Alle in einem Boot

Drama | Deutschland 2018 | Minuten

Regie: Tobias Stille

1939 irrte der Dampfer St. Louis mit über 900 deutschen Juden an Bord über den Atlantik, ehe die Passgiere auf ihrer Flucht vor den Nazis in Belgien an Land durften. Der Spielfilm im Gewand eines Dokumentarfilms beobachtet eine Off-Theatertruppe bei den Proben für ein Stück über das historische Ereignis. Zu den professionellen Schauspielern gesellen sich Bewohner eines nahe gelegenen Flüchtlingsheims, die den Stoff eine aktuelle Dimension verleihen. Der klug inszenierte Low-Budget-Film verzichtet auf plakative Botschaften und nimmt sich des Themas Flucht und Migration mitunter recht humorvoll an. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Tobias Stille
Buch
Tobias Stille
Kamera
Mathis Hanspach
Musik
Marc Sinan Baute
Schnitt
Jörg Kroschel
Darsteller
Kathleen Gallego Zapata (Sarah) · Stephanie Marin (Elsa/ Ela) · Lorenz Pilz (Gustav Schröder) · Thilo Prothmann (Paul) · Daniel Zimmermann (Moah)
Länge
Minuten
Kinostart
12.03.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama

Drama um einen Theaterregisseur, der die Flucht seines Großvaters vor den Nazis in einem Stück aufgreifen will, von einem dem Schauspieler aber gehalten wird, den Stoff in die Gegenwart zu verlagern.

Diskussion

Im Mai 1939 legte in Hamburg das deutsche Passagierschiff St. Louis Richtung Kuba ab. Die über 900 Passagiere waren nahezu ausnahmslos jüdische Deutsche, die der Verfolgung durch die Nazis entkommen wollten. Die Reise wurde zur Odyssee. Denn auf Kuba ließ man die Menschen trotz gültiger Visa nicht an Land. Nachdem auch die USA und Kanada die Aufnahme verweigert hatten, erhielt der Kapitän Gustav Schröder von seiner Reederei die Order, wieder Kurs auf Hamburg zu nehmen. Doch Schröder widersetze sich und durfte schließlich in Antwerpen anlegen, von wo die Flüchtlinge auf Belgien, Frankreich, die Niederlande und Großbritannien verteilt wurden.

Ein Bezug zur Gegenwart

Diese Geschichte der St. Louis ist bereits mehrfach für Kino und Fernsehen adaptiert worden, jüngst etwa in „Die Ungewollten“ (2019). Auch „Alle in einem Boot“ sieht zunächst wie ein weiterer Spielfilm über das Thema aus. Man sieht einen Mann namens Paul mit seiner Frau Elsa und Sohn Georg 1939 bei der Einschiffung in Hamburg. Doch nach drei Minuten findet man sich in einer Lagerhalle wieder, in der eine Theatertruppe die Geschichte der St. Louis als Stück probt. Da beim Filmprojekt das Geld ausging, sattelte die Produktion auf eine preiswerte Variante um.

Es werden Szenen einstudiert, Dialoge geändert; zwischendurch kommt es unter den Beteiligten immer wieder zu Diskussionen. Paul (Thilo Prothmann), der seinen gleichnamigen Großvater spielt, führt auch Regie. Irgendwann klagt ein jüngerer Darsteller, dass diese alten Kriegsgeschichten heute doch völlig uninteressant seien; zum Thema Migration gebe es schließlich weit Aktuelleres. Man könnte doch Bewohner des nahen Flüchtlingsheims zur Mitwirkung einladen.

Der Regisseur und andere sind von diesem Vorschlag zwar nicht begeistert, lassen sich aber auf das Experiment ein. Vielleicht könnte das finanziell klamme Off-Theater dadurch an zusätzliche Fördermittel kommen. So probt bald ein buntes Gemisch von Menschen aus unterschiedlichsten Ländern das Stück. Muslime spielen Juden oder die Schiffsbesatzung um den heldenhaften Kapitän.

So komplex wie klug inszeniert

Wenn man liest, dass dieser Film, unterstützt von einem Wohlfahrtsverband, mit einem Budget von 50 000 Euro im Rahmen eines Inklusionsprojektes realisiert wurde, bei dem eine Küche des Deutschen Roten Kreuzes fürs Catering sorgte und die Kostüme aus dem Fundus der Caritas stammten, wäre ein schlichter, wohlmeinender Film mit untadeliger Botschaft zum Thema Flucht und Migration zu erwarten gewesen. Erfreulicherweise kommt die Produktion aber fast ohne Zeigefinger aus und entpuppt sich überdies als komplexer, klug inszenierter Film. Szenen des Theaterstücks mischen sich mit Spannungen und Animositäten unter den Akteuren, und einmal stört die Polizei die Proben, weil sie im Ensemble einen abgelehnten Asylbewerber vermutet. Der Spielfilm mutet dabei nahezu durchgehend wie ein Dokumentarfilm an und wartet bei allem Ernst mit einer Reihe humoristischer Einsprengsel auf.

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