Niemals Selten Manchmal Immer

Drama | USA 2019 | 102 Minuten

Regie: Eliza Hittman

Eine 17-Jährige aus dem ländlichen Pennsylvania wird ungewollt schwanger und sieht schnell keine andere Option mehr als eine Abtreibung. Da dies in ihrer Heimat ohne Erlaubnis der Eltern nicht möglich ist, bricht sie heimlich mit einer Kusine nach New York auf, wo ihr Plan aber durch finanzielle und andere Fehleinschätzungen erschwert wird. In seiner Haltung unmissverständliches Drama, das die prüde Bigotterie einer rückwärtsgewandten Gesellschaft anklagt und männliche Grenzüberschreitungen als alltäglich vorführt. Dem harten Schicksal der jungen Frauen setzt der Film kleine Gesten der Anteilnahme entgegen, die von einer wachsenden Selbstermächtigung künden. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Eliza Hittman
Buch
Eliza Hittman
Kamera
Hélène Louvart
Musik
Julia Holter
Schnitt
Scott Cummings
Darsteller
Sidney Flanigan (Autumn) · Talia Ryder (Skylar) · Théodore Pellerin (Jasper) · Ryan Eggold (Ted) · Sharon Van Etten (Mutter)
Länge
102 Minuten
Kinostart
01.10.2020
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama

Minimalistisches Drama um eine ungewollt schwangere 17-Jährige aus Pennsylvania, die in New York eine Abtreibung durchführen lassen will.

Diskussion

Die Magie und die Macht des Kinos zeigen sich gerne in den unscheinbarsten Bildern. Die amerikanische Filmemacherin Eliza Hittman beginnt ihren dritten Film „Niemals Selten Manchmal Immer“ mit einem solchen Bild. In der ersten Szene ist die Kamera auf eine Bühne gerichtet, Jugendliche performen bei einer Schulaufführung Hits aus den 1960er-Jahren – eine Tanzgruppe mit Pompoms, ein Elvis-Imitator, ein Barbershop-Ensemble. Ein Auftritt jedoch fällt aus der Reihe: Ein Teenager-Mädchen im farbenfrohen Sportblouson und mit Glitzerlidschatten geschminkt spielt mit seiner Akustikgitarre einen Hit der Girlgroup „The Exciters“: „He’s Got The Power“.

Es spielt ihn jedoch nicht im stilechten Twist-Tempo, sondern vielmehr im Lamento und im Moll der 1980er-Jahre – der Song könnte von „The Smiths“ stammen. Im Publikum ruft ein Mitschüler hinter vorgehaltener Hand „Hure!“, das Mädchen bricht ab, setzt neu an, singt den Song mit eindringlichem Ernst zu Ende: „He makes me do things I don’t wanna do. He makes me say things I don’t wanna say and even though I wanna break away I can’t. He’s got the power, the power of love over me.“

Die Anspannung bleibt

Das Mädchen heißt Autumn und seine Anspannung wird auch nach dem Auftritt bleiben, wenn sie zwischen den ins Gesicht hängenden Haarsträhnen hervorschaut und kaum ein Wort sagt. Ihre Familie deutet das als Lustlosigkeit, die Jungs in der Schule als Arroganz. Erst nach ein paar Tagen vertraut sie sich ihrer Cousine Skylar an: Autumn ist ungewollt schwanger und kann sich nichts anderes als eine Abtreibung vorstellen. Weil sie noch minderjährig ist und für einen Schwangerschaftsabbruch in Pennsylvania die Erlaubnis ihrer Eltern bräuchte, fährt sie heimlich mit Skylar nach New York City, wo die Gesetzeslage anders ist.

Ihrer Mutter kann sie sich nicht anvertrauen, denn die hat schon genug mit den kleinen Geschwistern zu tun und muss obendrein ihren Freund versorgen, ein quengeliges Mannkind, das jegliche Aufmerksamkeit von Autumn ablenkt.

Ein melancholisches, hartes Road Movie

Eliza Hittman begleitet die beiden Mädchen auf ihrer Busfahrt, sitzt mit ihnen in Wartesälen und Untersuchungszimmern. „Niemals Selten Manchmal Immer“ ist ein zugleich melancholisches und hartes Road Movie, das die prüde Bigotterie einer Gesellschaft ausstellt, die Mädchen und Frauen einerseits dauer-sexualisiert und andererseits als „Huren“ und „Schlampen“ abstempelt, selbst wenn sie Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind. Sidney Flanigan ist als Autumn eine vor Anspannung beinahe erdrückte junge Frau und setzt nur minimale Mimik ein, um Autumns resignierten Rückzug in die eigene Innerlichkeit herauszukehren. Ein unpersönlicher Anamnesebogen in der New Yorker Klinik lässt bei ihr den emotionalen Knoten platzen: „Hat dein Partner dich zu sexuellen Handlungen gezwungen?“ heißt es da, die Antwortmöglichkeiten lauten wie bei allen Fragen des Bogens: „Niemals Selten Manchmal Immer“.

Auch in diesem Moment ist Autumn wieder schmerzerfüllt und verloren und dennoch ist es auch der Ausgangspunkt für das wandelnde Selbstverständnis, die Eliza Hittman an Autumn zeigen will – nicht sie hat sich fehlverhalten, sondern die Gesellschaft, indem sie die Diskriminierung von Frauen deckt und ihnen obendrein Schuldbewusstsein einimpft. Autumn und Skylar sprechen nur wenig miteinander, hängen oft ihren eigenen Gedanken nach und verstehen sich dennoch blind. Die minimale Charakterisierung der beiden Frauen lässt die aufgeworfenen systemischen Fragen im Raum schweben.

Überall Grenzüberschreitungen

Dabei geht es Hittman nicht nur um die besonders in den USA harten Abtreibungsgesetze und die mangelnde Hilfestellung, sondern führt auch eine allgegenwärtige Schieflage vor: In nahezu allen Alltagssituationen müssen Autumn und Skylar Grenzüberschreitungen erleben, und aggressives Verhalten, wenn sie sich dagegen wehren. Das ständige Verhandeln um den eigenen Körper ist hier Normalität – sei es beim Nachmittagsjob im Supermarkt, bei dem der Chef sich nach der Abrechnung immer ihre Hände greift und küsst, sei es bei der Beratungsstelle in ihrer Heimatstadt, bei der Autumns Wunsch nach Aufklärung über einen Schwangerschaftsabbruch mit einem abschreckenden Video beantwortet wird, oder in New York, wo Skylar aus Verzweiflung einen aufdringlichen Studenten küsst, damit er ihnen Geld für eine Rückfahrkarte borgt.

Kleine Gesten zwischen den beiden jungen Frauen sollen deutlich machen, wie gefangen sie sich in ihren Rollen fühlen. Zu Beginn fragt Skylar noch lachend, als Autumn über Unterleibsschmerzen klagt: „Wärst du nicht auch gerne manchmal ein Typ? Alles wäre einfacher.“ Als Skylar den Studenten an einer Straßenecke küsst, steht Autumn versteckt auf der anderen Seite, hält jedoch um die Kante herum ihre Hand. Beiden ist klar, dass Skylar sich verkauft, doch ein Anruf bei den Eltern wird nicht als Option präsentiert. Zu weit entfernt ist deren Lebenswelt von der Realität der beiden Mädchen, als wäre die Gesellschaft gedanklich in einem anderen Jahrzehnt stehengeblieben.

Gefangen in der Zeitschleife

Dieser Zeitsprung der Weltanschauungen erinnert auch nochmals an die symbolträchtige Eingangsszene. Denn Autumns Coverversion transponiert die ursprünglich fröhliche Melodie des Songs „He’s Got The Power“ nicht nur in ein Klagelied, sondern stellt damit auch die Anklage des Textes heraus: Die „Power of Love“ als verklausulierten Euphemismus für eine Vergewaltigung spiegelt die Scheinheiligkeit einer Gesellschaft wider, die in einer Zeitschleife gefangen scheint. Eliza Hittman nimmt diese Rückwärtsgewandtheit auf und zeigt deren Folgen – feinfühlig und zugleich unmissverständlich. Das macht ihr Kino zu einem transformativen Ereignis.

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