Freaks - Du bist eine von uns

Science-Fiction | Deutschland 2020 | 93 Minuten

Regie: Felix Binder

Eine Frau, die als Angestellte in einem Imbiss und Familienmutter ein unspektakuläres Dasein führt, entdeckt mit Hilfe eines mysteriösen Obdachlosen, dass die Pillen, die sie seit Kindertagen nimmt, Superkräfte unterdrücken, von denen sie bisher nichts wusste. Auch ist sie offenbar nicht die einzige, die über übermenschliche Fähigkeiten verfügt. Nach dieser Entdeckung stellt sich die Frage, was sie im bürgerlichen Alltag mit diesen Kräften anfangen soll. Der Film laviert seine interessante Erzählprämisse allzu schnell in die Pfade konventioneller Superhelden-vs.-Schurken-Dramaturgie. Dabei unterfordert er sein Darsteller-Team unterfordert und bleibt auch in Sachen Action und Spannung eher mau. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
FREAKS - DU BIST EINE VON UNS
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Felix Binder
Buch
Marc O. Seng
Kamera
Jana Lämmerer
Musik
Daniel Grossmann · Matthias Mania
Schnitt
Sven Müller
Darsteller
Cornelia Gröschel (Wendy) · Tim Oliver Schultz (Elmar) · Wotan Wilke Möhring (Marek) · Nina Kunzendorf (Dr. Stern) · Ralph Herforth (Gerhart)
Länge
93 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 12.
Genre
Science-Fiction

Ein deutscher Superhelden-Film: Eine Frau, die mit Mann, Kind und Dienstleistungs-Job ein durchschnittliches Vorstadt-Leben führt, entdeckt plötzlich an sich übernatürliche Kräfte.

Diskussion

Wendy (Cornelia Gröschel) hat das Leben nie von der Sonnenseite gesehen. Sie ist in ihrer Kleinstfamilie zwar umsorgt, aber dort im Grunde ebenso wenig verstanden wie vom Rest der Welt. Und irgendwann, ja irgendwann bleibt nur das Ausrasten.

Im kurzen Prolog vor dem Vorspann deutet Felix Binders Superhelden-Film das frühe Schicksal von Wendy beiläufig an, indem er dem Zuschauer durch die Augen einer ebenso mysteriösen wie verständnisvollen Frau die Trümmer dieses „Ausrastens“ in Form eines riesigen Lochs in der Fassade des Schulgebäudes zeigt. Weiter drinnen findet Frau Doktor Stern (Nina Kunzendorf) das kleine Mädchen, das völlig verstört und mit 1980er-Jahre-Pop auf dem Walkmankopfhörern in der Ecke kauert. „Du brauchst keine Angst zu haben. Wir kümmern uns um dich!“

Die blauen Pillen unterdrücken das wahre Ich

Jahre später wacht Wendy an der Seite ihres Ehemanns wieder einmal zu spät auf. Lars (Frederic Linkemann), der gerade noch Zeit hat, beider Sohn Karl (Finnlay Berger) das gesunde Frühstücksbrot in die Tupperdose zu packen und mit ihm abzudampfen, liebt seine Frau, auch wenn der gemeinsame Existenzkampf nicht einfach ist und die Rechnungen sich mal wieder stapeln. Es kann so nicht weitergehen, denkt sich Wendy, während die allmorgendlichen blauen Pillen von Frau Doktor Stern ihre Wirkung zeigen. Dass ihr ausgerechnet der Obdachlose Marek (Wotan Wilke Möhring) die Augen öffnet – wer hätte das ahnen können? Sie sei eine von jenen, deren wahres Ich durch die blauen Pillen unterdrückt würde. Und es sei Zeit, dieses Ich endlich zu erkunden. Eigentlich ist Wendy nämlich viel stärker als die bullige Chefin vom Imbiss, die sie seit Jahren ausbeutet. Eigentlich ist sie eine Superheldin!

Die große Frage ist jetzt jedoch: Was machen mit den neu entdeckten Superkräften? In den Comics versuchen Spiderman, Wonder Woman und Co., Gutes damit zu tun. Die Welt retten und so. Das meint ihr schüchterner Kollege und Freund Elmar (Tim Oliver Schultz). Auch er nimmt die blauen Pillen nun nicht mehr und kann seither Glühbirnen zum Leuchten bringen. Doch was nun tun? „Wo kriegen wir jetzt einen fiesen Superschurken her?“

Superhelden-Sinnsuche im bürgerlichen Alltag

Ein interessanter Ansatz, den Marc O. Sengs Drehbuch da verfolgt: Superhelden auf der Sinnsuche in der ganz normalen bürgerlichen Alltagswelt. Keine ganz neue Idee, aber für ein deutsches Drama, das sich eher im „Kleinen Fernsehspiel“ des ZDF (hier ein Koproduzent) als im Blockbusterkino verortet, bemerkenswert. Doch leider bleibt die Sinnsuche nur Fassade. Gelangweilte Superhelden, die irgendwann vielleicht doch zur Erkenntnis gelangen, dass die blauen Pillen das bessere Lebenskonzept darstellen, will keiner sehen. Oder doch? Es gab mal eine Zeit, da wurde Netflix-Produktionen mal nachgesagt, für radikal denkendes, unkonventionelles Kino zu stehen. „Freaks“ gehört leider nicht dazu.

Da es „fiese Superschurken“ im wahren Leben nun mal nicht gibt, muss einer der Superhelden vom Virus der Allmachtfantasie befallen werden. Während der Film die Figur des unverwundbaren Revoluzzers Marek schnell aufs dramaturgische Abstellgleis schiebt und auch Frau Doktor Stern mit ihrem „geheimen Forschungsprojekt“ zum Sozialisieren von Superhelden nicht wirklich als Gegenpol taugt, ist es an Wendy, die kleine Vorstadtwelt zu retten. Schließlich will sie ja keine Menschen töten (außer vielleicht fiese Frauenbelästiger), sondern nur ein wenig Sonnenseite vom Leben abbekommen…

Die guten Darsteller werden chronisch unterfordert

„Freaks“ leidet chronisch am fehlenden Mut seiner Macher – oder sind es die zum Teil öffentlich-rechtlichen Produktionszwänge, die den Film die langweiligste aller möglichen Geschichten erzählen lassen? Es ist schon erstaunlich, wie wenig den Beteiligten, neben dem Anbiedern an das „X-Men“-Universum samt „Du bist eine von uns“-Plattitüden, einfällt. Da werden deutsche Charakterköpfe wie Wotan Wilke Möhring, Nina Kunzendorf, Frederic Linkemann, Ralph Herforth und Gesine Cukrowski aufgefahren und chronisch unterfordert, ja bekommen mitunter nicht einmal Dialoge wie Eva Löbau als völlig verschenkter „Special Guest“. Wenigstens Tim Oliver Schultz darf so etwas wie den Bösewicht spielen und mit mehr als nur einem Emotionszustand umgehen. Wenn man sich an ein derart auserzählt scheinendes Sujet wagt, darf man nicht nur illusorisch hoffen, dass die Zielgruppe Filme und Serien wie unter anderem „Unbreakable“, „Misfits“, Chronicle – Wozu bist du fähig? oder „Jessica Jones“ nicht kennt, in denen genau die hier ausgebreiteten Thematiken ausgebreitet werden. Die blauen Pillen als wahre Heilsbringer für eine Welt ohne unnütze Superhelden! Das wäre ihr Preis gewesen!

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