Human Nature: Die CRISPR Revolution

Dokumentarfilm | USA 2019 | 107 Minuten

Regie: Adam Bolt

Mit dem Kürzel CRISPR verbindet sich ein Durchbruch in der Gen-Forschung, dessen Auswirkungen nach Ansicht vieler Experten in absehbarer Zeit selbst die digitale Revolution in Schatten stellen könnte. Dabei geht es um die Möglichkeit, so ziemliche jede Form organischen Lebens gezielt manipulieren zu können. Der brillant recherchierte Dokumentarfilm zeichnet mit Statements beteiligter Forscher die Suche nach CRISPR nach und erläutert bild- und metaphernreich die Funktionsweise der „Gen-Schere“. Der Film zeigt akribisch Möglichkeiten und Risiken der neuen Biotechnologie auf, hält sich hinsichtlich einer Bewertung aber zurück. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
HUMAN NATURE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Adam Bolt
Buch
Adam Bolt · Regina Sobel
Kamera
Derek Reich
Musik
Keegan DeWitt
Schnitt
Regina Sobel · Steve Tyler
Länge
107 Minuten
Kinostart
07.11.2019
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Brillant recherchierter Dokumentarfilm über die Möglichkeiten und Risiken der durch die „Gen-Schere“ CRISPR eröffneten Technik, jede Form organischen Lebens zu verändern.

Der Kalifornier David Sanchez ist ein aufgeweckter, lebensfroher Teenager, der leidenschaftlich gerne Basketball spielt. Wenn seine Gesundheit es zulässt. Denn David leidet unter der seltenen Sichelzellenkrankheit. Seine roten Blutkörperchen sind durch einen Gendefekt nicht rund, sondern gebogen und transportieren deshalb weniger Sauerstoff. Der Junge muss deshalb alle vier Wochen zum Bluttausch in die Klinik. „Ölwechsel“, nennt er die Prozedur lapidar. „Mein Blut mag mich einfach nicht“, setzt er hinzu.

David kann sich immerhin glücklich schätzen, in den USA zu leben, denn dort haben Menschen mit seiner Krankheit dank der medizinischen Grundversorgung eine Lebenserwartung von 50 Jahren. In Afrika sähe das anders aus; dort sind es im Schnitt gerade mal acht Jahre.

Eine bahnbrechende Revolution

Doch es besteht Hoffnung, dass es die Sichelzellenkrankheit in absehbarer Zeit gar nicht mehr geben wird. Das Zauberwort heißt CRISPR, was als Kürzel für „Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats“ ist. Hinter diesem gentechnischen Verfahren verbirgt sich ein bahnbrechender Durchbruch der Gen-Forschung, dessen Möglichkeiten und Konsequenzen die Welt nach der Überzeugung zahlreicher Experten mehr verändern werden, als es die Digitale Revolution getan hat.

Der Dokumentarfilm „Humane Nature“ unternimmt den kühnen Versuch, die mit CRISPR verbundene komplexe Materie auch für Laien verständlich zu machen. Letztlich geht es dabei um eine molekularbiologische Gen-„Schere“, mit deren Hilfe einzelne Gene nicht nur entfernt, sondern ausgeschaltet oder punktgenau durch andere ersetzt werden können. Zwar gilt das menschliche Genom seit 2003 als vollständig entschlüsselt, doch es dauerte fast zehn weitere Jahre, bis dieses Wissen praxisrelevant wurde.

Wenn Bakterien ein Gedächtnis haben

Wissenschaftlich erstmals dokumentiert wurde CRISPR im Jahr 2012 durch die Forscherinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna. Die beiden Molekularbiologinnen kommen in „Human Nature“ ebenso zu Wort wie viele ihrer Mitstreiter aus gänzlich anderen Kontexten, die ihren Teil zur Entdeckung des Verfahrens beigetragen haben. Etwa ein Wissenschaftler, der mit seiner Firma Mikroorganismen für Molkereien liefert und auf der Suche nach einer Methode, Bakterien gegen Viren resistent zu machen, zur Entdeckung von CRISPR beitrug. Oder der spanische Biologe, der bakterielle Immunsysteme in Organismen entdeckte, die in Gewässern mit besonders hohem Salzgehalt zuhause sind.

Dem Filmemacher Adam Bolt ist es dabei auf wundersame Weise gelungen, die Wissenschaftler zu überaus bild- und metaphernreichen Erläuterungen der komplizierten Materie zu animieren und Fachchinesisch weitgehend zu vermeiden. Deshalb gehen im menschlichen Organismus etwa „Proteine mit Fahndungsbildern auf Streife“, haben Bakterien ein Gedächtnis und machen „Erinnerungsfotos“ oder wird CRISPR mit einer Art „Textverarbeitungsprogramm für die DNA“ verglichen.

Verheißungen und Risiken

Neben dem aktuellen Stand der Forschung dokumentiert der Film mit Hilfe von Archivbildern und einer Vielzahl grafischer Animationen auch die Historie der CRISPR-Entdeckung mit all ihren Fortschritten und Fehlschlägen. So sieht man im Vorspann in grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bildern den Biologen Robert Sinsheimer bei einem Vortrag aus dem Jahre 1966, der visionär von den bevorstehenden Möglichkeiten der Eingriffe in die DNA spricht, aber auch schon vor den Konsequenzen warnt. „Das kann Großes bewirken, aber auch in der Katastrophe enden“, so Sinsheimer.

Um die Verheißungen und Risiken der Revolution in der Gen-Forschung dreht sich vor allem die zweite Hälfte von „Human Nature“. Dabei sind die längst gängigen Praktiken der Gen-Manipulation in der Landwirtschaft nur ein Randthema. In Zentrum steht vielmehr die Frage, welche Perspektiven sich unmittelbar für die Menschen durch CRISPR eröffnen. Hier geht es um die mögliche Eindämmung oder Ausmerzung diverser Krankheiten von Aids bis Krebs, aber auch um Detailaspekte wie die Möglichkeit, Menschen mit weniger Schlaf auskommen zu lassen oder sie weitgehend gegen Schmerzempfindungen und damit etwa auch gegen Folter zu immunisieren. Auch scheint es dank CRISPR möglich, Tiere als menschliche Organspender zu züchten; in der Vergangenheit sind solche Versuche stets an Unverträglichkeitsreaktionen des menschlichen Organismus gescheitert.

Schöne neue Welt

Als Beispiel für derartige Experimente führt der Film eher skurriles Archivmaterial um die Transplantation von Affen-Hoden in männliche Genitalien an, mit denen die Potenz gesteigert werden sollte. Letztlich geht es aber um die ethische Frage, wie die Menschheit mit den rasanten Fortschritten der Mikrobiologie umgehen soll, die nahezu sämtliche Formen organischen Lebens verändern können.

In Archiv-Sequenzen kommt auch der Schriftsteller Aldous Huxley zu Wort, der mit seinem 1932 erschienenem futuristischen Roman „Schöne neue Welt“ geradezu visionär Entwicklungen skizziert hat, die heute absolut realistisch erscheinen. Auch ein Querverweis auf die Rassenideologie der Nazis fehlt ebenso wenig wie die offensiven Versuche chinesischer Forscher, Designer-Babys zu erzeugen.

Am Ende des Films kommt noch einmal der junge David Sanchez zu Wort, der bemerkenswert nachdenklich über die Frage meditiert, ob er ohne seine Sichelzellenkrankheit leben möchte: „Ohne die Krankheit“, sagt Sanchez „wäre ich ja nicht, was ich bin.“

Ein Meilenstein im Doku-Genre

Es ist das große Verdienst dieses Dokumentarfilms, eine akribische Recherche mit der umfassenden Aufbereitung aller erdenklichen Aspekte dieser komplexen biologischen Revolution zu verbinden, ohne in Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen, sondern die Urteilsbildung den Zuschauern zu überlassen. Der Film, ein Meilenstein des wissenschaftlichen Dokumentarfilms, verlangt allerdings ein gehöriges Maß an Aufmerksamkeit.

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