Madison - Ungebremste Girlpower

Abenteuer | Deutschland/Österreich 2020 | 87 Minuten

Regie: Kim Strobl

Eine verbissene 13-jährige Bahnradrennfahrerin muss die Sommerferien wider Willen in den Tiroler Bergen verbringen, wo sie über Gleichaltrige das Mountainbike-Fahren entdeckt. Getragen von neu gewonnener Lebensfreude erkennt sie, dass sie sich von ihrem dominanten Vater lösen muss, um ihren Platz im Leben zu finden. Der schwungvolle Coming-of-Age-Film setzt sich ernsthaft mit den Folgen des Leistungssports auf die Persönlichkeitsentwicklung von Heranwachsenden auseinander. Ohne erhobenen Zeigefinger und mit wenigen Vereinfachungen spricht er sich nachdrücklich für eine stärkere Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen aus. - Ab 10.

Filmdaten

Originaltitel
MADISON
Produktionsland
Deutschland/Österreich
Produktionsjahr
2020
Regie
Kim Strobl
Buch
Kim Strobl · Milan Dor
Kamera
Stefan Biebl
Musik
Karwan Marouf
Schnitt
Britta Nahler
Darsteller
Felice Ahrens (Madison) · Florian Lukas (Timo) · Maxi Warwel (Katharina) · Valentin Schreyer (Andi) · Emilia Warenski (Vicky)
Länge
87 Minuten
Kinostart
16.09.2021
Fsk
ab 6; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 10.
Genre
Abenteuer | Coming-of-Age-Film | Drama | Familienfilm

Schwungvoller Coming-of-Age-Film über eine junge Radrennfahrerin, die den Reiz des Mountainbike-Fahrens entdeckt und sich gegen ihren dominanten Vater behaupten lernen muss.

Diskussion

„Madison“ ist der sechste Film, der im Rahmen der Initiative „Der besondere Kinderfilm“ entstanden ist, die 2013 von Fernsehsendern, Filmförderungen, Filmwirtschaft und Verbänden gegründet wurde, um deutsche Kinderfilme auf den Weg zu bringen, die nicht auf bewährten Erfolgsformaten, sondern auf zeitgemäßen Originalstoffen beruhen. Das Außergewöhnliche am vorliegenden Kinderfilm ist, dass er sich ausgiebig mit der Problematik des kindlichen Leistungssports auseinandersetzt.

Die 13-jährige Madison (Felice Ahrens) ist eine sehr ehrgeizige deutsche Radrennsportlerin. Sie setzt alles daran, ihrem coolen Vater Timo (Florian Lukas), einem erfolgreichen Radsport-Profi, nachzueifern. Er lebt von seiner Frau Katharina (Maxi Warwel) getrennt, die von Madisons Hingabe an den Leistungssport nicht gerade begeistert ist. Als Madison nach einem unglücklichen Sturz und einem heftigen Streit mit einer Rivalin das renommierte Leistungszentrum verlassen muss, das sie als jüngstes Mädchen besucht und das als Sprungbrett für den Jugendnationalkader gilt, folgt sie ihrer Mutter in die Tiroler Berge. Katharina gibt dort in diesem Sommer Yoga-Kurse und hat dazu eine Ferienwohnung von Andi (Valentin Schreyer) angemietet.

Zum ersten Mal positives Gemeinschaftsgefühl

Im Dorf fühlt sich Madison erst mal fremd, trainiert aber weiter verbissen. Auf die Idee, sich auch einmal Ferien zu gönnen, kommt sie gar nicht. Als sie das Training auf den steilen Straßen übertreibt, erleidet sie eine Muskelzerrung und muss eine Woche Ruhe halten. Nun lernt sie die kluge Downhill-Fahrerin Vicky (Emilia Warenski) sowie Andis Sohn Jo (Yanis Scheurer) kennen und freundet sich mit ihnen an. Als das Madisons Rennrad einen Defekt hat, steigt sie zum ersten Mal auf ein Mountainbike und entdeckt, wie viel Spaß das macht. Und abseits der gewohnten Trainingspläne und Selbstdisziplinierungen empfindet sie zum ersten Mal ein positives Gemeinschaftsgefühl. Die beiden Mädels melden sich spontan als Team bei einer Radschnitzeljagd an. Doch dann verliebt sich Madison in den 16-jährigen Nachbarsjungen Luggi (Samuel Girardi), der allerdings bereits mit Vicky liiert ist.

Das Drehbuch zu dem Kinderabenteuerfilm hat die Regisseurin Kim Strobl, die an der University of Westminster Film- und Fernsehproduktion studiert hat, zusammen mit dem erfahrenen Autor Milan Dor verfasst, der unter anderem für den Kinderfilm Das Pferd auf dem Balkonauf dem Festival „Goldener Spatz“ in Erfurt und Gera 2013 den Drehbuchpreis gewonnen hat. In das Skript sind auch eigene Erfahrungen Strobls eingeflossen, denn die 1982 in Innsbruck geborene Filmemacherin fährt selbst Downhill-Mountainbike. Schon für die Entwicklung des Stoffes an der Akademie für Kindermedien in Erfurt gewann sie 2016 den „Baumhaus-/Boje-Medienpreis“.

In dramaturgischer Hinsicht setzt Strobl konsequent auf starke Kontraste: Hier das monotone, streng reglementierte Bahnradfahren immer im Kreis herum, dort das wilde, selbstbestimmte Mountainbike-Fahren auf steilen Tiroler Berghängen, hier das trubelige, lärmige Stadtleben, dort die grüne, ruhige Natur.

Emanzipation von Erfolgszwängen

An den genannten Gegensätzen entlang hangelt sich auch die Emanzipation der Protagonistin, die wie eine Zweier-Mannschaftsfahrdisziplin des Bahnsports heißt, von den Erfolgszwängen des Leistungssports: Indem Madison sich von den zwanghaften Bemühungen löst, mit starken sportlichen Leistungen um die Aufmerksamkeit des geliebten, aber häufig abwesenden Vaters zu buhlen, und über das Mountainbiking den Wert von Freundschaft und Lebensfreude entdeckt, reift sie zu einem Mädchen heran, das selbst entscheiden kann und will, welchen Weg sie im Leben einschlägt.

Wie schon der unsinnige Untertitel signalisiert, wartet der Film mit reichlich Downhill-Action auf. Seine Kamera hat Stefan Biebl zum Teil auf die Helme der Mountainbiker montiert und fängt so rasante Bilder ihrer Bergabfahrten ein. Für zusätzliche Authentizität sorgen professionelle Radsportler, die hier teils als Doubles, teils in Nebenrollen mitwirken. Bei aller Dynamik und Abenteuerfreude – es gibt natürlich auch stille Szenen, die für die nötige Balance sorgen.

Die Hauptdarstellerin ist ein Glücksgriff

Mit der Nachwuchsdarstellerin Felice Ahrens, die in „Madison“ ihre erste Hauptrolle spielt, ist Strobl ein Glücksgriff gelungen. Ahrens gibt die ehrgeizige Spitzensportlerin ebenso überzeugend wie die zickige Stadtgöre, die mit beachtlicher Arroganz auf die Heranwachsenden im Bergdorf herabblickt, und das energiegeladene Abenteuer-Girl, bei dem der Groschen gefallen ist.

Schwachpunkte der Inszenierung sind die zuweilen holzschnittartig dargestellten Konflikte, der allzu schnelle Sinneswandel der Heldin sowie ihres Vaters und die manchmal etwas abrupten Wendungen des Plots. So verschwindet der nur angerissene Eifersuchtskonflikt zwischen Madison und Vicky ebenso schnell, wie er aufgetaucht ist – zum Glück, verwässert er doch ohnehin nur den stärkeren emanzipatorischen Hauptstrang des Films, der 2020 den Publikumspreis beim Kinderfilmfest im Lichtwerk Bielefeld gewann und 2021 beim Filmfest München den Kinder-Medien-Preis „Der weiße Elefant“ erhielt.

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