Leif in Concert Vol. 2

Drama | Deutschland 2019 | 116 Minuten

Regie: Christian Klandt

In einer Kellerkneipe „irgendwo in Deutschland“ kehrt die Wirtin nach längerer Abwesenheit zurück, um ein Konzert auszurichten. Wie üblich steckt der Tag voller kleiner Herausforderungen, während wunderliche Typen, schillernde Gestalten und unscheinbare Normalos einander in der Kneipe begegnen. Charmant erzählter und versiert montierter Ensemblefilm, der die Längen aufgrund der dünnen Handlung mit herrlich abgedrehten Dialogen, erfrischend unverkrampften Darstellern, beeindruckenden künstlerischen Darbietungen und einem fantastischen Soundtrack weitgehend wettmacht. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Christian Klandt
Buch
Christian Klandt
Kamera
René Gorski
Schnitt
Jörg Schreyer
Darsteller
Luise Heyer (Helene-Martha) · Klaus Manchen (Klaus) · Christian von Aster (Impressario) · Gerdy Zint (Jari) · Florian Bartholomäi (Max)
Länge
116 Minuten
Kinostart
16.07.2020
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama

Auf einen Tag konzentrierter Ensemblefilm über die Wirtin einer Kellerkneipe „irgendwo in Deutschland“ und ihre aus schillernden Typen bestehende Kundschaft.

Diskussion

Barfrau Lene hat ein gelbes Rennrad. Wenn sie mit dem irgendwo in der Nähe vom „Alex“ in Berlin losfährt, kann es schon mal passieren, dass sie auf dem Weg zur Arbeit an der Leipziger Universitätskirche vorbeiradelt, die Kölner Hohenzollernbrücke überquert, am Frankfurter Börsenplatz abbiegt und durch die Hamburger Speicherstadt strampelt, um schließlich wieder irgendwo in der Nähe vom Alex – oder, wie es im Film heißt „irgendwo in Deutschland“ – in den Rauchschwadenkosmos ihrer dunklen Kellerkneipe einzutauchen.

Die Eingangssequenz von „Leif in Concert Vol. 2“ ist so raffiniert und nonchalant geschnitten, dass ihr topografischer Irrwitz beim flüchtigen Hinschauen gar nicht mal auffällt. Auf ähnliche Weise werden von Regisseur und Drehbuchautor Christian Klandt (Little Thirteen) auch die anderen kleinen Wunder, Seltsamkeiten und Absurditäten inszeniert, die sich in seinem Film in der Parallelwelt unter der Erde abspielen: ohne großes Tamtam.

Auf ihrer Vorspannradtour kreuz und quer durch Deutschlands Innenstädte setzt sich Lene Kopfhörer auf, aus denen bei strahlendem Sommerwetter der Sound des Berliner Musikkollektivs Orchestre Miniature in the Park dröhnt. „I don’t need no songs about the sun“, heißt es da gutgelaunt im Refrain. Und tatsächlich ist in den nächsten knapp zwei Stunden keine Sonne mehr zu sehen, was aber der Stimmung keinerlei Abbruch tut.

Die Kneipe als sozialer Schmelztiegel

„Leif in Concert Vol. 2“, ganz offensichtlich noch in Zeiten gedreht, in denen man „Corona“ mit einem Bier assoziierte und in engen, schlecht belüfteten Kellerräumen keine Aerosole wähnte, ist eine Ode an die Kneipe als sozialer Schmelztiegel. Hier im urbanen Untergrund, sozusagen im gesellschaftlichen Unterbewussten, begegnen sich Menschen diverser Herkunft, unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Temperamente, um gemeinsam für ein paar Stunden ihren Alltag miteinander zu teilen, zu philosophieren, schwadronieren und Musik zu hören. Ein buntes Sammelsurium aus komischen Käuzen und anderen schrägen Vögeln.

Unfreiwillig trifft „Leif in Concert Vol. 2“ damit auch den pandemischen Sehnsuchtssound. Kreiert aber wurde die namenlose Kneipe, in der Lene knallhart-zerbrechlich hinterm Tresen steht, wohl eher als utopisches Refugium und kulturelles Gravitationszentrum einer unheilvoll auseinanderdriftenden Gesellschaft.

Eine unterschwellige Botschaft, die glücklicherweise nur ganz leise im Nebenklang mitschwingt. Dramaturgisch ist der Streifen als Ensemblefilm angelegt, mit Kneipenwirtin Lene (Luise Heyer) als inkarniertem roten Faden. Nachdem sie länger auf Reisen war, kehrt sie an diesem Donnerstag – es ist, das wird sich später herausstellen, nicht irgendeiner – das erste Mal wieder in die Kneipe zurück, um ein Konzert mit einem dänischen Musiker zu veranstalten, den sie während ihrer Abwesenheit kennengelernt hat. Also räumt sie die Kneipe auf, nimmt die Kaffeemaschine in Betrieb, eine Bierlieferung an, ruft einen Klempner für das verstopfte Klo. Vor allem aber unterhält sie sich märchenhaft fließend in allen Sprachen (Arabisch, Persisch, Dänisch, Italienisch, Französisch, Türkisch, ...) am Telefon und an der Bar mit alten Bekannten und neuen Bekanntschaften. Ihr Chef (Klaus Manchen) will, dass sie den Laden von ihm übernimmt. Eine ältere Dame aus der Nachbarschaft fragt in Begleitung ihres Enkelsohns, ob sie die Toilette (noch bevor sie verstopft ist) benutzen dürfe. Ein modernes Tanzensemble (Tangente Tanzkompanie) probt seine Performance. Slam-Poetin Selma (Maryam Zaree) liest versuchsweise aus ihrem neuesten Werk.

Man hängt begeistert an den Lippen

In achronologischer Montage werden in diesen doch sehr überschaubaren Handlungsverlauf diverse Kneipengespräche geschnitten. An einem Tisch interviewt ein Reporter (Tom Lass) den Kriminalbiologen Mark Benecke, der so enthusiastisch von Totenwürmern und schwarzen Verfärbungen doziert, dass man ihm, auch ohne überhaupt zu wissen, wovon er da redet, begeistert an den Lippen hängt. Als Running Gag bittet Benecke den Reporter immer wieder, das Rauchen zu unterlassen, woraufhin dieser erklärt, dass er gerade versuche, sich das Rauchen anzugewöhnen (nicht ab-, an-!), was ihm aber sichtlich schwerfällt. In einer anderen Ecke sitzen die Stammgäste Oli (Bela B.) und Mutti (Jule Böwe) und sinnieren über innovative Geschäftsideen: eine App, die den Bildschirm des Handys in ein Ceranfeld verwandelt, für den schnellen Espresso zwischendurch; ein Feuerzeug mit Kamera, das von Hand zu Hand wandert und dabei einen Film produziert, solche (Schnaps-)Ideen. Und vor dem Eingang im Treppenhaus streitet und versöhnt sich das schwule Türsteherpärchen.

Im Grunde funktioniert „Leif in Concert Vol. 2“ (Vol. 1 wäre dann ggf. noch nachzureichen) wie ein „romantisches Buch“. Für die Romantiker des 19. Jahrhunderts nämlich ging es in einem Roman nicht in erster Linie darum, eine Geschichte zu erzählen, sondern vor allem darum, die Welt in ihrem fragmentarischen Charakter abzubilden und dabei munter alle Gattungen und Kunstformen miteinander zu verknüpfen. Oder im Kneipenjargon: Der Film ist eine Bühne. Eine Bühne für Tanz, Musik, Poesie und jede Menge kleine Sketche. Im Einzelnen wunderbar, im Ganzen noch immer großartig unterhaltsam, aber auf Dauer doch auch etwas langatmig. Eigentlich nichts fürs Kino, eher was zum Stöbern und Blättern zu Hause.

Einer der letzten Filme Tilo Prückners

Leider ist „Leif in Concert Vol. 2“ außerdem auch einer der letzten Filme Tilo Prückners geworden. Der Film beginnt mit ihm und hört vor dem Nachspann mit ihm auf. Gemeinsam mit Gotti Gottschild gibt Prückner ein liebenswert schräges „Odd Couple“, das beständig aneinander vorbeiredet und sich dabei dennoch prächtig versteht. In der Pre-Credit-Szene erinnert sich der von ihm gespielte Stammgast Günter an Paul Zechs Gedicht „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ (eigentlich: Eine verliebte Ballade für ein Mädchen namens Yssabeau) und daran, wie raubtierhaft Klaus Kinski es vorgetragen hat, und fügt dann melancholisch hinzu: „inzwischen auch tot.“ Unfreiwillig ist Christian Klandts „Leif in Concert Vol. 2“ damit auch eine Hommage an einen grandiosen deutschen Schauspieler geworden: den am 2. Juli im Alter von 79 Jahren verstorbenen Tilo Prückner.

Kommentar verfassen

Kommentieren