Dokumentarfilm | Deutschland 2020 | 97 Minuten

Regie: Caro Lobig

Seit vier Jahren streift die junge Bayerin Simone Hage mit ihren beiden Wildpferden Coco und Luna durch halb Europa und fragt sich, wo es mit ihr und ihrem Leben hingehen soll. Den Sozialen Medien, in denen sie als Minimalistin zu einer Art Vorbild wurde, hat sie inzwischen abgeschworen. Über zwei Jahre hinweg dokumentiert der Film die Entwicklung einer von Zweifeln geplagten Persönlichkeit, die insbesondere ihrer spirituellen Seite mehr Raum geben will. Ein wohlwollendes, visuell eher konventionelles Porträt, das sich ein wenig zu sehr auf die Ausstrahlung der fröhlichen Protagonistin verlässt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Caro Lobig
Buch
Caro Lobig
Kamera
Caro Lobig
Musik
Tobias Bartsch
Schnitt
Timo Lendzion
Länge
97 Minuten
Kinostart
29.10.2020
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Dokumentarischer Film über eine junge Frau Anfang 20, die sich nicht mit konventionellen Erwartungen begnügen will, sondern als Pferdenärrin und Freigeist nach ihrem eigenen Weg sucht.

Diskussion

Das filmische Porträt erzählt von einer jungen Frau auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt. Simone Hage ist erst 20 Jahre alt, aber sie ist schon durch ganz Deutschland und halb Europa gereist. Bisher hat sie ihren Traum von Freiheit gelebt, doch je länger sie unterwegs ist, desto klar wird ihr, dass sie sich eines Tages entscheiden muss, wie sie ihr Leben gestalten möchte.

Die Regisseurin Caro Lobig hat Simone Hage über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren auf ihre Tour begleitet. Ihr Film ist kein Dokumentarfilm im klassischen Sinne, sondern eher die Studie einer sich langsam entwickelnden Persönlichkeit. Als Motto steht ein Zitat von John Lennon über dem Film: „Zahme Vögel singen von Freiheit, wilde Vögel fliegen.“ Simone Hage ist so ein wilder Vogel, und sie fliegt schon eine ganze Weile. Mit 16 Jahren brach das Mädchen aus Bayern die Schule ab, verließ das Elternhaus und reiste fortan mit kleinem Gepäck durchs Land. Die passionierte Naturliebhaberin, Reiterin und Fotografin wurde eine aktive Bloggerin. In Lobigs Dokumentarfilm „Magie der Wildpferde“ (2019) ist Simone Hage eine der Protagonistinnen. Ihre Reise mit Pferden von Bayern an die Ostsee steht jetzt auch am Beginn von „Wildherz“, der weniger vom Zusammenleben zwischen Mensch und Pferd erzählt als vom Seelenzustand dieser freundlichen, stets lächelnden jungen Frau, die sich ihrer Talente und Fähigkeiten durchaus bewusst ist, aber dennoch in ständigen Zweifeln lebt. Wo soll sie hin? Wo könnte ihr Platz sein?

Fortan ohne Soziale Medien

Simone geht zusammen mit ihren Pferden Coco und Luna nach Dänemark, wo sie den Winter verbringt und als Praktikantin auf einem Reiterhof Kost und Logis erarbeitet. Dennoch bleibt Zeit für wilde Ritte am Strand, für Meditation in der freien Natur und fürs Fotografieren; mit der Pferdefotografie verdient Simone das Geld, um sich über Wasser zu halten. Bald ist aber klar, dass die junge Frau nicht nur auf der Suche nach ihrer Bestimmung ist, sondern auch ihre spirituelle Seite weiterentwickeln möchte. Ihre Frische, ihre Tier- und Menschenliebe, die große Offenheit und ein unerschütterlicher Frohsinn haben sie in den Sozialen Medien zur Identifikationsfigur für viele gemacht. Doch sie ist darüber rastlos geworden und hat den Social Media inzwischen abgeschworen. Sie lebt ohne Instagram, Facebook und weitgehend auch ohne Handy, denn sie möchte sich selbst wieder näherkommen. Ihr unstetes Leben als Minimalistin, mit dem sie anderen zum Vorbild wurde, ist ihr selbst immer mehr eine Last. Es treibt sie nichts mehr an. Hage will nicht mehr das „strahlende Reisemädchen“ sein. Aber wohin könnte ihre Lebensreise dann gehen?

Soll man diese junge Frau beneiden oder eher bemitleiden? Sie hat ein liebevolles Elternhaus und verdient ihr eigenes Geld, aber sie ist unzufrieden, auch weil sie sich nirgends zu Hause fühlt. Sie verfügt über ein beachtliches Charisma, hat viele Möglichkeiten und Chancen, doch sie kann oder will sich nicht entscheiden. Aber ist das denn überhaupt notwendig? Was Simone Hage als innere Freiheit bezeichnet, ist keineswegs die Abwesenheit von Verpflichtungen. Doch was will sie erreichen? Lässt sich ein glückliches Leben überhaupt planen? Und wie können die eigenen Ambitionen mit den Anforderungen des Alltags vereinbart werden?

„Wildherz“ zeigt die Protagonistin anfangs in ihrer positiven Grundeinstellung, die dann immer stärker von Selbstzweifeln angekratzt wird. Unklar bleibt, ob und warum die junge Frau den Anspruch an sich selbst stellt, eine Art Glücksvertrag mit sich schließen zu müssen. Zumindest am Ende des Films lässt sie davon ab, finale Antworten zu finden. Das macht Simone Hage sympathisch, ebenso die Suche nach ihrem Ich sowie der Drang, sich von ihrem glücklichen Kinderleben verabschieden zu müssen.

Hoffnung auf die Kraft der Natur

Für ihre Situation findet sie erstaunlich abgeklärte Worte, die weit von den Klischees entfernt sind, die der Jugend oft unterstellt werden. Hage ist alles andere als verwöhnt und unselbständig. Vielleicht ist es die trügerische Hoffnung einer dauerhaften Selbstverwirklichung, die sie umtreibt. Sie wünscht sich vor allem, ihre Persönlichkeit zu entwickeln, wofür sie die Hilfe der Naturmedizin sucht, unter anderem bei einer schamanischen Zeremonie. Das Zusammenleben mit anderen, die Mit-Menschlichkeit, beschäftigt sie offenbar weniger. Ihre Spiritualität ist die eines Einzelgängers und beruht auf der tiefen Verbundenheit mit der Natur.

„Wildherz“ enthält sich jeder offenen Wertung. Die Filmemacherin spricht mit Simone Hage und beobachtet sie. Meistens sieht man Hage im Alltag und dort, wo sie sich augenfällig am wohlsten fühlt: Draußen in der Natur. Eher selten kommen andere zu Wort, etwa die verständnisvollen Eltern, die bei aller Liebe ihr Unbehagen an der Lebensweise ihrer Tochter nicht verhehlen können.

Dem visuell eher konventionell gestalteten Film hätte ein strafferes Format gutgetan; die 90 Minuten werden mitunter sehr lang. Die Inszenierung verlässt sich allzu sehr auf die positive Wirkung, die Hage als fröhliches Sonnenkind verströmt. Die Folge davon ist eine gewisse Indifferenz, die in bisweilen überdeutlicher Weise die Situation der jungen Frau widerspiegelt und damit den ganzen Film erfüllt. Unter Strich ist „Wildherz“ das wohlwollende Porträt einer jungen Frau, die sich den Normen und Regeln des Üblichen nicht fügen will und für sich selbst neue Wege sucht.

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