Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen

Horror | USA 2019 | 152 Minuten

Regie: Mike Flanagan

Eine vampirartige Gruppe hält sich am Leben, indem sie übersinnlich begabte Kinder tötet. Als sie ein telekinetisches Wunderkind als Opfer ins Auge fasst, sucht das Mädchen Beistand bei einem Arzt, dem es dank seiner Fähigkeiten einst gelang, seinem wahnsinnig gewordenen Vater zu entkommen, und der immer noch mit seinen Dämonen kämpft. Späte Fortsetzung des Romans „The Shining“ (1977) von Stephen King und Stanley Kubricks Verfilmung (1980), die das Psychogramm eines Getriebenen mehr schlecht als recht mit einer banalen Gruselgeschichte verknüpft. Im mitunter kläglichen Versuch, die Atmosphäre des Kubrick-Films nachzuahmen, verfehlt er eine eigene inszenatorische Handschrift. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
STEPHEN KING'S DOCTOR SLEEP
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Mike Flanagan
Buch
Mike Flanagan
Kamera
Michael Fimognari
Musik
The Newton Brothers
Schnitt
Mike Flanagan
Darsteller
Ewan McGregor (Dan Torrance) · Rebecca Ferguson (Rose the Hat) · Kyliegh Curran (Abra Stone) · Carl Lumbly (Dick Hallorann) · Zahn McClarnon (Crow Daddy)
Länge
152 Minuten
Kinostart
21.11.2019
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Horror | Literaturverfilmung

Späte Fortsetzung des Romans „The Shining“ (1977) von Stephen King und Stanley Kubricks Verfilmung (1980) über den übersinnlich begabten Danny Torrance, der einem Mädchen mit verwandten Fähigkeiten vor einer Bande vampirartiger Mörder schützen muss.

Diskussion

Sie erscheinen wie ganz normale Menschen. Vielleicht ein wenig hippiehaft, aber unauffällig, wie sie mit ihrem Wagenkonvoi durchs Land ziehen. Unauffällig und freundlich müssen sie auch sein, denn sie jagen kleine Kinder und töten sie. Sie nennen sich „Wahre Knoten“ und könnten ewig leben, wenn sie nur genug „ernten“. Es ist das entweichende „Shining“, die übersinnliche Gabe jener begnadeten Kinder, das sie suchen. Und es entweicht in besonderer Reinheit aus ihren Mündern, wenn man sie vor Schmerz und Todesangst zum Schreien bringt.

Eigentlich ist das, was Stephen King in seinem 2013 erschienenen Roman „Doctor Sleep“ erzählt und nun in der Verfilmung „Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen“, nicht viel mehr als eine wenig originelle Variation einer Vampir-Geschichte. Nur, dass die Sauger nicht nach dem Blut ihrer Opfer dürsten, sondern – genauso todbringend – nach deren Lebensatem, den sie „Steam“ nennen. Sie suchen und „ernten“ am liebsten Kinder, da hier der „Steam“ am nahrhaftesten ist. Ihre Anführerin, Rose the Hat (Rebecca Ferguson) genannt, hat ein besonders starkes „Shining“, das sie befähigt, ihre Opfer auch über weite Distanzen hin zu finden. Abra Stone (Kyliegh Curran) ist so ein besonderes Opfer. Schon als Kleinkind hatte sie starke telekinetische Fähigkeiten. Nun als Teenager lernt sie mit ihrem „Shining“ umzugehen. Ihr „Steam“ wäre ein wahrer Jungbrunnen für die „Wahren Knoten“. Doch je stärker Abra wird, desto eher könnten sich die Verhältnisse zwischen Jäger und Gejagte auch umkehren.

Die Gejagte wird zur Jägerin

Exposition und Konfrontation folgen den immer gleichen Regeln des Genrefilms. Die Gejagte wird zur Jägerin. Dazu braucht sie selbstverständlich Verbündete und mit dieser Wendung wandelt sich die banale verkappte Vampirgeschichte zu einer besonderen. Denn Abras Verbündeter heißt Danny Torrance. Jener Danny, der es mit seiner Mutter einst gerade so schaffte, der Axt seines verrückt gewordenen Vaters Jack zu entkommen und das zugeschneite Overlook-Hotel Richtung Zivilisation zu verlassen. Jener Danny, mit dem Stephen King 1977 das „Shining“ in seinen berühmten Roman einführte und das durch den gleichnamigen Film von Stanley Kubrick endgültig unsterblich wurde.

Jener Danny heißt jetzt Dan (Ewan McGregor) und lebt im Jahr 2019 als trockener Alkoholiker allein. Seine Fähigkeiten setzt er als Arzt in einem Hospiz ein, was seinem Spitznamen „Doctor Sleep“ noch einmal eine ganz besondere Bedeutung gibt. Stephen King erzählte im Roman auch – und vor allem – seine Geschichte weiter. Im Film stillt diese Neugier nun, 39 Jahre nach Stanley Kubrick, Regisseur Mike Flanagan. Er erzählt die Vampirgeschichte und auch die von Dan, der seine Sucht meistert und seine Dämonen besiegt. Flanagan lässt sich dabei viel Zeit, auch inszenatorisch. Tempo und Action sind nicht sein bevorzugtes Stilmittel. Doch in der Ruhe liegt hier nicht die Kraft, denn im Kern weiß Flanagan nicht, auf welche Geschichte er sich wirklich konzentrieren soll. Auf die der selbsternannten „Wahren“, wie sie kämpfen und töten und ihnen auf der guten Seite Ebenbürtige erwachsen. Oder doch eher auf die Geschichte eines Getriebenen, dessen „Shining“ ihn zwar einst rettete, seither aber das Vergangene nicht ruhen lässt. Doch bleibt die Geschichte von Dan im Film eigentümlich marginal und fragmentarisch und muss immer wieder einer Erzählung weichen, in der es primär darum geht, Kräfte zu messen. Wer hat das stärkste „Shining“?

Kein x-beliebiger Actionfilm

Dieses simple Muster wäre nicht das Schlimmste, wenn es sich nur um einen x-beliebigen Action-Film zum raschen Gebrauch und schnellen Vergessen handeln würde. „Doctor Sleep“ aber ist schon vom Ansatz her auf höchste Ambitionen angelegt: Er ist die Fortsetzung von „Shining“ von Stanley Kubrick – und er geriert sich auch durchaus so.

Zu sehen sind deshalb beispielsweise eins zu eins nachgespielte Szenen mit Schauspielern, die ein wenig so aussehen wie einst Danny Lloyd, Shelley Duvall und Jack Nicholson. Sie ahmen das nach, was man besser nicht nachahmen sollte, weil es nur schlechter sein kann und schlicht wenig Sinn macht. Flanagan baut sie im Prolog, in Rückblenden und im Finale ein und mischt sie mit dem Grusel von heute. Jene, die „Shining“ nicht kennen, werden mit diesen Szenen kaum etwas anfangen können, die anderen sie eher als Sakrileg empfinden. Auch all die ikonischen Szenen aus Kubricks „Original“ finden sich in Flanagans „Fälschung“ wieder. Dannys Kettcar-Fahrten durch die Gänge des Hotels, Zimmer 237, der blutende Fahrstuhl, Jacks Grimasse durch die zerborstene Badezimmertür und so weiter. Doch sie sind nur eigentümliche Ablenkungsmanöver in einem Film, der keine eigenen ikonische Szenen zustande bringt.

Was „Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen“ stattdessen aufbietet, ist eine billige Erweckungsgeschichte für angehende Superhelden. „Steht selbstbewusst zu eurem Shining und versteckt euch nicht!“, proklamiert der Film, wenn das Finale zwischen Dan, Abra und Rose im winterlichen Overlook-Hotel ausgefochten ist. „Doctor Sleep“ ist weniger ein Sequel zu „Shining“, sondern eher ein Prequel zu „X-Men“.

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