In Berlin wächst kein Orangenbaum

Drama | Deutschland 2020 | 88 Minuten

Regie: Kida Khodr Ramadan

Ein unheilbar an Krebs erkrankter Gangster wird vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen und erfährt, dass er eine 17-jährige Tochter hat. Während die beiden sich langsam annähern, will der Vater eine alte Rechnung begleichen. Das mit bewährten Genre-Motiven spielende Gangsterdrama handelt von der Spannung zwischen Schicksal und persönlicher Verantwortung. Die fahrige Handlung schneidet zwar vieles nur an und löst es zu schnell in Wohlgefallen auf, aber gute Schauspielleistungen und eine mitreißende Inszenierung, die sich um Nähe und Intensität bemüht, gleichen dies weitgehend aus. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Kida Khodr Ramadan
Buch
Juri Sternburg · Kida Khodr Ramadan
Kamera
Ngo The Chau
Musik
Becktone
Schnitt
Felix Schekauski
Darsteller
Kida Khodr Ramadan (Nabil) · Emma Drogunova (Juju) · Stipe Erceg (Ivo) · Raymond Tarabay (Hakim) · Anna Schudt (Cora)
Länge
88 Minuten
Kinostart
24.09.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Gangsterfilm

Drama um einen sterbenden Gangster, der eine alte Rechnung begleichen will, dabei aber erfährt, dass er eine fast erwachsene Tochter hat.

Diskussion

Von der Gefängnisärztin bekommt Nabil (Kida Khodr Ramadan) sein Todesurteil: Krebs im Endstadium. Doch der vermeintliche Polizistenmörder sitzt nur mit hängenden Schultern und starrem Blick da. Auch als der Wärter und sein schmieriger Anwalt (Tom Schilling) versuchen, ihn zynisch-gönnerhaft zu trösten, zeigt er keinerlei Regung.

Im Gangsterdrama „In Berlin wächst kein Orangenbaum“ leben die bis zur Karikatur verzerrten, um keinen Kalauer verlegenen Diener des Systems und die deutlich realistischer und verwundbarer gezeichneten Underdogs in verschiedenen Sphären. Denen unten auf der gesellschaftlichen Leiter gehört die Sympathie des Films; sie unterscheiden sich von denen oben auch dadurch, dass sie ihrem Schicksal scheinbar hilflos ergeben sind.

Du hast die Wahl!

Und doch heißt es in der zweiten Regiearbeit des Hauptdarstellers Kida Khodr Ramadan immer wieder: „Du hast die Wahl.“ Tatsächlich bekommt Nabil eine zweite Chance, als er wegen seiner Krankheit vorzeitig entlassen wird. Eigentlich möchte er die verbleibende Zeit nutzen, um eine alte Rechnung mit seinem ehedem besten Freund Ivo (Stipe Erceg) zu begleichen. Doch als er seine dem Alkohol zugeneigte Ex-Frau Cora (Anna Schudt) in der ostdeutschen Provinz besucht, erfährt er zum ersten Mal, dass er eine 17-jährige Tochter hat.

Juju (Emma Drogunova) ist aufbrausend und provokant und vermutlich ganz so, wie auch der junge Nabil es einmal war. Oft sitzt sie am Dorfbahnhof und träumt davon, die verhasste Provinz hinter sich zu lassen, traut sich dann aber doch nie, in einen Zug zu steigen. Als sie herausfindet, dass der komische „Asylant“, der ihr immer folgt, in Wahrheit ihr Vater ist, reisen die beiden gemeinsam nach Berlin – Nabil, um sein Leben ordentlich zu Ende zu bringen und Juju, um etwas Neues zu beginnen.

Beirut/Berlin

Das Drehbuch, das Ramadan gemeinsam mit dem Dramatiker Juri Sternburg verfasst hat, kreist um die Spannung zwischen Schicksal und persönlicher Verantwortung. In einer Rückblende meint der junge Nabil einmal, dass es in Deutschland viel zu kalt wäre, um einen Orangenbaum zu pflanzen; die Kälte ist dabei wie so vieles andere in diesem Film als Metapher zu verstehen. Deutschland, das ist das genaue Gegenteil der als Sehnsuchtsort verklärten Geburtsstadt Nahims: Beirut. In Berlin dagegen stempeln ihn Fremde am Imbissstand als kriminellen Ausländer ab; nur andere Außenseiter wie ein libanesischer Kioskbetreiber, die kaum Deutschkenntnisse haben, zählen zu seinen Verbündeten.

Das mag alles ein wenig nach trübseliger Milieustudie klingen, hat aber wenig mit drögen Realismus zu tun. Der dem Tode geweihte Gangster, der ein letztes Ding drehen muss, die entfremdete Familie, die sich durch einen gemeinsamen Trip näherkommt oder die Kindheitsfreunde, die zu Erzfeinden wurden, sind nur einige der bewährten Genremotive, mit denen Ramadan spielt. Mit einem dramatischen Soundtrack und basslastigen Hip-Hop-Hits wie „Tamam Tamam“ von Summer Cem sowie einer um Intensität und Nähe bemühten Bildsprache wirkt der Film so impulsiv wie seine Figuren.

Mit ironischem Augenzwinkern

Nicht immer finden die vielen Ideen, die in dem Film stecken, harmonisch zueinander. Vieles wird nur angerissen und gegen Ende etwas zu schnell und einfach aufgelöst. Trotzdem beschwört „In Berlin wächst kein Orangenbaum“ immer wieder eine mitreißende Energie; nicht zuletzt wegen den vielen guten Schauspielern wie Stipe Erceg als manischer, von der eigenen Gier besessener Unterweltbaron oder Anna Schudt, deren Säuferin man die verpassten Lebenschancen ebenso ansieht wie den Reste ihres Kampfgeistes.

Am besten funktioniert der Film als etwas fahrig erzähltes B-Movie-Märchen über Solidarität und Verrat mit einem Arsenal an zerrissenen, häufig auch migrantischen Figuren. Und auch wenn die Schlusswendung ein wenig hanebüchen ist, führt sie das Leitmotiv der individuellen Verantwortung doch konsequent zu Ende. Als würde der Film mit einem ironischen Augenzwinkern sagen, dass es zwar widrige äußere Umstände geben kann, der menschliche Wille und die heilende Kraft der Liebe aber auch mal ein Wunder ermöglichen.

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