Cherry - Das Ende aller Unschuld

Drama | USA 2021 | 150 Minuten

Regie: Anthony Russo

Als ein junger US-Amerikaner Anfang der 2000er-Jahre von seiner Freundin verlassen wird, heuert er bei der US-Army an, wird zum Soldaten ausgebildet und zum Einsatz in den Irak geschickt. Nach seiner Rückkehr leidet er unter den psychischen Folgen des Krieges, wird drogenabhängig und zum Bankräuber. Die Adaption eines autobiografischen Romans setzt auf stylischen Überschwang, pendelt inhaltlich aber unentschlossen zwischen Drogendrama und Kriegsfilm und verknüpft harte Abstürze mit komödiantischen Momenten. Das Anliegen, auf die psychischen Folgen von Kriegseinsätzen hinzuweisen, scheitert an der wirren Erzählung und der fehlenden Haltung. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
CHERRY
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Anthony Russo · Joe Russo
Buch
Angela Russo-Otstot · Jessica Goldberg
Kamera
Newton Thomas Sigel
Musik
Henry Jackman
Schnitt
Jeff Groth
Darsteller
Tom Holland (Cherry) · Michael Rispoli (Tommy) · Ciara Bravo (Emily) · Jack Reynor (Pills & Coke) · Jeff Wahlberg (Jimenez)
Länge
150 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Literaturverfilmung

Zwischen Drogendrama und Kriegsfilm pendelnder Film über einen US-Amerikaner, der an seinen Erfahrungen aus dem Irakkrieg zerbricht.

Diskussion

Ein Junkie überfällt Banken, die „Bank Fucks America‟ und „Shitty Bank‟ heißen. Ist das komisch? Oder ein Versuch, die zunehmenden Wahrnehmungsstörungen des Protagonisten sichtbar zu machen, der nach seiner Rückkehr als Soldat aus dem Irak den Halt verloren und sich in Drogen geflüchtet hat? Oder soll es gar ein bitterer gesellschafts- und kapitalismuskritischer Kommentar sein? Diese Unentschlossenheit ist das Kernproblem von „Cherry‟, den die Brüder Joe und Anthony Russo nach dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Nico Walker inszeniert haben.

Immer ein bisschen zu viel

Durch ihre vier Filme für das „Marvel Cinematic Universe“ haben sich die Russos einen Namen gemacht, weil sie die Superhelden-Reihe mit „Captain America: The Return of the First Avenger‟ auf ein neues Level gehoben und zuletzt mit den beiden „Avengers‟-Filmen zu einem großen Finale geführt haben. Mit Blick auf „Cherry“ aber drängt sich nun der Eindruck auf, als ob ihr Inszenierungsstil zwar wunderbar zu Blockbuster-Filmen passt, aber bei ernsteren Stoffen fehl am Platz ist. Denn „Cherry‟ ist immerzu „over the top‟ und vermittelt durchgängig ein Gefühl von „zu viel‟. Wenn der zunächst namenlose Protagonist (Tom Holland) von seiner Freundin Emily verlassen wird, setzt eine klassische Opern-Arie ein; hat er Ecstasy geschluckt, werden die Bilder schwarz-weiß und die Zwischentitel erscheinen in bedrohlich rotem Licht; eine Darmuntersuchung wird aus der Innenperspektive gezeigt; zudem kommentiert der Protagonist sein Schicksal ständig durch einen Voice-Over-Kommentar, auch indem er die „vierte“ Wand durchbricht und das Publikum direkt anspricht.

Vom Studenten zum Kriegshelden zum seelischen Wrack

„Cherry‟ setzt mit seinem Prolog auf dem Höhepunkt der Drogensucht im Jahr 2007 ein, liefert damit einen kurzen Ausblick, worauf die Geschichte hinausläuft, und springt dann mehrere Jahre zurück. Der junge Mann ist überglücklich, als er die selbstbewusste Emily (Ciara Bravo) kennenlernt. Er trennt sich von seiner langjährigen Freundin und erlebt eine schöne Zeit mit Emily, bis diese ihm eröffnet, dass sie nach Kanada ziehen will. Für ihn bricht eine Welt zusammen. In seiner Verzweiflung meldet er sich bei der US-Army und bricht das College ab. Eine fatale Entscheidung. Beim Einsatz im Irak erhält er zwar den Spitznamen „Cherry‟ als eine Art Scheinidentität, wird innerlich aber komplett zerstört. Als er zurückkehrt, gilt er als Kriegsheld, findet aber keine Ruhe mehr. Die Ausbildung zum Soldaten zeigt „Cherry‟ in beengtem, kleinem Bildkader mit deutlichen Anlehnungen an Stanley Kubricks „Full Metal Jacket‟ , mit dauerfluchenden Drill-Sergeants, Suizidversuchen und Demütigungen; der Einsatz im Irak erinnert an „Jarhead‟ von Sam Mendes. Danach folgt das Drogendrama, mit Glücksmomenten im High, mal mehr, mal weniger absurden Versuchen, an Geld oder Drogen zu gelangen, und mit lebensbedrohlichen Abstürzen.

Keine klare Haltung

Die Fallhöhe wäre groß genug, um aus dieser Vorlage ein aufrüttelndes Drama zu machen. Doch es gelingt den Regisseuren nicht, ein wirkliches Interesse für das Schicksal der Hauptfigur zu wecken. Vom Antikriegs- zum Drogenfilm, von der Komödie zum Drama: Das hehre Anliegen, auf die psychischen Folgen von Kriegseinsätzen hinzuweisen und den Mythos vom Kriegshelden zu entzaubern, scheitert an der wirren Erzählung und der fehlenden Haltung. Die Versatzstücke wirken bekannt. Trotz stylischer Bilder entsteht daraus aber nichts Neues.

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