant (Jeremy Thorpe) · Ben Whishaw (Norman Scott) · Alex Jennings (Peter Bessell) · Patricia Hodge (Ursula Thorpe) · Paul Hilton (David Holmes)
Länge
171 (3 Folgen à 56
57
58) Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama | Serie

Heimkino

Verleih DVD
Sony
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Diskussion

Ein zwischen bissiger Satire und Drama changierender Mehrteiler nach realen Ereignissen um Klassendünkel und Bigotterie, inszeniert von Stephen Frears und basierend auf einem realen Polit-Skandal aus den 1970ern.

Hugh Grant überrascht; ihm gelingt mit „A Very English Scandal“ eine Häutung und die überzeugende Aneignung einer Rolle, die unter einer komödiantisch-satirischen Oberfläche einmal seine Befähigung zum Ernsten, ja Düsteren, Abgründigen schlagend unter Beweis stellt. Nach zaghaften Versuchen des Ausbruchs aus der Standardrolle des leichtlebigen Frauenschwarms und Sonnyboys – am berühmtesten wohl in Bridget Jones –Schokolade zum Frühstück, am berüchtigtsten sicherlich in Roman Polanskis Bitter Moon – brilliert er hier mit seiner Verkörperung des heuchlerischen Politikers und heimlichen Homosexuellen Jeremy Thorpe. Nach John Prestons Sachbuch „A Very English Scandal: Sex, Lies and a Murder Plot at the Heart of the Establishment“ entwarf Russell T. Davies das Drehbuch für Stephen Frears’ Dreiteiler nach wahren Begebenheiten aus dem Polit-Theater Großbritanniens der 1960er- und 1970er-Jahre.

England, zu Beginn der 1960er-Jahre: Die erste Folge zeigt die Kehrseite der Swinging Sixties, eine puritanische, graue Welt der gesellschaftlichen Anpassung und unterdrückten Begierden. In Westminster herrscht ein konservativer Politikstil vor, der jegliche sozialen Experimente scheut. Homosexualität steht unter Strafe. Gehört man jedoch zum Establishment oder gar zur Geld- und Bildungselite wie der aufstrebende Politiker der Liberalen Jeremy Thorpe, der die richtigen Schulen und Universitäten besucht hat, verbindet sich damit ein Gefühl universaler Bevorrechtigung, das alles erlaubt erscheinen lässt. Thorpe ist schwul, haust als Junggeselle weiterhin bei seiner gestrengen Mutter Ursula (Patricia Hodge) und gönnt sich hin und wieder recht hemmungslose, so schnell angebahnte wie wieder gelöste Affären mit Männern unter seinem Stand. Den bleibendsten Eindruck hinterlässt Norman Scott (Ben Whishaw), ein ephebenhafter junger Stallbursche, in den er sich während einer länger währenden Beziehung ernstlich verliebt und dem er im Überschwang schwärmerische Briefe schreibt und allerlei Versprechungen macht. Als Thorpe, irgendwann milde gelangweilt und auch aus politischer Opportunität, die Verbindung abrupt löst, entwickeln sich die Dinge jedoch in eine fatale Richtung.

Den Schleier von Heimlichkeiten und Unehrlichkeiten wegziehen

Die wiederholten Versuche Scotts, sich mit Thorpe in Verbindung zu setzen, lassen sich als bedrohliche Kompromittierung und Erpressung auffassen. Nicht zuletzt, da ihre erste Begegnung alle Züge einer veritablen Vergewaltigung trug, für die es durchaus Grund gäbe, sich an Thorpe zu rächen. Außerdem bekommt Scott chronisch sein Leben nicht auf die Reihe und steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Seine Weigerung, die Affäre mit Thorpe unter den Teppich zu kehren, ist aber ebenso Teil von Scotts ihm selbst nur halb bewusster Strategie, endlich einmal den Schleier von all jenen schwulen Heimlichkeiten und Unehrlichkeiten zu ziehen und den Wind gesellschaftlicher Veränderung Einzug halten zu lassen – denn trotz seiner Sensibilität hat der junge Mann ein erstaunlich mutiges, unverkrampftes Verhältnis zu seiner sexuellen Identität.

Während Thorpe später von ihm als „sick dog“ spricht, infiziert mit dem „Virus“ der Homosexualität, macht Scott selbst „die Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt“ (Oscar Wilde) lustvoll und ohne Scham öffentlich und genießt seine „fifteen minutes of fame“ (Andy Warhol): „I’m on the telly!“ Seine hartnäckige Forderung nach einer „National Insurance Card“ dient nur vordergründig seiner sozialen Absicherung; empfangen aus der Hand seines Ex-Liebhabers würde sie ihm das Gefühl singulärer Identität gewähren, nach dem er lebenslang auf der Suche ist.

„Auf der einen Seite handelt es sich um eine typisch englische Geschichte, aber es ist gleichzeitig auch ein universelles Drama: Es geht um korrupte Politiker und nicht standesgemäße Liebesaffären. Ich sehe in der Serie außerdem ein verzerrtes Liebesdrama. All die Emotionen und die Energie verkehren sich ins Gegenteil. Aus dem Wunsch zu lieben wird der Drang, sich gegenseitig zu zerstören. Auch das ist sehr universell“, so Ben Whishaw im Interview über „A Very English Scandal“.

Trügerische Allianzen und Todeswünsche

Auch die Szenen im ehrwürdigen Gerichtsgebäude „Old Bailey“ (Folge 3) erinnern an den legendären und infamen Prozess gegen Londons berühmtesten Schwulen Oscar Wilde, inklusive Freunden, die zu erbitterten Feinden werden, und jeder Form moralischer Heuchelei. So lassen sich alle drei Teile als Ganzes auch betrachten als Sozialgeschichte der Homosexualität in Großbritannien. Dass Thorpe, mittlerweile aufgestiegen zum Parteivorsitzenden der Liberalen, schließlich gar wegen eines Mordkomplotts gegen seine ehemalige Flamme auf die Anklagebank gerät, hat er trügerischen Allianzen zu verdanken, die er als gewiefter Politiker nie hätte eingehen dürfen, sowie den allerorten geäußerten Todes- und Vernichtungswünschen gegenüber Scott: „Get him killed!“ In ihrer Selbstüberschätzung und ihrem Zynismus gemahnt Thorpes Rolle in der erzählerisch etwas schwächeren zweiten Folge deutlich an die von Francis Urquhart (Ian Richardson) aus „House of Cards“ – dem britischen Original der Serie aus den 1990er-Jahren.

Zum beklemmend-intensiven Schluss des „Königsdramas“ um Aufstieg und Fall eines exemplarischen Englishman lässt sich noch einmal Hugh Grants ganze Kunst der Darstellung bewundern: Er flirtet mit Presse und Kamera (dabei zeigt sich für kurze Augenblicke etwas vom jungenhaften Verführer-Charme früherer Rollen), grimassiert grotesk oder lässt sein Gesicht zur Maske gefrieren, spricht Bände mit Blicken – ohne dass all dies übertrieben oder überchargiert geriete. Ein artistisches Strohfeuerwerk für Jeremy Thorpe – vor dem Sturz in den Abgrund. 

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