Warum ich hier bin

Animation | Deutschland 2018 | 67 Minuten

Regie: Mieko Azuma

Ein für Kinder konzipierter Dokumentarfilm, in dem fünf Flüchtlinge berichten, wie sie nach Deutschland kamen – von einer 82-jährigen Frau, die im Zweiten Weltkrieg aus Ostpreußen floh, bis zu Kindern, die erst in den letzten Jahren wegen des Krieges in Syrien oder auch wegen der Atomreaktor-Katastrophe in Japan ihre Heimat verlassen mussten. Die Erinnerungen werden teilweise mit Animationen bebildert, die den Ernst der Lage verständlich machen, ohne abzuschrecken. Während politische Zusammenhänge fast ausgespart bleiben und der Film gelegentlich zerfasert, vermittelt er doch plastisch die Gemeinsamkeiten der Erzähler und bringt sie dem Zielpublikum nahe. - Ab 10.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Mieko Azuma · Susanne Mi-Son Quester
Buch
Mieko Azuma · Susanne Mi-Son Quester
Kamera
Mieko Azuma
Musik
Flurin Mück
Schnitt
Melanie Jilg
Länge
67 Minuten
Kinostart
30.01.2020
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 10.
Genre
Animation | Dokumentarfilm

Für Kinder konzipierter Dokumentarfilm, in dem fünf Flüchtlinge aus unterschiedlichen Generationen berichten, wie und aus welchen Gründen sie nach Deutschland kamen.

Diskussion

Ein Film über Flüchtlinge, schon wieder einer. „Warum ich hier bin“ hebt sich jedoch formal und inhaltlich in diesem Genre ab, und das nicht nur, weil der Film sich an Kinder richtet. Titelgemäß geht es um Biografien – fünf Flüchtlinge berichten, wie sie nach Deutschland kamen. Allerdings gehören sie unterschiedlichen Generationen an, und sie reden nicht nur über ihre Flucht, sondern auch vom Leben danach, das zum Teil schon ein langes, glückliches Leben ist. Der Film erzählt vom Verlust der Heimat genauso wie vom Gewinn einer neuen Heimat, das macht ihn geradezu optimistisch. 

Zuerst begegnet man dem 10-jährigen Ahmad aus Syrien, mittendrin in seiner jetzigen Klasse in einer Volksschule auf dem Land. Wenig Schüler, alle nett, sie vergleichen arabische und deutsche Schrift an der Tafel. Gerade die Kinder in diesem Film werden gern durch ihren Alltag begleitet, erstens weil sie einen haben, den jeder kennt – Schule –, zweitens weil sie oft verblüffend sind in ihren Worten und Taten. Sie sorgen also für Bewegung genauso wie für Heiterkeit.

Geschichten mit 2D-Animationen

Die älteren Protagonisten hingegen sitzen halbnah vor der Kamera und reden über ihre Kindheit, in der sie fliehen mussten wie Ahmad. Damit aus den Erinnerungen etwas Sichtbares entsteht, werden ihre Geschichten mit 2D-Animationen bebildert. Jede Person bekam eine andere Künstlerin zugeordnet, die das Gesagte umsetzte, so trifft man alle Personen in stilistisch verschiedenen Zeichnungen. Die Schwierigkeit, Krieg, Granaten, Hungersnot darzustellen, wird in diesen Bildern sanft genug bewältigt, dass die zusehenden Kinder sich nicht bedroht fühlen, der Ernst der Lage trotzdem verständlich ist.

Die vier Erzähler neben Ahmad kommen aus Japan oder aus Bosnien, sie sind nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ostpreußen geflüchtet oder vor der Armut aus Brasilien. Die Wahl dieser Flüchtlinge ist perfekt, da sie dank ihres Alters von unterschiedlichsten Erfahrungen berichten können, zum Teil auch von anderen Fluchtgründen als dem Krieg. Man erfährt von Erdbeben, Tsunami und Kernschmelze in Fukushima, die die Eltern der jetzt 17-jährigen Lena zur Ausreise nach Deutschland bewogen. Man hört etwas über die Kindheit des Fußballers „Cacau“ Barreto, bevor er erst den Kontinent und dann zum VfB Stuttgart wechselte, mit dem er Deutscher Meister wurde.

Politik wird fast völlig ausgespart

Das Beeindruckendste sind die Geschichten von Karin Schiller, einer Dame von 82 Jahren, die vom Hungerwinter 1946/47 erzählt. Wie andere Kinder im ehemaligen Ostpreußen verbrachte sie ihn damit, über Land zu ziehen und zu betteln. Es dürfte für die Kinder im Publikum eine wichtige Information sein, von den Folgen eines Krieges zu hören, der nicht irgendwo in der Ferne stattfand, sondern Deutschland mit einbezog. Welche Rolle Deutschland dabei spielte, wird allerdings nicht erwähnt, das ist womöglich unklug. Andererseits wird Politik fast komplett aus den Geschichten herausgelassen, was die Filmemacherinnen Mieko Azuma und Susanne Mi-Son Quester damit begründen, dass sie die kindliche Perspektive zeigen wollen, also die derjenigen, die weder Entscheidungsgewalt noch Verantwortung haben. Die Ursachen für eine Flucht sollen zurücktreten hinter die Realität des Fliehens, so, wie die Kinder sich daran erinnern.

Gelegentlich zerfasert der Film ein wenig durch die Abwechslung der Erzähler, trotzdem entsteht allmählich der Eindruck einer Gemeinsamkeit zwischen ihnen. Sie alle, vom Jüngsten bis zur Ältesten, mussten sich mit den gleichen Fragen auseinandersetzen, etwa: Was nimmt man mit, welches Gepäck wählt man aus für den Moment des Aufbruchs? Oder: Hat man Angst? Versteht man die Tragweite dessen, was passiert? Schaut man noch einmal zurück auf sein Zuhause, weil man weiß, dass man lang nicht mehr wiederkommen wird?

Wirklichkeitsnähe macht den Film spannend

Diese Wirklichkeitsnähe ist es, die den Film so spannend macht, denn solche Fragen kann jeder im Publikum halbwegs nachvollziehen. Lustiger sind dann die Auskünfte darüber, wie Deutschland in den Augen der Neuankömmlinge wirkte, was für sie anfangs seltsam war und was ihnen gefiel. Genau darin liegt die Leistung der Filmemacherinnen Susanne Quester und Mieko Azuma – bei allen fünf Flüchtlingsgeschichten das Drama nüchtern zu behandeln und die Protagonisten zum Lächeln zu bringen.

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