Fantasy | USA 2020 | Minuten

Regie: Nelson McCormick

Eine im New York des Jahres 1977 angesiedelte Serie um ein Netzwerk alter und junger Nazis in den USA, die das Vierte Reich planen, und eine Gruppe, die diese jagen und bekämpfen. Nachdem seine Großmutter, eine Holocaust-Überlebende, ermordet wurde, findet ein junger Jude aus Brooklyn heraus, dass diese ein Mitglied der jenseits des Gesetzes arbeitenden Nazi-Jäger-Gruppe war; er schließt sich den "Hunters" an, hat allerdings moralische Probleme mit deren teilweise krass brutalen Methoden. Unterdessen stößt eine schwarze FBI-Agentin auf die Umtriebe der "Hunters" und beginnt ihrerseits zu ermitteln. Die Serie flirtet mit dem „Naziploitation“-Genre und Comic-Verweisen, hält aber zugleich die realen Schrecken des Holocaust präsent und polemisiert gegen Versäumnisse der Nachkriegszeit bei der juristischen Verfolgung von NS-Verbrechen. Zugleich bricht sie mit einem multiethnischen Cast eine Lanze für die "Diversity". - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
HUNTERS
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Nelson McCormick · Dennie Gordon · Wayne Yip · Alfonso Gomez-Rejon · Millicent Shelton
Buch
David Weil · Nikki Toscano
Kamera
William Rexer · Tim Norman
Musik
Cristobal Tapia de Veer
Schnitt
John Petaja · Matt Barber · Amy E. Duddleston · Justin Krohn · Andrew Groves
Darsteller
Al Pacino · Logan Lerman · Lena Olin · Jerrika Hinton · Josh Radnor
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Fantasy | Serie | Thriller

Eine 1977 in New York angesiedelte Serie um eine bunt gemischte Schar von Menschen, die ein Netzwerk alter wie neuer Nazis bekämpfen.

Diskussion

Erst gibt es Schampus, dann Pferdekot für Barbara Sukowa. In Folge 5 von „Hunters“ spielt die deutsche Schauspielerin eine Nebenfigur, die in Anlehnung an Leni Riefenstahl einst als prominenter Teil der NS-Propaganda-Maschinerie den ideologischen „horse shit“ der Nazis unters Volk brachte; in den 1970er-Jahren hat sie sich unter einer neuen Identität in den USA als einflussreiche Gesellschaftsdame und Parteigängerin der Konservativen etabliert – bis sie nach einer Party Besuch von den „Hunters“ bekommt, die dafür sorgen, dass sie der Mist aus ihrer deutschen Vergangenheit wortwörtlich, brutal und eklig einholt.

Diese Art von „Contrapasso“ – eine Strafe, die auf morbide Art das Vergehen spiegelt – ist der „signature style“ der „Hunters“, einer Gruppe im Untergrund agierender Nazi-Jäger, um die die von David Weil kreierte Serie kreist.

Unter der Führung des von Al Pacino gespielten Holocaust-Überlebenden Meyer Offerman lässt die Gruppe beispielsweise eine ehemalige deutsche Chemikerin in einer zur Mini-Gaskammer umgebauten Dusche über die Klinge springen, und ein früherer Lagerkommandant mit musischer Neigung, der im KZ Gefangene um ihr Leben singen ließ, wird mit überlauter „Negermusik“ so lange traktiert, bis ihm die Ohren bluten.

Flirt mit „Naziploitation“

Die unter anderem von Jordan Peele produzierte Serie flirtet offensiv mit dem „Naziploitation“-Genre, das in 1970er-Jahren die Gräuel der NS-Zeit in drastische Pulp-Storys übersetzte und durch Filme wie „Inglorious Basterds“ oder „Iron Sky“ inzwischen auch im Mainstream angelangt ist. Wo sich in der Realität Nazi-Jäger wie Simon Wiesenthal in zäher Ermittlungs- und Überzeugungsarbeit abkämpften, um NS-Verbrecher vor Gericht zu bringen, entfaltet sich in der 1970er-Jahre-Welt von „Hunters“ ein brachiales, überlebensgroßes Katz-und-Maus-Spiel. Die zwar nicht mit übermenschlichen Kräften, aber doch mit besonderen Kampf- und Kombinationsfähigkeiten gesegneten Protagonisten bekommen es mit einer Organisation diabolisch-grell gezeichneter Alt- und Neo-Nazis zu tun, die die US-Gesellschaft perfide infiltriert hat und der jedes Mittel recht ist, um noch einmal nach der Weltherrschaft zu greifen.

Marvels „Hydra“ lässt da grüßen. Ein wichtiger Bezugspunkt der Serie ist entsprechend auch die Welt der US-Comics, in denen Helden wie Superman, Captain America & Co. ab den späten 1930er-Jahren gegen Hitler-Deutschland zu Felde zogen. Die zentrale Identifikationsfigur von "Hunters" ist ein 19-jähriger Jude aus Brooklyn namens Jonah Heidelbaum (Logan Lerman), der bei seiner dem Holocaust entronnenen Großmutter aufgewachsen ist, in einem Comic-Laden jobbt und sich nach der Ermordung seiner Großmutter Al Pacino und den „Hunters“ anschließt, wobei er sich mittels Comic-Referenzen immer wieder mit seiner neuen Rolle als „vigilante hero“ auseinandersetzt.

Popkultur & der reale Schrecken des Holocaust

Den Anstoß für die Serie lieferten Autor David Weil nicht zuletzt die Erzählungen seiner eigenen Großmutter, einer Auschwitz-Überlebenden. Tatsächlich wirkt die Serie mit ihrem grellbunten, burlesk-brutalen Umschreiben der Geschichte, ähnlich wie Tarantinos „Inglourious Basterds“, wie eine Teenager-Fantasie, die auf die Konfrontation mit den Gräuel der NS-Zeit reagiert, indem sie sie ins popkulturelle Koordinatensystem einordnet.

Bei aller Lust am Exploitativen und am popkulturellen Verweisspiel bemühen sich die Macher aber gleichzeitig, den realen Schrecken des Holocaust präsent zu halten – unter anderem durch zahlreiche Rückblenden in die 1940er-Jahre, die als Mikro-Dramen verschiedene Leidensgeschichten jüdischer Figuren entfalten. So kontrastiert in einer Episode ein in schönster „Heist Movie“-Manier durchgezogener Überfall der „Hunters“ auf eine Bank, die Nazi-Raubgut verwahrt, mit einer Rückblende, die die Vorgeschichte eines Rings aus diesem Schatz erzählt – eine kleine Tragödie um ein vorzeitig ausgelöschtes Leben, exemplarisch für Millionen anderer.

Spitzen gegen die Versäumnisse der Nachkriegszeit

Über die Rache-Fantasie hinaus geht es „Hunters“ auch immer wieder um handfeste Gesellschaftskritik, wenn voller Bitterkeit die Versäumnisse der Nachkriegszeit bei der juristischen Verfolgung von NS-Verbrechen (und nicht zuletzt auch der Mitverantwortung der USA) aufs Korn genommen werden. So findet sich eine beißende Reminiszenz auf die sogenannte „Operation Paperclip“, die deutschen Wissenschaftlern und Ingenieuren ungeachtet ihrer NS-Verstrickungen einen Neustart in den USA ermöglichte, um ihr Know-how im „Space Race“ gegen die Sowjetunion zu nutzen.

„Hunters“ nutzt die Vielstimmigkeit, die das epische Serienformat bietet, auch dazu, das Selbstjustiz-Szenario kritisch zu hinterfragen: durch die Reaktionen der Hauptfigur Jonah, die der Selbstermächtigung der Nazi-Jäger durchaus ambivalent gegenübersteht, und durch eine andere zentrale Figur, eine schwarze, lesbische FBI-Agentin, die auf das Treiben der „Hunters“ aufmerksam wird, ihrerseits die Hintergründe zu ermitteln beginnt und sozusagen zur starken Stimme von Recht und Gesetz wird. Mit fortschreitender Handlung offenbart die Zeichnung der „Hunters“ überdies Brüche – angefangen bei dem von Al Pacino gespielten charismatischen Anführer, der zunächst vor allem als gütig-gelassener, mit jiddischem Akzent parlierender Mentor auftritt, bald aber auch eine Härte und dunkle Energie freisetzt, wie man sie etwa aus seiner Interpretation des „Kaufmann von Venedig“ kennt.

Die „Hunters“-Truppe besteht dabei keineswegs nur aus jüdischen Holocaust-Überlebenden und ihren Nachfahren, sondern ist mit Blick auf Alter, Ethnie und Geschlecht ein buntgemischter Haufen, zu dem unter anderem auch eine junge „Black Power“- Amazone und ein bisweilen noch vom Krieg in seinem Land verfolgter Vietnamese gehören. Allesamt Figuren, die zu der 1970er-Genrekino-Atmosphäre des Stoffs passen, durch die forcierte Mischung aber vor allem auch eine in die Gegenwart zielende Lanze für die „Diversity“ brechen.

In Sachen Alt-Nazis mag der Stoff von „Hunters“ Geschichte sein; Rassismus und „White Supremacy“-Ideologien sind es nicht. Die Wunschfantasie, dem ein oder anderen ihrer Anhänger den Mund mit Pferdemist zu stopfen, reizt wohl nicht nur als rückwärtsgewandtes Rache-Szenario.

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