Nur die halbe Geschichte

Coming-of-Age-Film | USA 2020 | 104 Minuten

Regie: Alice Wu

Eine 17-jährige Jugendliche aus einer Familie mit asiatischen Wurzeln fühlt sich in ihrem US-amerikanischen Provinznest als Außenseiterin. Ihre Mitschüler hänseln sie, greifen aber dennoch auf ihre Dienste zurück, um sich gegen Bezahlung gute Aufsätze schreiben zu lassen. Als sie einem Jungen beim Verfassen eines Liebesbriefes hilft, entdeckt sie ihre eigene Hinneigung zu der Adressierten. Eine High-School-Teenager-Romanze, die nicht nur um amouröse Verwicklungen kreist, sondern auch darum, seinen eigenen Weg zu finden. Ein zwischen scharfsinnigen Beobachtungen und großen Gefühlen, luftig-leichten und tiefernsten Momenten wechselnder Film voller Herzenswärme. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE HALF OF IT
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Alice Wu
Buch
Alice Wu
Kamera
Greta Zozula
Musik
Anton Sanko
Schnitt
Lee Percy · Ian Blume
Darsteller
Leah Lewis (Ellie Chu) · Daniel Diemer (Paul Munsky) · Alexxis Lemire (Aster Flores) · Enrique Murciano (Deacon Flores) · Becky Ann Baker (Mrs. Geselschap)
Länge
104 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Coming-of-Age-Film | Romantische Komödie

Eine sino-amerikanische Jugendliche aus der US-Provinz schreibt für einen Mitschüler Liebesbriefe an ein Mädchen, das sie selbst auch verehrt.

Diskussion

Wenn jemand so vehement wie Ellie Chu (Leah Lewis) behauptet, dass dies keine Liebesgeschichte sei, kann man mit Gewissheit vom Gegenteil ausgehen. Allerdings dreht sich „Nur die halbe Geschichte“ nicht ausschließlich um die Suche nach Mr. oder Mrs. Right, sondern vor allem darum, wie man sich selbst findet. Und wie man herausfindet, was man wirklich möchte, und dann den Mut sammelt, genau das auch zu tun.

Platons Kugelmenschen & fiese Mitschüler

Diese Fragen und Überlegungen sind normal für einen Film, in dem ein 17-jähriges Mädchen im Mittelpunkt steht, das gleich zu Beginn darlegt, dass „Liebe die Sehnsucht und das Streben nach Ganzheit“ sei. Na ja, was Teenager so in Tagebücher schreiben, könnte man meinen. Doch damit liegt man gänzlich falsch: Denn was Ellie da vorträgt, sind Auszüge aus einem Aufsatz über Liebe und Trauer in Platons „Symposium“. Allerdings schreibt sie darüber nicht nur einmal, sondern gleich mehrmals, weil sie klug ist, sehr klug sogar, und auf ihrer High School kaum jemand so klar denken und so griffig formulieren kann wie sie. Ellie hat den Grips, die anderen das Geld, und so übernimmt sie für ihre Mitschüler die aufgetragenen Essays über „das unterdrückte Verlangen bei Sartre“ oder eben auch über die antiken Kugelmenschen, auf die der Originaltitel „The Half of It“ verweist und die als Animation im Vorspann auftauchen – und später im Film auf wundersame Weise auch in einem Badeteich.

Ellie ist ein Nerd, aber man mag sie sofort. Sie lebt mit ihrem verwitweten Vater, der in China ein Ingenieur war und in den USA nun als Bahnhofsvorsteher arbeitet, in einem Ort, der sich mit dem Schild „It happens in Squahamish“ schmückt – was eine faustdicke Lüge ist, denn in diesem Kaff passiert rein gar nichts. In der High School versuchen sich Teenies im Küssen; der vermeintlich schönste Junge ist mit dem offensichtlich schönsten Mädchen zusammen, und Ellie, die man in den Gängen anrempelt, ohne sich dafür zu entschuldigen, fühlt sich unsichtbar. Am liebsten wäre ihr, wenn man sie ganz in Ruhe ließe.

Eine „Streberin“ im Clinch mit dem Provinzdasein

Und so überhört sie die Sprüche von dummdreisten Jungs, die sie mit ihrer chinesischen Herkunft aufziehen, und zieht sich zurück. Sie will abends mit ihrem Vater im Fernsehen „Casablanca“ oder „Der Himmel über Berlin“ sehen und sonntags in der Kirche Orgel spielen. Sie managt den trauernden Vater, den Haushalt, den Bahnverkehr, die Hausaufgaben ihrer Mitschüler und hofft, dass sie es irgendwann aus Squahamish herausschafft.

In ihrem biografisch gefärbten Debütfilm „Saving Face“ (2004) erzählte Regisseurin Alice Wu von einer New Yorkerin mit chinesischen Wurzeln, die sich in eine Frau verliebt und sich zugleich mit ihrer traditionell eingestellten, aber auch sehr eigenwilligen Mutter auseinandersetzen muss; auch in „Nur die halbe Geschichte“ geht es wieder um Erfahrungen einer sino-amerikanischen Frau, allerdings aus einer jüngeren Generation. Der gewitzte, zuweilen auch neunmalkluge Ton passt gut zu Ellie und auch zum Coming-of-Age-Genre, das Wu mit ihrem zweiten Film zwar keineswegs neu erfindet, aber trotzdem so erzählt, dass man dranbleibt und mitfühlt.

Cyrano de Bergerac lässt grüßen

Schnell entwickeln sich Figuren und Setting zu einem wohlbekannten Plot: Ellie nimmt, nachdem ihr Vater mal wieder die Stromrechnung nicht bezahlt hat, widerwillig einen ungewöhnlichen Schreibjob an. Paul (Daniel Diemer), liebenswert, schüchtern, sportlich und aus einer Familie, die seit jeher Würstchen herstellt, hat sich verliebt. In Aster Flores (Alexxis Lemire), das schönste Mädchen der Schule und die Tochter des hispanischen Pfarrers im Ort. Paul denkt an Aster, wenn er aufwacht, wenn er einschläft und zwischendurch sowieso. Er ahnt, dass sie für ihn unerreichbar ist. Aber wohin mit all seinen Gefühlen? Deshalb bittet er Ellie, in seinem Namen einen Liebesbrief zu schreiben und Aster zu bezirzen.

Es werden weitere folgen, und eine Flut an Textnachrichten, die mit den „richtigen“ Emojis gespickt sind. Cyrano de Bergerac lässt grüßen – und damit weiß man eigentlich auch schon, warum Ellie fortan immer die richtigen Worte findet. Denn auch ihre Blicke haken sich an Asters Lippen fest. Auch sie schaut verstohlen hin, wenn Aster mit einer Haarsträhne spielt oder im Chor das Solo singt, und auch ihr stockt der Atem, wenn Aster sie anspricht. Das alles macht die Sache vorhersehbar kompliziert, wartet trotz einiger Klischees aber doch immer wieder mit überraschenden Ideen und Wendungen auf.

Zwischen luftig-leichten und tiefernsten Momenten

Vor allem dürfen die drei Hauptfiguren, die zunächst wie das Stammpersonal einer x-beliebigen High-School-Teenager-Romanze wirken – die Außenseiterin, die Schönheit, die Sportskanone –, eigenständige und vielschichtige Charaktere sein, die einem nicht egal sind. Es fällt leicht, sich auf den Film einzulassen: Er gleitet wohltuend dahin in einem Rhythmus, der zwischen luftig-leichten und tiefernsten Momenten, zwischen scharfsichtigen Beobachtungen und großem Gefühl souverän wechselt und immer mal wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubert. „Nur die halbe Geschichte“ ist voller Herzenswärme. Das kann nicht schaden, vor allem, wenn es um Liebesdinge geht und man 17 Jahre alt ist. Oder auch viel älter.

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