The Dog Who Wouldn't Be Quiet

Drama | Argentinien 2020 | 73 Minuten

Regie: Ana Katz

Ein junger Argentinier sieht sich aus Liebe zu seinem Hund genötigt, seinen Job aufzugeben, und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs herum, bis ein kosmisches Ereignis seine Lage und die der Menschheit auf den Kopf stellt. Der Filmhybrid aus Sozialdrama und Science-Fiction findet traurige Schwarz-weiß-Bilder, um die prekären Lebens- und Arbeitsumstände der argentinischen Bevölkerung zu thematisieren. Mit dem Genrewechsel zur Mitte des Films kommt es dann aber zu einer positiven Zukunftsaussicht. Eine gelungene Mischung aus lakonischer Gegenwartsanalyse und absonderlicher Zukunftsvision. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
EL PERRO QUE NO CALLA
Produktionsland
Argentinien
Produktionsjahr
2020
Regie
Ana Katz
Buch
Ana Katz · Gonzalo Delgado
Musik
Nicolas Villamil
Schnitt
Andrés Tambornino
Darsteller
Daniel Katz (Sebastián) · Julieta Zylberberg (Mónica) · Valeria Lois (Vorgesetzte) · Mirella Pascual · Carlos Portaluppi
Länge
73 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama

Spannender Filmhybrid um einen jungen Argentinier, der mit den maroden wirtschaftlichen Verhältnissen in seiner Heimat kämpft, bis eine globale Katastrophe hereinbricht.

Diskussion

Zunächst ist der Hund das Problem von Sebastián (Daniel Katz). Der Vierbeiner bellt und winselt Tag und Nacht, wenn sein Herrchen arbeiten geht. Die Nachbarschaft treibt das Tier damit in die Verzweiflung. Sebastián kann ihn aber auch nicht einfach mit ins Büro nehmen. Einmal hat er glatt ins Hochhaus gepinkelt. Das ist ein Regelbruch, der in der Firma nicht geduldet wird. Sonst könnte der eine ja seinen kranken Vater mitbringen und der andere in Frauenkleider erscheinen, wie eine seiner Chefinnen ernsthaft kommentiert. Ein Hund ist zwar kein Grund für eine Kündigung, doch Sebastián streicht von sich aus die Segel.

Die Lost Generation von Argentinien

Das eigentliche Probleme, das sich im Laufe von „The Dog That Woudn’t be Quiet“ herauskristallisiert, hat mehr mit den deprimierenden wirtschaftlichen Verhältnissen in Argentinien zu tun. Sebastián hat bislang als Graphikdesigner gearbeitet und muss sich nun mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Er repariert Wasserleitungen, verkauft Obst und Gemüse und pflegt einen senilen alten Mann. Seinen Traumberuf als Autor hat er ohnehin aufgeben.

Die Regisseurin Ana Katz knüpft mit der Art, wie sie das Gefühl einer jungen Generation einfängt, die in einem Klima der Stagnation festhängt und kaum Perspektiven hat, an den Klassiker des argentinischen Kinos der 1990er-Jahre an, an "Rapado" von Martín Rejtman.

Wie prekär Sebastián tatsächlich lebt, zeigt sich, als er ein liegengelassenes Sandwich im Zug verspeist. Dabei ist der junge Mann nicht der Einzige, der nur mühsam über die Runden kommt. Ein Mann verkauft Kugelschreiber im Berufsverkehr, ein Freund kann Sebastián nicht auszahlen. Das Ganze wird in Schwarz-Weiß-Bildern mit melancholischer Klaviermusik erzählt.

Zu einem der wenigen Lichtpunkte gehören die Momente, in denen der mittellose Sebastián mit seinem Hund auf den Feldern oder am Meer herumläuft und dabei die deprimierenden Lebensverhältnisse vergisst. Ein bisschen erinnert das Mensch-Tier-Paar an den ebenfalls glücklosen Gitarristen und seinem Kater aus „Inside Llewyn Davis“ von den Coen-Brüdern. Nur dass es in hier keine parallele Erfolgsgeschichte wie die von Bob Dylan gibt.

Ein Leben nach der Apokalypse

In „The Dog Who Woudn’t Be Quiet“ arbeiten alle buchstäblich bis zum Umfallen. Auf den Feldern der Bauern stürzen die Arbeiter kurz vor der Dämmerung nacheinander zu Boden. Die Versuche, wieder aufzustehen, schlagen fehl. Von da an kippt das Sozialdrama in ein völlig anderes Genre: in das des Science-Fiction-Films. Ein Meteorit schlägt auf der Erde ein, was nur in wenigen Bildern kurz angedeutet wird. Das Überleben, genauer das Atmen, ist fortan einen Meter über dem Boden nicht mehr möglich. Die Menschen passen sich aber schnell an die Umstände an: Sie tragen entweder Glaskugeln mit Atemgeräten oder kriechen ohne Kugel über den Boden; der aufrechte Gang als Kennzeichen des Homo sapiens entwickelt sich zurück.

Waren die skurrilen Momente zu Beginn des Films noch spärlich gesät, nehmen sie nach dem Meteoriteneinschlag immer mehr zu. Die Corona-Pandemie hat gegen Ende des Films sichtlich Spuren hinterlassen. Dennoch gibt es einen optimistischen Ausblick. Es folgen Zeitsprünge, die sich primär an der Länge von Sebastiáns Frisur bemerkbar machen. Er lernt eine Frau kennen, bekommt einen Sohn und kann als Literaturprofessor arbeiten. Die Liebe und Hilfsbereitschaft, die er zuvor als Pflegekraft und Wanderarbeiter gezeigt hat, bekommt er in Form einer Babysitterin zurück, die auf sein Kind aufpasst.

Dem Filmhybrid aus lakonischer Gegenwartsanalyse und absonderlicher Zukunftsvision wohnt eine gewisse Menschlichkeit inne. So ließe sich jeder Untergang bewältigen. Am Ende trägt niemand mehr eine Glaskugel mit Atemgerät.

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