Drama | Spanien/Frankreich 2019 | 147 Minuten

Regie: Aitor Arregi

Spanien, 1936: Im Zuge des Bürgerkriegs gerät der linke Bürgermeister eines kleinen Orts in Andalusien ins Visier der Faschisten und muss sich in einem Kellerloch unter seinem Haus verbergen. Ein Versteckspiel, das sich während des Franco-Regimes über drei Jahrzehnte hinziehen wird, immer bedroht von der Entdeckung. Basierend auf realen historischen Ereignissen verdichtet der Film das Schicksal seiner Figuren nach einem actionreichen Einstieg zu einem intensiven psychologischen Kammerspiel, das die Atmosphäre latenter Bedrohung ebenso eindrucksvoll einfängt wie deren Auswirkungen auf die Beziehung der Protagonisten. - Sehenswert ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
LA TRINCHERA INFINITA
Produktionsland
Spanien/Frankreich
Produktionsjahr
2019
Produktionsfirma
La Claqueta/Irusoin/Manny/Moriarti Produkzioak/Trinchera
Regie
Aitor Arregi · Jon Garaño · Jose Mari Goenaga
Buch
Luiso Berdejo · Jose Mari Goenaga
Kamera
Javier Agirre
Musik
Pascal Gaigne
Schnitt
Laurent Dufreche · Raúl López
Darsteller
Antonio de la Torre (Higinio) · Belén Cuesta (Rosa) · Vicente Vergara (Gonzalo) · José Manuel Poga (Rodrigo) · Emilio Palacios (Jaime)
Länge
147 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama | Historienfilm | Thriller
Externe Links
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Ein intensives, preisgekröntes psychologisches Kammerspiel aus Spanien um einen Mann, der sich während der Franco-Diktatur drei Jahrzehnte in einem Kellerloch unter seinem Haus vor den Faschisten verbergen muss.

Diskussion

Juli 1936: Ein Mann springt aus dem Bett, stürzt aus seinem Haus und läuft panisch in die kahlen Felder vor dem andalusischen Dorf. Er rennt um sein Leben. Der Bürgerkrieg hat begonnen. Die Faschisten und die Ortspolizei sind hinter ihm her, sie wollen Higinio (Antonio de la Torre), den linken Bürgermeister, töten. Wo soll er hin? Die Nachbarn von einst werden zu Todfeinden.  Es ist eine atemlose Hetzjagd. Noch weiß der Flüchtende nicht, dass er heute zum letzten Mal für Jahrzehnte laufen wird. Am Ende schlägt er einen Haken und läuft dorthin zurück, wo seine Flucht angefangen hat: In sein eigenes Haus. Seine Frau Rosa (Belén Cuesta) versteckt ihn im Keller. Vorläufig. So glauben beide, aber in Wirklichkeit beginnt hier in ihrem eigenen Haus die längste, angespannteste und quälendste Zeit ihres Lebens. 

Die Schrecken der Diktatur aus der Kellerloch-Perspektive

Wiederholt und auf sehr unterschiedliche Weise haben sich junge spanische Filmemacher in den letzten Jahren mit Krieg und Diktatur auseinandergesetzt, die Bandbreite reichte dabei von Frauen im Widerstand bis hin zur letzten Abrechnung des Philosophen Miguel de Unamuno mit dem neuen Regime 1936. Kann zum spanischen Bürgerkrieg noch viel Neues erzählt werden? Ja, das baskische Regietrio José Mari Goenaga, Aitor Arregi und Jon Garaño hat nach zwei erfolgreichen Spielfilmen in baskischer Sprache „Lorreak“ und „Handia“ seine regionale Komfortzone verlassen und das Schicksal eines „topos“ in einem andalusischen Dorf inszeniert. Es gab hunderte solcher „Topos“ (Spanisch: Maulwürfe), also Menschen, meist Männer, die sich jahrzehntelang vor der politischen Verfolgung in Kellern oder Speichern versteckten und nur Kontakt zu ganz wenigen Familienangehörigen und Freunden hatten.

„Der endlose Graben“ bezieht sich auf den Fall von Manuel Cortés, dem republikanischen Bürgermeister der kleinen Stadt  Mijas bei Malaga, der 30 Jahre lang versteckt lebte. Bereits 2011 erzählte Manuel H. Martín die Geschichte in seinem Dokumentarfilm „30 años de oscuridad“ („Dreissig Jahre Dunkelheit“); der Spielfilm wurde im vergangenen Jahr auf dem Internationalen Filmfestival in San Sebastian mit dem Preis für die beste Regie und für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Zusätzlich erhielt er den Fipresci Award und den Preis für den besten baskischen Film.

Heimlichkeit als Lebensprinzip

„Der endlose Graben“ ist ein klaustrophobisches Kammerspiel. Es gelingt dem Film, die tiefe Zerrissenheit und die repressive Atmosphäre der Diktatur aus der engen Perspektive des Kellerlochs heraus zu schildern. Nur wenn niemand außer seiner Frau oder seinem Sohn im Haus ist, kann sich Higinio im Rest der Wohnung aufhalten. Der Film lebt immer von der ständigen Bedrohung, von einer kontinuierlichen Anspannung, Nachbarn, die ins Haus wollen, die Freunde des Sohnes, der misstrauische faschistische Nachbar und ein übergriffiger Polizist: die Gefahr kommt immer unerwartet. Die Familie lebt mit der Heimlichkeit als Lebensprinzip. Neben der Anspannung wird die Geschichte vom Lauf der Zeit geprägt.  Higinio wird dicker, altert schneller durch die fehlende Bewegung.

Auch die Auswirkungen der Isolation werden deutlich. Immer nur den staatlichen Medien ausgesetzt, erst dem Radio, dann dem Fernsehen, ohne andere Informationsquellen als der Propaganda des Regimes, entwickelt Higinio fast ein Stockholm Syndrom und findet Franco und seine Regierung plötzlich gut. Er erlebt die gesellschaftliche Entwicklung nicht mehr, während sein Sohn schon im neuen Widerstand gegen Franco organisiert ist.

"Eigentlich waren alle eingesperrt"

Beeindruckend ist auch die Bildgestaltung: Von der atemlosen Hektik der Eingangssequenz werden die Bewegungen langsamer bis zur fast völligen Trägheit in jenen braunen Farben der trügerisch heimeligen Höhle, einem Kerker, der das Sonnenlicht nur durch heruntergelassene Rollläden eindringen lässt. Großartig ist Antonio de la Torre als Hauptdarsteller, aber auch Belen Rueda, seine Ehefrau, die an der Situation fast zerbricht.

Für José Mari Goenaga, einen der drei Regisseure, spiegelt sich in dem Protagonisten auch das Schicksal der gesamten spanischen Gesellschaft unter dem Franco-Regime wider: „Eigentlich waren alle eingesperrt. Ganz besonders in den ersten Jahren nach dem Krieg herrschte das Schweigen, eine Lähmung und dann über die Jahre und Jahrzehnte hinweg eine gewisse Entspannung. Alles das verkörpert auch unser Protagonist.“ „Der endlose Graben" ist ein wichtiger Film, nicht nur für Spanien. Denn was die lange Geschichte von Higinio vermittelt, ist eine universelle Botschaft: Für die Gegner der Diktatur gibt es kein Happy End: die verlorene Lebenszeit kann keiner ersetzen.

 

 

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