Drama | Deutschland 2019 | 99 Minuten

Regie: Savas Ceviz

Ein pädosexuell veranlagter Mann, der sich von Jungen sexuell angezogen fühlt, kämpft darum, seine Neigung nicht in explizite Handlungen umschlagen zu lassen. Sein Ringen spitzt sich zu, als sich eine alleinerziehende Nachbarin mit einem achtjährigen Sohn in ihn verliebt. Der Film findet für die quälende Situation des Protagonisten eindringliche Bilder, in denen nichts verharmlost, aber auch nicht dämonisiert wird. Das in der Hauptrolle glänzend gespielte Drama skizziert die Tragik des Protagonisten zwischen Verzweiflung und Ohnmacht. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Savas Ceviz
Buch
Savas Ceviz
Kamera
Anne Bolick
Musik
Jens Südkamp · Savas Ceviz
Schnitt
Frank Brummundt · Savas Ceviz
Darsteller
Max Riemelt (Markus) · Isabell Gerschke (Jessica) · Oskar Netzel (Arthur) · Gabriele Krestan (Christa) · Ercan Durmaz (Dr. Jawad)
Länge
99 Minuten
Kinostart
20.08.2020
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama

Drama um einen pädosexuell veranlagten Mann, der seine Neigung im Zaum zu halten versucht.

Diskussion

Markus, Ende 20, ist Architekt und Single. Gutaussehend, höflich, korrekt, hilfsbereit, aber zurückhaltend und Distanz wahrend, tritt er in der Öffentlichkeit auf. Wenn er nicht zwanghaft masturbiert, treibt er Sport, um Dampf abzulassen. Markus ist pädosexuell und beobachtet sich permanent selbst dabei, wie er in Alltagssituationen mit seinem Begehren umgeht. Wie er Kinder beim Spielen fixiert, wie er Jungen in der Straßenbahn mustert, wie er ihnen auf dem Schulweg durch fast menschenleere Parks folgt, sie im Schwimmbad heimlich fotografiert. Nähert er sich in bestimmten Situationen der Grenze, an der die Neigung in eine Handlung umzuschlagen droht, dann kommt ihm glücklicherweise soziale Kontrolle zu Hilfe. Mal sind es Passanten im Park, mal wird er im Schwimmbad beim Fotografieren überrascht, mal wird er in der öffentlichen Dusche dabei beobachtet, wie er beobachtet.

Wie ein Wolf im Gehege

Drehbuchautor und Regisseur Savas Ceviz findet für die quälende Situation, in der sich Markus befindet, ein vielleicht etwas plattes, aber durchaus treffendes Bild, wenn er ihn wiederholt einen Wolf in seinem Gehege „besuchen“ und beobachten lässt. Ein wildes Tier, das zum Schutz der Allgemeinheit eingesperrt ist. Andererseits geht vom Wolf, wie er hier gezeigt wird, keine große Gefahr aus: Er scheint seinen „Besucher“ selbst neugierig zu mustern. Damit übernimmt er die Erzählperspektive des Films, der einen potentiellen Täter dabei beobachtet, wie dieser versucht, über seine Neigung die Kontrolle zu behalten.

Als Markus einmal eine Gelegenheit nutzen will, um mit einem Arzt über sein Problem zu sprechen, wird er rüde der Praxis verwiesen. Später sucht er Hilfe bei einem Therapeuten, der ihm klarmacht, dass es für ihn keine „Heilung“ gibt, sondern nur die Disziplin, der Neigung nicht nachzugeben, also Begegnungen mit Jungen möglichst aus dem Weg zu gehen. Für Markus, der sich selbst in seinem Begehren fremd ist („Ich will das nicht!“) und sich selbst scheut, bedeutet diese Perspektive ein Leben in Einsamkeit ohne befriedigende Sexualität. Pädosexualität liegt derart außerhalb des Normgefüges, dass ein „Outing“ keine Option darstellt.

Die Situation spitzt sich zu, als in Markus’ Nachbarschaft die alleinerziehende Jessica mit ihrem achtjährigen Sohn Arthur einzieht. Damit wird der Film doppelbödig und erhält trotz oder wegen der damit verbundenen Möglichkeiten Momente eines Thrillers. Jessica verliebt sich in den freundlichen, aber scheuen Nachbarn, der sich darauf einlässt, weil er so mit Arthur Umgang haben kann. Was sonst bei Patchwork-Familien Ausweis des Gelingens ist, nämlich dass Kinder den neuen Partner eines Elternteils akzeptieren, wird hier zum Spiel mit dem Feuer. Denn Arthur genießt die Zeit, die er mit Markus verbringt, die Ausflüge in den Park oder ins Schwimmbad. Markus versucht seinerseits verzweifelt, den ersehnten Umgang mit dem Kind in der Schwebe zu halten.

Hier wird nichts verharmlost

Seine Spannung erhält der Film durch das Mehrwissen des Zuschauers, das Markus’ Handeln und auch seinem Nicht-Handeln jede Unschuld entzieht. Tatsächlich wiederholt sich dieses Spiel mit der Uneindeutigkeit, als ein Zufall Markus schließlich doch outet. Jetzt wird er, obwohl er de facto viel fantasiert, aber wenig getan hat, als pädophil stigmatisiert und in die Isolation gedrängt. Was zuvor vielleicht als Geste mitunter irritiert haben mag, setzt sich jetzt zu einem stimmigen Bild zusammen, das Markus konsequent ins Asoziale drängt. So entsteht eine Tragik, die umso berührender ist, als der Film seinen Protagonisten weder dämonisiert noch entlastet. Nichts wird hier verharmlost.

All dies wäre in seiner Doppelbödigkeit schon spannend genug. Doch die Art und Weise, wie Max Riemelt buchstäblich jede Bewegung und jeden Blick im Wissen um eine unsichtbare Grenze, in deren Nähe er nicht kommen darf, für sich selbst und nach außen hin wägt, macht „Kopfplatzen“ zur Sensation. In Erinnerung an den großen, theaterhaften Auftritt von Peter Lorre in „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ gelingt Riemelt das Kunststück, seine Anspannung, seine Verzweiflung und seine Ohnmacht mit feinsten Nuancen nach innen zu spielen. Dass Riemelt, der immer mal wieder mit einer ungewöhnlichen Rollenauswahl überrascht, 2019 mit dem Filmpreis der Stadt Hof ausgezeichnet wurde, erscheint angesichts solcher Leistungen geradezu zwangsläufig.

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