Die Farbe aus dem All

Horror | USA 2019 | 113 Minuten

Regie: Richard Stanley

Eine fünfköpfige Familie will auf einer Farm in Massachusetts dem Stadtleben entkommen, bis ein Meteorit mit einem mysteriösen Farbnebel die Idylle bedroht. Der nur lose an die gleichnamige Erzählung von H.P. Lovecraft angelehnte Mystery-Film verquickt Body-Horror-Elemente mit psychedelischen Farb- und Soundeffekten. Die bildgewaltige Inszenierung zielt auf ein synästhetisches Erlebnis, bisweilen an der Grenze zur Selbstparodie, wozu auch der Hauptdarsteller mit seinem expressiven, mitunter völlig entfesselten Schauspiel beiträgt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
COLOR OUT OF SPACE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Richard Stanley
Buch
Scarlett Amaris · Richard Stanley
Kamera
Steve Annis
Musik
Colin Stetson
Schnitt
Brett W. Bachman
Darsteller
Nicolas Cage (Nathan Gardner) · Joely Richardson (Theresa) · Madeleine Arthur (Lavinia) · Elliot Knight (Ward) · Tommy Chong (Ezra)
Länge
113 Minuten
Kinostart
05.03.2020
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Horror | Literaturverfilmung | Science-Fiction

Heimkino

Verleih DVD
Koch
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Psychedelische Adaption der gleichnamigen Erzählung von H.P. Lovecraft über einen Meteoriten, der das Leben einer fünfköpfigen Familie in Massachusetts grundlegend verändert.

Diskussion

So muss es sich im Inneren einer Lavalampe anfühlen, inmitten hypnotisch wabernder Farbwolken in Neonfarben. Wenn man zu lange hinschaut, beschleicht einen das Gefühl, auf einem bewusstseinserweiternden Drogentrip zu sein oder sich übergeben zu müssen. Genau diese Gratwanderung unternimmt „Die Farbe aus dem All“, eine neuerliche Adaption der gleichnamigen Erzählung von H.P. Lovecraft, dem Meister des fantastischen Horrors. Der südafrikanische Filmemacher Richard Stanley verfilmt die Geschichte mit Nicolas Cage als Farmer Nathan Gardner, der sich mit seiner Familie auf dem Land in Massachusetts ein neues Leben aufbauen will, fernab von allem städtischen Trubel.

Für Stanley ist der Film ein ziemliches Ereignis, denn sein letzter Spielfilm liegt beinahe 30 Jahre zurück, obwohl er Anfang der 1990er-Jahren mit den Science-Fiction-Endzeitvisionen „Dust Devil“ (1990) und „M.A.R.K. 13 – Hardware“ (1992) als vielversprechendster Genre-Regisseur gefeiert worden war. Doch dann scheiterte er an seinem Herzensprojekt, der Verfilmung des H.G.-Wells-Romans „Die Insel des Dr. Moreau“ mit Marlon Brando. Kurz nach Drehbeginn wurde Stanley gefeuert; John Frankenheimer beendete den Film. Der Dokumentarfilm „Lost Soul: The Doomed Journey of Richard Stanley's Island of Dr. Moreau“ (2014) erzählt von diesem Fiasko.

Auf der Kippe zur Parodie

Die Zeichen für „Die Farbe aus dem All“ standen deshalb nicht gut: der Rehabilitierungsversuch eines abgeschriebenen Regisseurs, eine schon mehrfach verfilmte Horrorerzählung und obendrein ein unberechenbarer Hauptdarsteller. Die Gratwanderung war also nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine produktionstechnische. Doch allen Widrigkeiten zum Trotz ergibt Stanleys Inszenierung viel Sinn, weil der Regisseur eine klare Vision hat und diese äußerst konsequent umsetzt. Seine Version ist zwar surrealistisch abgedreht und immer an der Kippe zur Parodie, aber sie funktioniert und ist gerade deshalb ein Heidenspaß.

Stanley lehnt seine Inszenierung nur lose an Lovecrafts Erzählung an, was dem Film guttut. Gardner zieht mit seiner Frau und den drei Kindern auf die Farm seines verstorbenen Vaters, um ein ruhiges Leben zu führen. Eines nachts schlägt ein Meteorit in ihrem Garten ein: ein merkwürdig leuchtendes Gestein, mit einer im irdischen Farbspektrum nicht vorhandene Nuance. Fortan wachsen merkwürdige Pflanzen im Garten; Tiere mutieren und das Trinkwasser scheint eine Art Seuche zu übertragen.

Krankheit in Pink und Lila

Doch wo Lovecraft das Grauen und den Horror andeutet und auf diese Weise eine bedrohliche Atmosphäre erzeugt, wird Stanley expliziter. Das fängt schon bei der mysteriösen Farbe an, bei der sich der Film ja aus dem herkömmlichen Spektrum bedienen muss. Die Inszenierung lässt die zunächst kaum greifbare Farbanomalie sich wie eine Krankheit in Pink- und Lilatönen ausbreiten, die an die Airbrush-Ästhetik der 1990er-Jahre erinnern. Lilafarben fluoreszierender Nebel wabert nachts durch die Wälder, grelle Blumen wachsen im Garten. Sie scheinen Sporen auszuatmen und die Luft zu infizieren; elektromagnetische Impulse legen alle Maschinen und Elektrogeräte lahm.

Jedes Familienmitglied hat zwischenzeitlich einen Filmriss und wacht verwirrt wieder auf. Alle nehmen die Anomalien wahr, doch es dauert, bis sie die ernsthafte Bedrohung erkennen, vor der es scheinbar kein Entkommen gibt. Die mysteriös-maligne Farbe breitet sich aus, wird zu einem Graviationsfeld, das alles verschluckt, und füllt in Neonpink und Fuchsia die Leinwand aus. Hypnotisierendes Synthesizer-Dröhnen macht das Farbgeschwür zum psychedelisch-synästhetischen Erlebnis.

Nicolas Cage und sein „nouveau shamanic“-Stil

Analog zu dieser Entwicklung werden Body-Horror-Elemente eingeführt, die sowohl die psychische wie auch die physische Bedrohung greifbar machen. Stanley schafft es, den bei Lovelace eher ätherisch anmutenden Schrecken in körperliches Grauen zu übersetzen. Das kulminiert in verstörenden Szenen, in denen das Farbgeschwür Körper zersetzt und ineinander auflöst; so verschmilzt Nathans Frau Theresa mit ihrem jüngsten Sohn Jack verschmilzt und scheint ihn in einer symbolisch-regressiven Geburt wieder in sich aufzunehmen. Sehr abstrakt und assoziativ werden so Themen wie Krankheit und Familientrauma verhandeln, die in der Handlung nur lose anklingen.

An dieser psychosomatischen Schnittfläche setzt die Darstellung von Nicolas Cage an. Seine Figur ist schon zu Beginn ein verschrobener Eigenbrötler, doch mit der immer weiter um sich greifenden Farbepidemie entfesselt er einen Wahnwitz und Irrsinn, die ihresgleichen suchen. Der Übergang von roboterhaftem Staksen zu linkischer Aggression und angstgetriebener Notwehr ist bei Cage fließend und nimmt im Showdown eine schizophrene Qualität des Grauens an. Mit seiner irren Performance führt Cage seine Schauspielmethode fort, die er selbst als „nouveau shamanic“ bezeichnet, als modernes schamanistisches Ritual. Sein bewusst anti-naturalistisches und überbordend exzentrisches Spiel, etwa in „Vampire’s Kiss“ (1988), „Ghost Rider“ (2007) oder zuletzt in „Mandy“ (2018) haben ihn zur genialen Trash-Ikone werden lassen, immer an der Grenze zur Selbstparodie.

Mit selbstironischem Gestus

In „Die Farbe aus dem All“ ist alles ziemlich over the top, doch das Spiel mit der Parodie hat Methode. Stanley adaptiert Lovecrafts anachronistische Wortwahl in Form von Science-Fiction-Anleihen aus den 1980er- und 1990er-Jahren und verquickt sie mit Cages körperlicher Präsenz zu einer sehr eigenen Dynamik. Auch schreckt Stanley vor Selbstironie nicht zurück, wenn er Gardner kurz vor seinem totalen Zusammenbruch vor einen Fernseher setzt und „Der Besessene“ (1962) schauen lässt – wie in „Die Insel des Dr. Moreau“ mit Marlon Brando.

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