The Nest - Alles zu haben ist nie genug

Drama | Großbritannien/Kanada 2020 | 107 Minuten

Regie: Sean Durkin

Ein Investment-Banker und seine Frau ziehen Mitte der 1980er-Jahre von New York nach London, um mit den beiden Kindern ein neues Leben anzufangen. Im neuen Heim bröckelt der Familienzusammenhalt beinahe analog zum heruntergekommenen Herrenhaus. Eine eindringlich entwickelte Geschichte um den drohenden Zerfall einer Familie in der Thatcher-Ära, bei der die materielle wie emotionale Basis ins Wanken gerät. Die Inszenierung spielt dabei mit Genre-Tropen, der Film präsentiert sich jedoch als zurückgenommenes Familiendrama und Lehrstunde der effektvollen Unaufdringlichkeit. Allen voran die Hauptdarsteller tragen das Drama und machen es zu einem ökonomischen Psychothriller in Zeitlupe. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE NEST
Produktionsland
Großbritannien/Kanada
Produktionsjahr
2020
Regie
Sean Durkin
Buch
Sean Durkin
Kamera
Mátyás Erdély
Musik
Richard Reed Parry
Schnitt
Matthew Hannam
Darsteller
Jude Law (Rory O'Hara) · Carrie Coon (Allison O'Hara) · Oona Roche (Samantha O'Hara) · Charlie Shotwell (Ben O'Hara) · Tanya Allen (Margy)
Länge
107 Minuten
Kinostart
08.07.2021
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Liebesfilm

Heimkino

Verleih DVD
Ascot Elite
Verleih Blu-ray
Ascot Elite
DVD kaufen

Zwischen Familiendrama und Slow-Burn-Psychothriller: Der drohende Zerfall der Familie eines Investment-Bankers nach einem Umzug von New York ins England der Thatcher-Ära.

Diskussion

Routine ist ein Beziehungskiller, heißt es immer. Für Rory und Allison O’Hara scheint das jedoch zu funktionieren: Die beiden haben ein Bilderbuchleben – er ist Investment-Banker an der Wall Street, sie ist Pferdetrainerin und Reitlehrerin. Ihre beiden Kinder sind im High-School-Alter. Doch als Rory ein Jobangebot aus London bekommt, kippt die Stimmung schnell: schon wieder ein Umzug, schon wieder ein Neuanfang. Allison ist angefressen.

Der amerikanische Filmemacher Sean Durkin machte 2011 mit „Martha Marcy May Marlene“, der beklemmenden Psychostudie einer Sektenaussteigerin, auf sich aufmerksam und legt nun seinen zweiten Film vor. „The Nest“ ist ein regelrechtes Slow-Burn-Drama, denn hier scheint die Fassade der Bilderbuchfamilie in Echtzeit vor dem Auge des Betrachters zu bröckeln: Was als Neuanfang für die Familie gedacht ist, wird für die O’Haras zum Auslöser des langsamen Verfalls.

Aus den Reagonomics rein in den Thatcherismus

Geld treibt in diesem Film alles an, das wird schnell deutlich: Der Umzug nach London bringt den gebürtigen Briten Rory nicht nur zurück in seine Heimat, sondern auch in seine alte Firma, in der er eine neue Abteilung übernehmen soll. Aus dem New York der 1980er-Jahre bringt er die Nonchalance der Wall Street mit, die unorthodoxen Geschäftsmethoden, die das alte System aufrütteln sollen. Aus den Reagonomics rein in den Thatcherismus – für Rory ein folgerichtiger Schritt. Dass diese Beförderung sich auch privat rentieren soll, steht fest, deshalb mietet Rory ein riesiges Anwesen in Surrey, auf dem Allisons Pferde ebenso wie die Familie Platz finden und sich wohlfühlen sollen. Rory sucht das Neue im Alten, glaubt fest daran, dass diese vermeintliche Veränderung der Familie nützen wird.

Durkins Film ähnelt strukturell einer klassischen Short Story, deren offensichtliche Handlung nur an der Oberfläche kratzt, aber einen regelrechten Berg an Emotionen und Beziehungsgeflechten darunter verbirgt. „The Nest“ ist ökonomisch und präzise in der Erzählweise. Dabei kann und muss Durkin sich auch auf sein Ensemble verlassen, allen voran Jude Law und Carrie Coon als Rory und Allison. Jude Law bewegt sich als Familienoberhaupt

irgendwo zwischen dem Charme eines abgehalfterten Gatsby und der Hybris von Jordan Belfort und Gordon Gekko, ist ein sensationeller Verkäufer und wirkt mit seinem Werbegrinsen und den ausladenden Gesten sogar beim Einzug in das neue Heim mehr wie ein Makler als ein Familienvater.

Die Fassade bröckelt

Er ist so damit beschäftigt, wohlhabend zu wirken, dass er die Realität ausblendet – er lebt schlichtweg auf zu großem Fuße und lässt sich deshalb auf riskante Deals und Abmachungen ein, die an Glücksspiel und Betrug grenzen. Auf seine Selbsttäuschung stößt ihn dann ein Taxifahrer, von dem er sich nach einem feuchtfröhlichen Abend aufs Land hinausfahren lässt. Der quittiert seine Beteuerungen, was für ein guter Vater er sei, schlichtweg mit einem „Genug. Wir sind durch.“ Der Satz hallt nach, als meinte er nicht nur Rorys Qualitäten als Ehemann und Vater.

Vor allem jedoch ist es Carrie Coons Auftritt als Allison, der lange nachhallt. Deren langsames Verstehen, dass Rory sich eine Fassade aufgebaut hat, die in sich zusammensackt und ihr Familienkonstrukt gleich mit einreißt, ist eine Lehrstunde der effektvollen Unaufdringlichkeit. Dabei erinnert sie bisweilen an Gena Rowlands Rollen in den Filmen, die diese mit John Cassavetes machte: Zurückgenommen und beinahe abgeschottet ist sie, hadert immer mehr mit ihrer Rolle als Ehefrau, die sich um die Finanzen und Probleme der Familie nicht zu sorgen hat. Ihr Ausbruch verläuft parallel zu Rorys Zerfall, beinahe quälend langsam, ein Psychothriller in Slow Motion.

Haunted-House-Anmutung

Durkin inszeniert das alles als sehr kontrolliertes Drama, streut jedoch immer wieder vorsichtig Genre-Tropen ein, um den beobachtenden Blick und die Erwartung aus der Reserve zu locken: Vielleicht ist das hier doch ein Horror-Film, ein Schauermärchen? Das Setting würde das jedenfalls nahelegen, denn in dem Herrenhaus im Stil der Neo-Renaissance, in das die O`Haras ziehen, knarzt und raschelt es unentwegt, Schatten huschen durch die leeren Treppenhäuser sowie Hallen und über den Feldern hängt der Nebel. Der Zerfall des Hauses scheint ansteckend und infiziert das Familienkonstrukt, das schon lange kleine Risse und Brüche gehabt zu haben scheint. Die Routine und die darin liegende Bequemlichkeit, sie scheinen hier nicht der Beziehungskiller gewesen zu sein, sondern der Kitt, der das brüchige Gerüst zusammengehalten hat.

Durkin lässt diese Familienkrise letztlich nie ins Genre abdriften, sondern bleibt bei der Einsamkeit und Bedrücktheit seiner Figuren. Der Film scheint damit zu suggerieren: Es könnte alles noch schlimmer werden, aber die Realität ist für diese Familie schon Elend genug. Das Familienkonstrukt bleibt also weiter in der Schwebe, doch hat sich eines geändert. Alle vier wissen sie um die Risse und können aktiv mit ihnen umgehen – eine Erleichterung ist diese Realisierung und vielleicht sowas wie ein Happy End in ihrer Welt.

Kommentar verfassen

Kommentieren