Friedrich Hölderlin - Dichter sein. Unbedingt!

Dokumentarfilm | Deutschland 2020 | Kino: 90 (TV auch: 53) Minuten

Regie: Hedwig Schmutte

Doku-Drama über den Dichter Friedrich Hölderlin (1770-1843), das historische Reenactments mit animierten Illustrationen verbindet und durch eine sehr wandlungsfreudige Musik dramatisiert, während Experten verschiedenen Deutungen nachgehen oder der Schriftsteller Durs Grünbein den Hölderlin’schen Sentenzen nachspürt. Aus den wenigen historisch verbürgten Realien setzt der gut argumentierende Film ein neues, in seiner Radikalität eigentümlich modern anmutendes Bild des Dichters zusammen. Die Jahre nach seiner Entlassung aus der psychiatrischen Klinik in Tübingen im Jahr 1807 bleiben hingegen weitgehend ausgespart. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Hedwig Schmutte · Rolf Lambert
Buch
Hedwig Schmutte · Rolf Lambert
Kamera
André Götzmann
Musik
President Bongo · Stefan Eichinger · Stefan Neubert
Schnitt
Gunther Kreis · Manfred Linke
Länge
Kino: 90 (TV auch: 53) Minuten
Kinostart
13.02.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm

Doku-Drama über den Dichter Friedrich Hölderlin (1770-1843).

Diskussion

Ein dumpfes Stöhnen; ein Handgemenge; ein Mensch, der sich sträubt, wird brachial in eine Kutsche verbracht; dann wildes Hufgeklapper und Abfahrt: So eröffnet die filmische Spurensuche und Dokumentation „Friedrich Hölderlin / Dichter sein. Unbedingt!“ von Hedwig Schmutte und Rolf Lambert, die pünktlich zum 250. Geburtstag des Dichters (1770-1843) ins Kino kommt. Damit wählt sie mit Bedacht die dramatischste Szene und den Wendepunkt ziemlich exakt zur „Hälfte des Lebens“ Hölderlins (so der Titel eines seiner bekanntesten Gedichte). Denn diese Fahrt im Jahre 1806 führt ihn aus einer seiner seltenen bürgerlichen Berufsstellungen als Hofbibliothekar beim Landgrafen von Hessen-Homburg unmittelbar in eine geschlossene Anstalt und zu einer unfreiwilligen psychiatrischen Behandlung zurück nach Tübingen, wo er schließlich in der Obhut eines poetisch gesinnten Handwerksmeisters bis zu seinem Tode blieb.

Ein filmbiografisches Unterfangen…

Bereits in seiner Exposition entfaltet das Werk die gesamte Bandbreite technisch-visueller Kunststücke, die einem solchen filmbiografischen Unterfangen heute zur Verfügung stehen. Neben dem historischen Reenactment durch Spielszenen sind insbesondere gezeichnete oder animierte Illustrationen (von Ali Soozandeh) im Sinne eines „So hätte es sein können“ zu bestaunen, eine stilistisch sehr wandlungsfreudige Musik lebt mitunter dramatisch auf, und eine Thesenwand wird wie in einer Kriminalermittlung von Experten mit ersten „Indizien“ zum „Fall Hölderlin“ gespickt.

Einer dieser Fachleute, der Psychiater Uwe Gonther, entwickelt etwa anhand einer ledernen Trense zur Ruhigstellung, gar Knebelung des Exaltierten recht schlüssig ein Hölderlinsches Lebensmotiv existenzieller Ängste, mindestens der (für einen Dichter ebenso gravierenden) Angst, der freien Rede verlustig zu gehen. Auf diese Weise setzt der Film gleichsam mosaikartig aus den wenigen historisch verbürgten Realien ein neues, in seiner Kompromisslosigkeit und Radikalität eigentümlich modern anmutendes Bild Hölderlins zusammen.

… mit ästhetischen Unwägbarkeiten

Dieses Verfahren offenbart zugleich aber auch ein ästhetisches Dilemma derartiger Dramen. So schön und anschaulich weite, im Drohnenflug eingefangene Landschaftspanoramen des Homburger Schlossbezirks oder verschneiter Alpenpässe sein mögen, so motivisch einprägsam der wandernd wiederkehrende Thorsten Hierse als Hölderlin erscheint – die historischen Hintergründe und das für das Publikum nötige Faktenwissen werden durch die Experten in Studiosituationen eingespielt und zur Verfügung gestellt. Diese Szenen geraten dann stilistisch von trocken-sachlich bis intensiv lebendig, wenn Hierse, der gut spielt und deklamiert, und der Lyriker Durs Grünbein in gemeinsamer Lesung Hölderlins Verse dialogisch aufbrechen und im Duett ihren Sinn suchen. In diesen Momenten lässt sich sogar verstehen, warum Grünbein die dichterische Betätigung als Suche nach dem Gesang der ursprünglichen Sprache beschreibt.

Der Film fokussiert zeithistorisch bei den geschilderten Etappen von Hölderlins Lebenslauf auf seine aktive „Zeit in der Welt“ bis zur Krise von 1806. Wie im Zeitraffer erfährt man so vom protestantischen Geist in seinem Elternhaus in Nürtingen am Neckar, der durchaus problematisch erlebten Bildungsprägung im Tübinger Stift, eine Art Elitegymnasium seiner Zeit, wo er mit großen, unabhängigen Geistern wie Hegel und Schelling, aber auch mit dem alles durchwaltenden Leistungsprinzip der bürgerlichen Gesellschaft in nähere Berührung kommt, sowie von seinem Entschluss, einer bequemen Laufbahn als Beamter oder Pfarrer zu entsagen, zugunsten einer ungesicherten Existenz als „sozial freischwebende (dichterische) Intelligenz“.

Das Drehbuch lässt es geschickt im Offenen, ob Hölderlin an jener eher leidet oder sie, in fast moderner Wendung, sein Leben lang heroisch verteidigt; mit Ausnahme einiger kurzer Engagements als Hauslehrer in wohlhabenden Familien wird er niemals gutbürgerlich sesshaft.

Sehr knapp: Freiheit & Liebe

Etwas unzulässig verknappt wird die Darstellung seiner Themen und Motive allerdings, wenn diese bei Hölderlin einzig auf die Pole „Freiheit“ und „Liebe“ enggeführt werden, der Dichter also zum Herold der freien Liebe und einer radikalen (politischen) Emanzipation des Menschen erklärt wird. Sicherlich lassen sich dafür Indizien finden im Werk dieses Wanderers in einer Wendezeit, der spätestens nach der terroristischen Entartung der Französischen Revolution in kritischer Distanz stand zu den extremeren geistigen Strömungen seiner Epoche stand, der weder Klassiker noch Romantiker, und innerlich weder Deutscher, Franzose noch alter Grieche war.

Der gut argumentierende Film hätte an dieser Stelle besser daran getan, das moderne Moment der inneren Zerrissenheit Hölderlins und der Disparatheit seiner dichterischen Produktion noch stärker herauszustellen, anstatt seine aktive politisch-subversive Betätigung zu behaupten und Thorsten Hierse in ungelenken Lettern „Keine Macht für niemand“ an die Wand malen zu lassen. Denn mit diesem Dichter wird man in Deutschland so schnell nicht fertig: Hölderlin und kein Ende, sozusagen.

So kommt es nicht von ungefähr, dass der Film seine Zeit im Tübinger Turm, seine späteste Lyrik und nicht zuletzt sein Nachleben in der literarischen Kritik nahezu ganz außer Acht lässt, denn schwerer noch als seine ohnehin „tatenarmen“ jungen Jahre wären wohl der „gedankenvolle“ hohe Ton und die radikale lyrische Verdichtung gegen Ende seines Lebens zu schildern – Hölderlin kalkulierte stets mit der eigenen Unverständlichkeit. Auch deshalb ist er der Dichter, der am meisten riskiert.

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