Serie | USA 2020 | Minuten

Regie: Bronwen Hughes

Eine Science-Fiction-Serie um eine US-Astronautin, die die Leitung bei einem internationalen Raumflug zum Mars übernimmt. Dazu muss sie allerdings ihren Ehemann und ihre Teenager-Tochter in einem Moment zurücklassen, in dem beide sie besonders brauchen. Die wagemutige Mission ins All ist nicht nur deswegen von Anfang an mit emotionalen Konflikten behaftet. Vor dem Hintergrund einer Zeit, die angesichts der menschengemachten Bedrohung der Erde durch Klimakatastrophe etc. dem technischen Fortschritt kritischer gegenübersteht als einst das "Space Age", balancieren die Figuren zwischen dem Glauben an ihre Mission und Selbstzweifeln. Die Serie verbindet stimmig Weltraum-Abenteuer und Familien- bzw. Beziehungsdrama, wobei sie mit sorgfältig entwickelten Charakteren aufwartet und damit eine kammerspielartige Spannung aufbaut, die auch über die visuell recht konventionelle Umsetzung hinweg tröstet. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
AWAY (2020)
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Bronwen Hughes · David Boyd · Charlotte Brändström
Buch
Andrew Hinderaker · Jessica Goldberg
Kamera
Brian Pearson · David Boyd
Musik
Will Bates
Schnitt
Dana Gasparine · Phillip J. McLaughlin
Darsteller
Hilary Swank (Emma Green) · Ato Essandoh (Kwesi) · Mark Ivanir (Misha) · Ray Panthaki (Ram) · Vivian Wu (Yu)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Serie

Eine Weltraum-Serie um eine internationale Astronauten-Crew, die zur ersten bemannten Marsmission aufbricht.

Diskussion

Gleich zu Beginn beschwört die Weltraumserie „Away“ eines der großen ikonografischen Bilder der Fotografie-Geschichte. Die Astronautin Emma Green (Hilary Swank) erblickt vom Mond aus die Erde. „Earthrise“ hieß die im Jahr 1968 auf Zelluloid gebannte ikonische Aufnahme des Planeten, die das „Weltbild“ nachhaltig verändert hat. Die Eröffnungssequenz von „Away“ ist diesem Anblick nachempfunden. In einer nicht näher bestimmten Gegenwart eröffnet sich der NASA-Kommandantin Emma Green jener Eindruck eines inmitten des unendlichen Weltalls schwebenden blauen Planeten aufs Neue. Jedoch – und das macht den Unterschied aus – lediglich auf dem Zwischenstopp einer viel größeren Menschheitsmission, nämlich dem ersten bemannten Flug zum Mars.

Der Blick auf die Erde hat den Optimismus verloren

Greens Blick geht zunächst zurück, ein erstes Abschiednehmen in einer Erzählung, die voller Abschiede ist; es ist aber dennoch ein hoffnungsvoller Auftakt. Die Astronautin verharrt nämlich nicht in Ergriffenheit, sondern nimmt die Erde zwischen Daumen und Zeigefinger, eine zärtliche und auch zutiefst entschlossene Geste. Sie ähnelt damit einer Regisseurin, die eine Einstellung zurechtrückt, bevor der Dreh beginnt.

Diese Eröffnung beschreibt auch die Wiederaneignung eines Bildes, dessen Bedeutung sich im Lauf der Jahrzehnte verschoben hat. Was im Rahmen der Apollo-8-Mission noch auf die utopischen Potenziale der Menschheit verwies und von den Verheißungen der Wissenschaft und dem Vordringen des Menschen ins All kündete, erscheint den Erdenbewohner des 21. Jahrhunderts als vielfach gebrochenes Bild; gefiltert durch eine Epoche, die angesichts globaler sozialer Verwerfungen und der ökologischen Katastrophe immer mehr davon überzeugt ist, dass die Menschheit eine Last für die Erde ist.

Aus diesem Gefühl heraus hat sich eine tiefsitzende Skepsis gegenüber dem Fortschritt und dessen Triebfedern – Aufklärung und Universalismus – entwickelt. Das schlägt sich auch kulturell nieder. Wo in den 1960er-Jahren noch zukunftsfreudige Science-Fiction-Erzählungen wie „Star Trek“ das Fernsehen bestimmten, die das Weltall als zu erschließende „final frontier“ der Möglichkeiten interpretierten, konfrontieren aktuelle Serien wie „Black Mirror“, „The Expanse“ oder „Westworld“ mit dystopischen Entwürfen, in denen es mit der menschlichen Zivilisation nicht zum Besten steht. Der Fortschrittsglaube wird inmitten von intergalaktischen Kriegen, technologischen Exzessen und paranoiden KI-Szenarien zu Grabe getragen. Die Zukunft ist vielleicht noch nicht tot, aber zumindest ein Patient mit hoffnungsloser Prognose.

Weltraumstory & vielschichtiges Familiendrama

Mit einem ähnlich gearteten Grundpessimismus sehen sich Emma Green und ihre Crew auch bei der Pressekonferenz zum Start des Raumschiffs Atlas konfrontiert. Die erste Nachfrage lautet dementsprechend, ob es nicht viel besser wäre, das üppige Budget für den Ausflug zum Mars in soziale Projekte zu investieren. Die Überlebenswahrscheinlichkeit der Crew wird in der Öffentlichkeit ohnehin nur auf 50 Prozent geschätzt. Und als wäre ein dreijähriger Hin- und Rückflug zum roten Planeten nicht schon schwierig genug, gilt es für die Besatzung auch noch jene zu verlassen, die ihnen am nächsten stehen – ihre Familien.

Es gelingt dem Serienschöpfer Andrew Hinderaker und seinen Executive Producern Jason Katims und Matt Reeves beinahe leichthändig, die Weltraumstory gleichzeitig als vielschichtiges Familiendrama anzulegen, das –durchaus genreunüblich – nicht nur die strahlenden Astronauten, sondern auch ihre Angehörigen in den Fokus nimmt. Parallel zum Weltraumgeschehen und in zahlreichen Rückblenden wird ein umfassender Handlungszusammenhang etabliert, der die Charaktere auf der Atlas umso lebendiger erscheinen lässt.

Zwischen Hoffnung und Selbstzweifeln

Die Protagonisten heißen Emma, Mischa, Lu, Kwesi und Ram. Sie stammen aus den USA, Russland, China, England und Indien und bringen ihre jeweiligen kulturellen Eigenheiten mit an Bord. Die Erzählung verkeilt sich glücklicherweise nicht in Identitätsunterschieden, sondern hält am universalistischen Glauben an die gemeinsame Schaffenskraft aller Menschen fest, unabhängig von ihrer Herkunft. Gebrochen wird dies nur in Momenten, in denen sich die Figuren persönlich hinterfragen. Nicht immer scheint ihre Motivation ausschließlich darin zu bestehen, die Besiedlung des Weltalls zu ergründen. An einer Stelle manifestiert sich ein solcher Selbstzweifel wunderbar handfest in den Klängen von Joni Mitchells Song „River“: „But I’m so hard to handle, I’m selfish and I’m sad / Now I’ve gone and lost the best baby that I ever had / Oh, I wish I had a river I could skate away on“.

Eine ingenieursschlaue Vorwärtsgewandtheit

Die Crew der Atlas ist stets auch eine kleine Selbsthilfegruppe, die sich in entscheidenden Momenten darauf versteht, einander beizustehen und Probleme wie das Versagen des Bewässerungssystems gemeinsam zu lösen. Besonders die schauspielerischen Leistungen von Mark Ivanir und Vivian Wu stechen dabei hervor.

Es sind die stillen und poetischen Momente, die „Away“ aus der Masse der Weltraum-Serien hervorheben, die allzu oft auf Bombast und Knalleffekte setzen. „Away“ ist überdies eine Science-Fiction-Serie, die mit erstaunlich wenig Fiction auskommt. Ihr technologischer Fundus erstreckt sich weitgehend auf Herkömmliches. Der Crew kommt keine Wunderwaffe mit Warpgeschwindigkeit zur Hilfe. Doch so ausgeklügelt und überzeugend die Serie auf der Handlung- und Charakterebene anmutet, so sehr bleibt „Away“ bei den künstlerisch-visuellen Mitteln hinter den Möglichkeiten zurück. Bildästhetisch verharrt die Serie im Netflix-typischen Einerlei hochaufgelöster Nüchternheit, einem gestalt- und farbmüden Nullkonzept, ohne eigenständigen Look. Das clevere Drehbuch hätte anderes verdient. Dennoch sollte man dem Weltraumdrama eine Chance geben, denn statt zivilisationsmüder Apokalyptik wartet „Away“ mit ingenieursschlauer Vorwärtsgewandtheit auf, ganz im Sinne von „Der Marsianer“: „Angesichts der überwältigenden Chancen bleibt mir nur eine Option: Ich muss mich mit Wisssenschaft auf der Scheiße ziehen“.

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