The Kindness of Strangers - Kleine Wunder unter Fremden

Drama | Dänemark/Kanada/Schweden/Frankreich/Deutschland/Großbritannien/USA 2019 | 115 Minuten

Regie: Lone Scherfig

Die Frau eines gewalttätigen Polizisten stiehlt sich nachts mit ihren beiden kleinen Söhnen aus dem gemeinsamen Haus und flieht ins winterliche Manhattan, wo sie sich und ihre Kinder mit Almosen und kleinen Diebstählen über Wasser hält. Ihr hartes Schicksal wendet sich, als sie eine Krankenschwester und einen ehemaligen Häftling kennenlernt, die es gut mit ihr meinen. Der wundersame Wohlfühlfilm entwirft ohne jeden ironischen Anflug oder Zynismus eine Choreografie der Freundlichkeit, mit der sich die neoliberalen Verwerfungen individuell mildern lassen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE KINDNESS OF STRANGERS
Produktionsland
Dänemark/Kanada/Schweden/Frankreich/Deutschland/Großbritannien/USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Lone Scherfig
Buch
Lone Scherfig
Kamera
Sebastian Blenkov
Musik
Andrew Lockington
Schnitt
Cam McLauchlin
Darsteller
Andrea Riseborough (Alice) · Bill Nighy (Timofey) · Zoe Kazan (Clara) · Caleb Landry Jones (Jeff) · Jay Baruchel (John Peter)
Länge
115 Minuten
Kinostart
12.12.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama

Wundersames Drama um eine Frau, die mit ihren beiden Kindern mitten im Winter vor ihrem gewalttätigen Ehemann nach New York flieht und dort auf hilfsbereite Menschen trifft.

Diskussion

Häusliche Gewalt, Traumatisierung, Obdachlosigkeit, Entfremdung, Einsamkeit, Resozialisierung, Fake-Identität(en), Gesprächstherapie und Helfersyndrom. Aus einem bunten Strauß widerstrebender Befindlichkeiten webt die Regisseurin Lone Scherfig, die einst in der dänischen „Dogma“-Ecke beheimatet war, einen kuschelig-wärmenden Teppich aus Empathie, Güte und Solidarität, der im besten Sinne punktgenau zur Adventszeit in die Kinos kommt. Der Titel „The Kindness of Strangers“ formuliert dabei ohne Ironie oder Zynismus genau das, worauf der Film basiert und worauf Scherfig letztlich wohl vertraut.

Alles fügt sich zum Panorama

Auf geradezu wundersame Weise fügt sich hier eins zum anderen, und man kann als Zuschauer nur staunen, wie dramaturgisch nachhaltig der Film gearbeitet ist. Hier wird jeder Faden säuberlich verwebt, bis nichts mehr den symmetrisch-sauberen Gesamteindruck trügt. Der Stuhl, der zu Beginn des Films aus Enttäuschung aus einem Fenster geworfen wird, taucht noch zweimal im Film auf, weil Scherfig eine Abfolge von Einzelerzählungen so zu einem Panorama fügt, dass selbst ein scheinbar achtlos hingeworfener Hinweis auf eine vereinsamte Balalaika auf die Schlusspointe vorausweist.

Alles beginnt damit, dass die junge Mutter Clara sich mit ihren beiden Söhnen aus dem Haus stiehlt, um ihrem gewalttätigen Mann, einem Polizisten, zu entkommen. Ihre überstürzte Flucht ohne Ausweispapiere und Kreditkarten führt sie ins winterliche Manhattan, wo sie sich mit kleineren Diebstählen und erstaunlichem Know-how in Sachen Überlebenskunst ein paar Tage achtsam durchs Leben schlägt. Der verlassene Ehemann verfügt indessen über den Polizeiapparat – und ohne Bargeld und Papiere findet sich auch eine aufgeweckt-optimistische Hausfrau und Mutter schnell in der Position illegaler Migranten wieder.

Dann gibt es auch noch den recht unbeholfenen und wohl auch etwas einfacher strukturierten, wenngleich herzensguten Jeff, der binnen kürzester Zeit Job und Wohnung verliert und nur dank ehrenamtlicher Obdachlosenhilfe vor dem Erfrieren gerettet werden kann. Er wird später im Krankenhaus jener Helferin wiederbegegnen, die er bereits von der Suppenküche her kennt. Alice, deren Eltern binnen eines Jahres gestorben sind, kompensiert durch dieses Engagement ihre Einsamkeit. Darin ähnelt sie nicht grundlos dem Anwalt John Peter, der gerade den unschuldig verurteilten Marc aus dem Gefängnis freibekommen hat. Gemeinsam besuchen sie eine Gesprächsgruppentherapie, die wiederum von Alice geleitet wird. Ein Treffpunkt, über den mehrere Erzählfäden zusammenlaufen, ist ein russisches Restaurant, in dem Marc als Küchenchef eine zweite Chance bekommt. Hier wird die russische Seele massiert, wenngleich von Dienstleistern, die nur so tun, als seien sie Russen.

Eine Choreografie der Freundlichkeit

Solcherart entwirft „The Kindness of Strangers“ geradezu eine Choreografie der Freundlichkeit, in der früher oder später fast jedem von irgendjemandem geholfen wird, forciert ausgemalt vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, die unter neoliberalen Verwerfungen leidet und in der sich solidarisches Handeln geradezu verbietet. Als Clara einmal verzweifelt eine Empfangsdame um eine Übernachtung in einem Hotel bittet und fragt, was diese eine Freundlichkeit kosten würde, erhält sie zur Antwort: den Job, die Wohnung, die gesicherte Existenz. Dass diese Einschätzung korrekt ist, macht der Film unmissverständlich klar: der Weg von der schlecht bezahlten Arbeitskraft in die Suppenküche ist kurz, in einer Welt, in der man Kaviar im Restaurant-Müll finden und verzehren kann.

Der Film spart nicht mit Belehrungen über die Freuden der Freundlichkeit, erzählt von Bibliotheken als Aufwärmorten, aber auch als Reservoir für Bildungschancen, wobei Claras seltsame Ausführungen zum Thema etwas unscharf bleiben. Immerhin besitzt ihr älterer Sohn Anthony so viel Computer-Expertise, dass es ihm gelingt, seinem gewalttätigen Vater ein Faible für Gewalt-Pornografie nachzuweisen, was zumindest diese Figur „für eine sehr lange Zeit“ aus dem Spiel nimmt. Allerdings nur als perfiden Einzeltäter, nicht als Symptom.

Kaum Raum für differenziertes Spiel

Obwohl die nächste katastrophale Wendung (Gewalt, Erfrieren, Boshaftigkeit, Herzlosigkeit, Verrat) immer ganz nah zu sein scheint, wendet sich alles immer gerade noch so zum Positiven, weshalb man eigentlich nur darauf wartet, dass eine der Figuren endlich zu singen beginnt. Der mit Darstellern wie Tahar Rahim, Andrea Riseborough, Bill Nighy, Jay Baruchel und Zoe Kazan glänzend besetzte Film lässt den Schauspielern durch die weitgehend schwarz-weißen Schematismen zur Feier der Güte in dunklen Zeiten kaum Raum zum differenzierten Spiel. Sie sind nur Spielfiguren in einem leicht zu durchschauenden Drama, das zeigt, dass die soziale Misere zu lindern ist, wenn man für die Elenden und Verdammten Orte schafft, wo es Pflaster, Therapiesitzung und einen Teller warme Suppe gibt. Als Hintergrundmusik erklingt „Die Moldau“ von Friedrich Smetana, was bestens zum Kunsthandwerk dieses Films passt.

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