Und morgen die ganze Welt

Drama | Deutschland/Frankreich 2020 | 111 Minuten

Regie: Julia von Heinz

Eine junge Jurastudentin aus adeligen Kreisen schließt sich in Mannheim einer Antifa-Gruppe an, in der sie anfangs nur geduldet ist. Als die Aktivisten einem rechten Netzwerk auf die Spur kommen, das Sprengstoff und Munition bunkert, wandelt sich die Milieu- und Jugendstudie zum Politthriller, der um die Frage kreist, ab wann Gewalt im Kampf gegen Rechts erlaubt oder gar geboten ist. Der politisch engagierte Film greift ein brisantes Thema auf und glänzt durch viele sprechende Details und herausragende Schauspieler; filmsprachlich und dramaturgisch mangelt es ihm aber an der Entschiedenheit, die Konventionen wirklich zu durchbrechen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland/Frankreich
Produktionsjahr
2020
Regie
Julia von Heinz
Buch
Julia von Heinz · John Quester
Kamera
Daniela Knapp
Musik
Neonschwarz
Schnitt
Georg Söring
Darsteller
Mala Emde (Luisa) · Noah Saavedra (Alfa) · Tonio Schneider (Lenor) · Luisa-Céline Gaffron (Batte) · Andreas Lust (Dietmar)
Länge
111 Minuten
Kinostart
29.10.2020
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama

Drama um eine junge Jurastudentin, die sich in Mannheim einer Antifa-Gruppe anschließt und mit ihren neuen Freunden einem geplanten Anschlag von Rechtsextremisten auf die Spur kommt.

Diskussion

Luisa studiert Jura im ersten Semester. Eine höhere Tochter aus landadeliger Familie. Es gibt viel Platz in dem großen alten Haus mit dem prachtvollen Garten. Am Wochenende geht man auf die Jagd, trägt ein schilfleinenes Jankerl oder Barbour-Jackett und dazu Trachtenhut; das Haus birgt einen Golf-Schrank, einen Waffenschrank und viele alte Bücher. Luisas Eltern sind freundlich, nachsichtig, tolerant, auch dann, als die Tochter in eine linke Kommune zieht: Antifa. Schließlich sind wir doch alle gegen Faschismus, nicht wahr? Auch der altväterliche Spruch, „Wer mit 20 nicht Kommunist ist, hat kein Herz“, darf hier nicht fehlen. Ihr Milieu tut das alles lächelnd ab: „Freie Liebe und so, und abends Gruppendiskussionen.“ Luisa selbst ist nicht zum Lächeln zumute.

Von den ersten Minuten des Films von Julia von Heinz an ist Luisa einerseits „die Neue“ in der Antifa-Gruppe und im besetzten Haus; andererseits gehört sie doch nie ganz dazu. Denn die Verhältnisse, aus denen sie kommt, sind allzu gesichert; ihr kann nicht wirklich etwas passieren. Das merkt man, sobald es in „Und morgen die ganze Welt“ ans Eingemachte geht, sobald sich Luisa politisch radikalisiert.

Anspielungen auf aktuelle Wirklichkeit

Anfangs ist alles harmlos. Im Jura-Seminar geht es um Artikel § 20 des Grundgesetzes. Das darin festgeschriebene Recht auf Widerstand – „gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen“ –, zählt zum juristischen Standardwissen; den Zuschauern wird es gleich dreimal sehr deutlich gesagt. Dies ist ein wichtiger Punkt, denn heute berufen sich Neonazis und Rechtsextremisten auf jenes Widerstandsrecht – gegen die demokratische Ordnung.

Die Anspielungen auf die aktuelle Wirklichkeit sind mit Händen zu greifen. „Und morgen die ganze Welt“ ist engagiertes, politisches Kino, das die gängige Moralisierung des Politischen möglichst vermeidet, aber vor direkten Verweisen auf aktuelle Geschehnisse und Akteure dennoch nicht zurückschreckt. Das wird nicht allen gefallen. So sieht man, wie Luisas Gruppe gegen eine politische Kundgebung demonstriert. Deren Plakate und Polit-Design sind unverkennbar in Anspielung auf die AfD gestaltet. Sogar das Aussehen der Rednerin ist dem öffentlichen Aussehen einer Alice Weidel zum Verwechseln ähnlich.

Nicht weniger klar streitet dieser Film auch gegen die abwiegelnde Formulierung vom Rechts-„populismus“ und zeigt unmissverständlich, dass es sich um Extremisten handelt; auch, dass die Übergänge von parlamentarischen Rechtsextremisten zur gewaltbereiten oder gewalttätigen Neo-Nazi-Szene in der Praxis fließend sind.

Neo-Nazis beobachten, ihre Pläne identifizieren

Als Zuschauer wird man Zeuge dieser Vernetzung, da man hier gewissermaßen der Antifa bei der Arbeit zusehen kann. Der Film zeigt, was diese geschlossenen Gesellschaften der radikalen Linken den ganzen Tag so machen. Das beschränkt sich nicht auf Musik hören, gemeinsam abhängen, Fitness-Training für die nächste Demo, Plakate malen, containern oder Klamotten für Flüchtlinge sammeln. Oft genug übernehmen die Antifa-Mitglieder jene Arbeit, die man von den Behörden erwarten würde: eine engmaschige Beobachtung der Neo-Nazis, Erkundungen jener vielen Übergänge zwischen offenem Faschismus und gewalttätigem Spießertum, Identifizierung jener Garagen, in denen Mitgliederlisten der Organisation lagern, aber auch all der Keller, in denen der Sprengstoff und die Munition für den nächsten Anschlag bereitgehalten werden.

Während die erste Hälfte des Films ein Panorama des Antifa-Alltags ausbreitet, spitzt sich die Erzählung in der zweiten Hälfte auf die Entdeckung eine solchen Garage zu. Damit wird aus der Milieu- und Jugendstudie ein Politthriller, der im Kern um die entscheidende Frage kreist: Wann ist gegen Gewalt auch Gegengewalt erlaubt? Wo greift das Widerstandsrecht des Bürgers?

Mannheim als Schauplatz

Die Stärken des Films liegen in seiner Geschichte und den vielen sprechenden Details, etwa der Stadt Mannheim als einem facettenreichen, hochinteressanten Schauplatz, der vom deutschen Kino bislang fast komplett übersehen wurde. Sie liegen aber auch in einer Schauspieler-Riege mit vielen unbekannten Gesichtern, die durchweg sehr gut spielen. Neben der Hauptdarstellerin Mala Emde als Luisa sind vor allem Noah Saavedra und Tonio Schneider hervorzuheben. Außerdem Andreas Lust, der einen desillusionierten Antifa-Veteranen spielt.

Defizite gibt es allerdings im Ästhetischen. Nicht so sehr in der Inszenierung einzelner Szenen als vielmehr im grundsätzlichen Fehlen einer durchgängigen Filmsprache und einer erkennbaren Haltung. So bleibt es oft beim Bebildern der Ereignisse; und es gibt eher wenige Momente, in denen der Film über einen nackten Realismus hinausreicht.

Dorthin gehen, wo es weh tut

In manchen Momenten besitzt „Und morgen die ganze Welt“ die Qualitäten der besseren Werke von Fatih Akin: eine unmittelbare Sinnlichkeit, die Bereitschaft, Blut, Schweiß, Tränen und andere Körperflüssigkeiten nicht auszusparen, sondern zu zeigen. Nicht zu glätten, sondern „gritty“ zu sein. Das birgt manchmal auch die Gefahr, Emotionen schon für die Sache selbst zu nehmen, Leidenschaft und Passion auszustellen und nicht mehr deutlich zu machen, wofür ein solcher Aktionismus eigentlich steht. Der Antifa muss man kein Pathos der Tat vorhalten; der Regisseurin an einigen Stellen aber schon. Zudem mehren sich am Ende nicht nur die Widersprüche der Figuren und ihrer Situation, sondern auch des Films. Man glaubt zu spüren, dass die Filmemacherin so hin und hergerissen war wie ihre Hauptfigur, man glaubt zu erkennen, dass ein anderes Ende möglich gewesen wäre, vielleicht weniger unentschieden, vielleicht mit dem Mut, die moralischen Konventionen des deutschen Films und der ihn stützenden Fernsehredaktionen aufzubrechen.

Die Unentschiedenheit, die „Und morgen die ganze Welt“ durchzieht, wird indes nicht nur durch die hochsympathische Haltung der Regisseurin, sondern vor allem durch ihren Mut ausgeglichen, moralisch wie politisch dorthin zu gehen, wo es weh tut: zu den Debatten um Gewalt und der Frage, wann diese gerechtfertigt sein könnte. Zwar zeigt der Film eine Hauptfigur, die der Gewalt – scheinbar – abschwört. Angesichts der alltäglichen Gewalt der Rechtsextremisten macht er aber auch klar, dass keine Gewalt auch keine Lösung ist.

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