Havelland Fontane

Dokumentarfilm | Deutschland 2019 | 110 Minuten

Regie: Bernhard Sallmann

Eigensinnig-poetische Erkundungen entlang des Mittellaufs der Havel zwischen Brandenburg und Berlin. Der Dokumentarfilm orientiert sich als Schlusspunkt einer Tetralogie an den Reisereportagen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ (1862-1889) von Theodor Fontane und verbindet Landschafts- und Naturaufnahmen mit Beobachtungen zur Geschichte des Kulturraums wie auch politischer Zusammenhänge, die die Region bis heute prägen. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Bernhard Sallmann
Buch
Bernhard Sallmann
Kamera
Bernhard Sallmann
Schnitt
Christoph Krüger
Länge
110 Minuten
Kinostart
05.12.2019
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Eigensinnig-poetische Erkundungen entlang der Havel im Großraum Berlin-Potsdam. Der Dokumentarfilm orientiert sich an Fontanes Reisereportagen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ und vergegenwärtigt wichtige historische Entwicklungen der Landschaft.

Diskussion

Zunehmend düstere Wolken ziehen am Himmel vorbei, im Vordergrund schwankt eine Birke. Auf der Tonspur hört man fernes Autobrummen mit lebhaftem Wind. In der Totalen schwankt kurz darauf eine ganze Gruppe von Bäumen; es stellt sich eine Ahnung ein, weshalb der Dokumentarist Bernhard Sallmann nach dem Filmtitel mit der Schrifteinblendung „Fête galante“ die Malerei des Rokoko evoziert. Dramatischer Wolkenhimmel, eindrucksvolle Landschaft, Vogelgezwitscher, das die Autogeräusche abgelöst hat – es fehlen nur noch Personen, um die Genreerwartungen der Malerei, ein bukolisches Gelage in üppiger Natur, ganz einzulösen.

Der Kommentar setzt dann Personen in die Landschaft, konkret: die Wenden, die das Havelland über Jahrhunderte prägten. „Havelland Fontane“ ist der vierte und letzte Teil von Sallmanns Annäherung an Theodor Fontanes Reportagen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Die Filme widmen sich jeweils einem Kulturraum, der von einem Flusslauf geprägt ist, dem Oderland, dem Rhinland, dem Spreeland und nun dem Havelland.

Mit der Stimme von Judica Albrecht

Wie in den früheren Filmen kombiniert Sallmann Aufnahmen bewegter Landschaft vor unbewegter Kamera. Die Bandbreite reicht von Bildern großer Profanität, wenn sich ein weiß-rotes Absperrband farbenfroh durch die Landschaft zieht, bis zu Einstellungen wie der zu Beginn, in denen Anleihen bei der Landschaftsmalerei vom Rokoko bis zur Romantik unverkennbar sind. Der Off-Kommentar ist wie in Texten Fontanes konstruiert. Gesprochen wird er von der Schauspielerin Judica Albrecht. Sie liest die Texte wie Reiseberichte, die sie ursprünglich ja auch waren, also nicht so sehr als Literatur, sondern als Erkundung einer Landschaft. Durch die etwas altertümlichen Formulierungen scheint auf diese Weise eine Modernität durch. Zugleich hält der Film dadurch Abstand zum raunend-erklärenden Tonfall vieler Dokumentarfilme.

Zum anfänglichen Schwanken der Bäume gesellt sich durch den Off-Kommentar eine Einführung in die Geschichte der Wenden in Brandenburg, von deren Ansiedlung im 7. Jahrhundert bis zu ihrer Niederlage im 11. Jahrhundert gegen Albrecht den Bären. In der Skizze des Lebens der Wenden, ihrem Zusammenleben und ihren Konflikten mit den Sachsen entsteht zu den Bildern aus der Gegenwart eine Idee einer Kulturlandschaft. Vor allem die Aufnahmen der Kirchen und Klöster werden von der Geschichte des Ringens um die Christianisierung der Wenden überlagert. Das Havelland wird als Landschaft erkennbar, die von großen Konflikten bewegt wurde und die zugleich immer wieder in Mikroräume zerfällt, die ihrer eigenen Logik gehorchen.

Im Sog der historischen Bewegung

„Havelland Fontane“ bewegt sich vor allem mit dem Mittellauf der Havel zwischen Brandenburg und Berlin. Indem die Kamera dem Flusslauf nach Osten Richtung Berlin folgt, macht sie eine Verlagerung des Machtzentrums sichtbar. Von Brennabor, dem späteren Brandenburg, als frühmittelalterlichem Hauptort geht es über Potsdam als dem Zentrum preußischer Macht bis nach Berlin. Am deutlichsten sichtbar wird diese Verschiebung in der Gegend um Werder. Der Wandel der Insel vom Fischerort zur heutigen Obstinsel vollzog sich mit dem Aufstieg Potsdams und Preußens und intensivierte sich mit dem Wachstum Berlins zu einer Metropole, die mit Obst versorgt werden wollte und deren Bewohner Ausflüge per Dampfer unternahmen.

Vor der Erfindung der Eisenbahn und des Autos waren Flüsse die zentralen Verkehrsadern. Fontanes Entscheidung bestand darin, die Geschichte der Landschaft entlang von Flüssen zu erzählen. Die Flusslandschaften der Spree, der Oder und der Havel sind jeweils für sich ein Mikrokosmos. Sallmann folgt dieser grundsätzlichen Entscheidung, ändert jedoch die Reihenfolge, in der die Flüsse behandelt werden. Die Havel bildete bei Fontane den dritten der fünf Bände, bei Sallmann ist sie der Endpunkt.

Bernhard Sallmann, 1967 in Linz in Oberösterreich geboren, erkundet die Brandenburgischen Landschaften seit seinem Studium immer wieder aufs Neue, vom Winterwanderfilm „400 km Brandenburg“ über den Abschlussfilm „Die Lausitz 20x90“ bis zu der nun zu Ende geführten Fontane-Tetralogie. Wie die Vorgängerfilme erweist sich „Havelland Fontane“ als Glücksfall im deutschen Dokumentarfilmschaffen. Ähnlich wie Fontane entdeckt der Film in der Alltäglichkeit der Landschaft Bemerkenswertes, verharrt bei der Schönheit der Natur, durch die Geschichte hindurchgezogen ist, und zeigt Zusammenhänge auf, die bis heute prägend sind.

Ein grandioser Schlusspunkt

„Havelland Fontane“ ist ein grandioser Schlusspunkt unter Sallmanns filmische Annäherung an die brandenburgischen Landschaften mit Fontane. Wie seine Vorgänger ist der Film überdies auch eine Erinnerung an die Vielfalt der Geschichten, die sich in den Landschaften jenseits der vielgefilmten Städte finden.

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