Drama | USA 2020 | Minuten

Regie: Michael Uppendahl

In den späten 1940er-Jahren verschafft sich eine Lazarettschwester einen Job in einer noblen psychiatrischen Klinik in Kalifornien, wobei sie ihre ganz eigene Agenda verfolgt und durch geschickte Manipulationen Einfluss auf die Klinikleitung nimmt. Die Serie entfaltet die Figur der Psychiatrie-Helferin Mildred Ratched aus dem Filmklassiker „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975) von Milos Forman als ein mitunter brutales Spiel mit vielen unberechenbaren Faktoren, zu denen ein junger Mörder, eine misstrauische Oberschwester, ein Auftragskiller, der Gouverneur und dessen Pressesprecherin zählen. Ein zwischen Drama, Thriller und makabrem Horror changierender Neuentwurf der Titelfigur, der nicht besonders stringent, aber höchst unterhaltsam von der Selbstermächtigung und Selbstfindung seiner (Anti-)Heldin erzählt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
RATCHED
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Michael Uppendahl · Ryan Murphy
Buch
Evan Romansky · Ryan Murphy
Kamera
Simon Dennis · Nelson Cragg
Musik
Mac Quayle
Schnitt
Shelly Westerman · Peggy Tachdjian
Darsteller
Sarah Paulson (Mildred Ratched) · Jon Jon Briones (Dr. Richard Hanover) · Finn Wittrock (Edmund Tolleson) · Judy Davis (Betsy Bucket) · Cynthia Nixon (Gwendolyn Briggs)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Serie | Thriller

Zwischen Melodrama, Thriller und Horror oszillierende Serie, die die Figur der Krankenschwester Mildred Ratched aus Milos Formans Klassiker „Einer flog über das Kuckucksnest“ aufgreift und ihre „Origin Story“ erzählt.

Diskussion

Wenn es um die legendärsten Filmschurken der 1970er-Jahre geht, wird ihr wohl höchstens Darth Vader den Platz streitig machen können: Gegen Mildred Ratched, die biestige Krankenschwester aus Milos Formans „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975) kam nicht einmal die unbändige Energie von „rebel hero“ Randle McMurphy (Jack Nicholson) an. Der eiskalte Engel in Weiß, gespielt von Louise Fletcher, war die fleischgewordene Gnadenlosigkeit eines alles Individuelle negierenden Konformitätsdrucks. Wie schon dem Autor Ken Kesey, auf dessen 1962 erschienenem Roman der Film beruht, ging es auch Milos Forman nicht nur um eine Kritik an der Psychiatrie, sondern um eine parabelhafte Abrechnung mit restriktiver gesellschaftlicher Zurichtung, ganz im Sinne der Protestbewegungen der 1960er-Jahre.

Neuentwurf und Umwertung der Übermutter

Wozu Ratched nun in einer Serie neu heraufbeschwören? Filmkritiker Roger Ebert charakterisierte sie einmal als „Extrem-Übermutter“ und den von Jack Nicholson gespielten Helden als „Huck Finn“, der aus ihrer „Version von Zivilisation“ ausbrechen wollen. Eine treffende, aber auch entlarvende Beobachtung. Denn „Einer flog über das Kuckucksnest“ packte seine Systemkritik eingängig, aber auch etwas schlicht-misogyn in eine Art erwachsene Lausbubengeschichte, in der Ratched die Rolle der fiesen Gouvernante/Stiefmutter innehat. Da der Klassiker auch bei den anderen Frauenfiguren arg dünn ausfällt, bleibt viel Raum für eine Neuinterpretation. Sie wollten auch schon mal einem Mann, der Sie nicht respektiert, einen Elektroschock verpassen? #MeToo!

Die Serie von Evan Romansky und Ryan Murphy, die eine Art „Origin Story“ von Ratched ausfabuliert, ist nicht wirklich ein Prequel zu „Einer flog übers Kuckucksnest“, sondern ein Neuentwurf und eine Umwertung. Einen ähnlichen Spaß, wie ihn „Einer flog über das Kuckucksnest“ an den Sabotageaktionen von McMurphy hatte, entwickelt die Serie jetzt an der Selbstermächtigung der von Sarah Paulson gespielten Krankenschwester, die sich zu Beginn einen Job in einer psychiatrischen Klinik in Kalifornien ergaunert/erpresst und im Laufe der acht Episoden durch geschickte Intrigen, Manipulationen und die ein oder andere handfeste Grausamkeit tapfer behauptet.

Die Fassade der Figur ist dabei ähnlich selbstbeherrscht-perfektionistisch wie einst bei Louise Fletcher. Doch statt steriler Kälte darf Paulson die Grandezza und Intensität der Heroinen aus einem Hitchcock-Krimi oder einem Douglas-Sirk-Melodram an den Tag legen – kräftig unterstützt vom exquisiten Kostüm- und Production-Design, die ihr einen fiebrig-farbigen Rahmen wie aus Technicolor-Zeiten verpassen. Und sie ist nicht allein: Rund um Ratched tummelt sich eine ganze Phalanx faszinierender Frauenfiguren als Patientinnen, Kolleginnen, Gegnerinnen und Verbündete.

Die Zeit der Neurose

Wie schon in „Hollywood“ von Ryan Murphy blickt auch „Ratched“ in die Ära nach dem Zweiten Weltkrieg, die späten 1940er-Jahre, zurück. Mit dem sprunghaften Anstieg psychischer Erkrankungen im Zug der Weltwirtschaftskrise und des Krieges waren damals auch Psychiatrie und Psychotherapie salonfähig und die Lehren von Freud & Co. Themen für die Massenmedien geworden. Walter Freeman und James Winston Watts entwickelten die Lobotomie zur psychiatrischen Standardtechnik weiter und Milton H. Erickson brachte die Hypnotherapie auf den Weg. All das spielt in „Ratched“ mit, allerdings nicht als nüchternes Zeitbild, sondern im Rahmen einer Fabel, die schon mit ihrem sehr blutigen Auftakt in Folge 1 klarmacht, dass der Horror nicht fern ist, wenn es um die Nachtseiten der menschlichen Psyche geht.

Am roten Faden des Aufstiegs der Titelfigur im psychiatrischen Mikrokosmos hangelt sich die Serie durch ein veritables Neurosen-Labyrinth – wobei der Irrsinn sich keineswegs nur auf die Patienten beschränkt. Neben den inneren Wunden des Krieges, die nicht nur bei der ehemaligen Lazarettschwester Ratched vor sich hin schwären, lauern mannigfaltige Monster unter den Betten einer Gesellschaft, die zu Vieles marginalisiert und tabuisiert – nicht zuletzt rund um die Sexualität.

Das „Es“ im Keller

Ratcheds Agenda besteht nicht nur darin, sich eine Machtposition in der Anstalt zu sichern, sondern sie meint es durchaus ernst mit der Sorge um die angeknacksten und zerbrochenen Seelen; Grausamkeit und Güte gehen in dieser schillernden Figur problemlos zusammen. Wobei ihr zunächst vor allem eine ganz bestimmte Seele am Herzen liegt, ein junger Mörder namens Edmund Tolleson (Finn Wittrock), der mehrere Priester abgeschlachtet hat und vom Klinikleiter (Jon Jon Briones) auf seine Prozessfähigkeit hin untersucht werden soll. Ihn zu befreien ist das Ziel, das Ratched umtreibt, bis ihr durch diverse Erlebnisse und Begegnungen – vor allem mit einer sehr besonderen Frau (Cynthia Nixon) – allmählich dämmert, dass es auch an der Zeit sein könnte, sich selbst zu befreien und neu zu entdecken.

Dramaturgisch ist das Psychogramm der Titelfigur nicht unbedingt stringent entwickelt. Die Serie versteigt sich immer wieder in allerlei Nebenhandlungen voller absurd-makabrer „Fallbeispiele“, in denen das Menschliche nahtlos ins Monströse übergeht. Doch angesichts der prallen Fabulierlust, mit der die Serie Nebenfiguren wie Nebenhandlungen ausmalt, sieht man darüber hinweg, dass sich nach acht Episoden kein stimmiges Gesamtbild ergibt. Als wildes „Brainstorming“ ist „Ratched“ ein großes Vergnügen.

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