Bitte nach Mitte!

Dokumentarfilm | Deutschland 2019 | 62 Minuten

Regie: Anne Osterloh

Mit dem Umzug der „Ernst Busch“-Schauspielschule im Sommer 2018 nach Berlin-Mitte endete die Ungewissheit über die Zukunft der renommierten DDR-Institution. Der Dokumentarfilm nimmt dies zum Anlass, um material- und gedankenreich durch die Geschichte der ehemaligen Kaderschmiede zu streifen, wobei prominente Lehrende und Absolventen allerlei persönliche Erinnerungen zur „Wende“-Geschichte aufwärmen. Dabei werden unter dem Brennglas des Anekdotischen durchaus auch grundlegende Anschauungen und Einstellungen sichtbar. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Anne Osterloh
Buch
Anne Osterloh
Kamera
Jean Christophe Blavier
Musik
Jörg Gollasch
Schnitt
Peter Klum
Länge
62 Minuten
Kinostart
21.11.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Ein material- und gedankenreicher Streifzug durch die Geschichte der „Ernst Busch“-Schauspielschule inklusive ihres lange ungewissen Umzugs nach Berlin Mitte.

In der Zinnowitzer Straße in Berlin-Mitte wächst jetzt zusammen, was nach allgemeinem Dafürhalten zusammengehört. Im Sommer 2018 gelang – nach viel bürokratischem Hin und Her und heftigen studentischen Protesten – tatsächlich der Umzug sämtlicher Gewerke der renommierten „Ernst Busch – Hochschule für Schauspielkunst“ von Berlin-Schöneweide und anderswo in einen wunderschön brutalistisch gestalteten Neubau in Mitte.

Ein Streifzug durch die Geschichte der „Ernst Busch“

Der Umzug mag zu begrüßen sein, zumal damit eine sehr lange Vakanz über die Zukunft der „Ernst Busch“ ein gutes Ende nahm, doch er geht auch mit dem Abschied vom alten Haus und den damit verbundenen Erinnerungen zusammen. Die Filmemacherin Anne Osterloh hat den Umzug zum Anlass genommen, höchst unterhaltsam im Familienalbum der Schauspielschule zu blättern. Ihr Film „Bitte nach Mitte!“ ist ein material- und gedankenreicher Streifzug durch die Geschichte der Institution, die aus der 1905 gegründeten privaten Schauspielschule des Deutschen Theaters hervorging, nebst allerlei sehr persönlichen Anekdoten zur „Wende“-Geschichte.

So berichten Ehemalige wie Leander Haußmann, dass die freiwillige Verpflichtung zum (kurzen, aber intensiven) Dienst in der NVA gewissermaßen mit zum Profil der Ausbildung an der einstigen „Kaderschmiede“ gehörte. Auch sonst spart der Film nicht mit Auftritten von prominenten Lehrenden und Absolventen wie Lars Eidinger, Claudia Michelsen, Mark Waschke, Nina Hoss, Manfred Karge, Thomas Ostermeier und Rainald Grebe. Wie sich die Liste der Absolventen der „Ernst Busch“ von A (wie Boris Aljinovic) bis Z (wie Ronald Zehrfeld) überhaupt wie ein „Who’s Who“ der deutschsprachigen Schauspielkunst liest.

Zeitlich umfasst der Film die Spanne zwischen der Abschiedsrede im alten Gebäude in Berlin-Schöneweide und der Begrüßungsrede im neuen Gebäude in Mitte, wobei launig darauf hingewiesen wird, dass die Konflikte um das neue Haus durchaus das Zeug zu einem Drama mit Spiel, Gegenspiel und Intrige gehabt habe, nur eben mit einem glücklichen Ende. Räumlich sorgt der mittlerweile übliche Drohneneinsatz für eine Verbindung zwischen beiden Gebäuden und Stadtteilen. Weil auch historisches Archivmaterial eingearbeitet ist, liefert der Film trotz seiner Kürze Anschauungsmaterial zur Berliner Stadtgeschichte, zumindest seit 1989.

Vorbilddrohung mit Pistole

Dazwischen gibt es viel DDR-Folklore mit einem Auftritt des Namensgebers der Schauspielschule, der heute nicht mehr jedem etwas zu sagen scheint. Und die üblichen mit Alkohol befeuerten Sach- und Lachgeschichten, wie man listig bis unbekümmert die Staatssicherheit austrickste, wie man einen dienstlichen Ausflug nach West-Berlin nutzte, um sein Leben andernorts fortzusetzen, oder wie der ehemalige Rektor mit einer Pistole daran erinnerte, dass den Eleven eine Vorbildrolle zukomme, die bitte auch wahrgenommen werden möge.

Die „Ernst Busch“ steht im Gegensatz zu anderen Hochschulen nicht für eine Pluralität von Angeboten, sondern für ein spezifisches, über Jahrzehnte gewissermaßen in DDR-Klausur erarbeitetes Verständnis von Schauspielhandwerk. Devid Striesow erhält im Film sogar die Gelegenheit, sein Talent zur Improvisation vorzuführen. Was nebenbei bemerkt, nicht sonderlich überzeugt. Wirklich spannend ist eine andere Episode, die sich zunächst wie eine weitere Anekdote zu den Verständigungsproblemen zwischen Ost und West ausnimmt. Einst nutzte der neue, aus dem Westen stammende Rektor (gemeint ist wohl Klaus Völker) die Sommerferien, um den Bühnenraum west-trendy schwarz streichen zu lassen. Zu Semesterbeginn sorgte diese Maßnahme für einen Schock beim Lehrkörper, weil sich dadurch die Akustik des Raums veränderte und durch die Schwärze das Gesicht und die Hände der Schauspieler profiliert würden, sie mithin also individueller erschienen. Der helle Bühnenraum hingegen habe die Haltung der Schauspieler zu einer Gruppe betont.

Ein Verlust, der bleibt

So erzählt die Farbe eines Bühnenraums eben auch etwas über das vorherrschende Menschenbild einer Gesellschaft, das das Theater transportiert. „Bitte nach Mitte!“ handelt deshalb nicht nur von den Initiativen, die schlussendlich den Umzug der „Ernst Busch“ nach Mitte ermöglichten, sondern beschreibt unter dem Brennglas des Anekdotischen auch einen Verlust – den eines mit Erinnerungen aufgeladenen Ortes.

Erinnerungen an Gutes und Schlechtes, die fehlen werden, weshalb es zu begrüßen ist, dass sie hier in „Bitte nach Mitte!“ zumindest nochmal skizziert werden.

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