Shadow and Bone - Legenden der Grisha

Coming-of-Age-Film | USA 2021 | Minuten

Regie: Eric Heisserer

Ein Mädchen, das von Kindesbeinen an ausgegrenzt wird, wächst in einer durch einen unheimlichen Riss buchstäblich zerteilten Welt in einem Waisenhaus auf. Als junge Frau entdeckt sie magische Fähigkeiten an sich und wird mitten in kriegerische Interessenkonflikte gestürzt. Während sie noch mit ihren neuen Kräften ringt, avanciert sie zur Hoffnungsträgerin, wird aber auch zur Zielscheibe für allerlei Kriegsparteien. Die solide Serienverfilmung einer Romanreihe verbindet stimmig Coming-of-Age-Elemente und gesellschaftskritische Themen mit einer faszinierenden fiktiven Welt; manche Figurenzeichnung bleibt allerdings etwas stereotyp. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
SHADOW AND BONE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Eric Heisserer · Lee Toland Krieger · Dan Liu · Mairzee Almas · Jeremy Webb
Buch
Vanya Asher · Daegan Fryklind · Eric Heisserer · Shelley Meals · Christina Strain
Kamera
Owen McPolin · David Lanzenberg · Aaron Morton
Musik
Joseph Trapanese
Schnitt
Tyler Nelson · David Trachtenberg · Niven Howie
Darsteller
Jessie Mei Li (Alina Starkov) · Freddy Carter (Kaz Brekker) · Archie Renaux (Malyen Oretsev) · Amita Suman (Inej Ghafa) · Kit Young (Jesper Fahey)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Coming-of-Age-Film | Fantasy | Serie

Solide Serienverfilmung der „GrishaVerse“-Romane um eine junge Außenseiterin, die ihre magischen Fähigkeiten entdeckt, darüber zur Hoffnungsträgerin avanciert, aber auch zur Zielscheibe vielerlei Ambitionen wird.

Diskussion

„Behalte den Bleistift in der Hand, sonst legt dir noch jemand ein Gewehr hinein.“ Die Worte der greisen Waisenhausleiterin fallen beiläufig, während sie mit ernster Miene im Schaukelstuhl stickt und die kleine Alina im Kartografieren unterrichtet. Nur kurz hebt sie ihre wachsamen alten Augen und fixiert das Waisenmädchen, das wissbegierig mit dem Finger über einen dunklen Riss im Zentrum einer Landkarte streicht – die Markierung für die sogenannte „Schattenflur“, die ihre Welt förmlich in zwei Hälften teilt. „Existiert sie wirklich?“ Die Antwort auf Alinas Frage kommt schnell und unbarmherzig. „Natürlich existiert sie. Die Schattenflur hat deine Eltern gefressen.“ Das Mädchen resigniert, die wachsamen Augen im Schaukelstuhl wandern wieder zum Stickwerk nach unten.

Wahrscheinlich wurden schon viele hoffnungsvolle Waisen mit dieser Wahrheit konfrontiert. Doch neben routiniertem Zynismus schwingt in den Worten der Hausleiterin unterschwellig noch etwas anderes mit: Angst. Die Furcht, dass ihre unschuldigen Kinder durch falsche Hoffnungen an die falschen Menschen geraten könnten. Mitleidlose Personen, die Kindern ein Gewehr in die Hand legen und in den Krieg schicken. Allerdings ahnt sie nicht, welche entscheidende Rolle Alina in diesem Krieg spielen wird.

High Fantasy meets Rus-Punk

Netflix hat sich die Adaptionsrechte an den „GrishaVerse“-Romanen der US-Autorin Leigh Bardugo gesichert, die auch bei der Konzeption der Serie eingebunden wurde. Die Geschichte um eine vom Krieg zerrissene Welt, in der Nationen nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen die Dunkelheit in Gestalt der „Schattenflur“ kämpfen, eine wabernde, lichtlose Nebelwelt, bewohnt von menschenfressenden Monstern, etabliert ein erfrischendes High-Fantasy-Setting mit Einflüssen aus dem russischen-slawischen Kulturraum, die Fans auch liebevoll „Rus-Punk“ nennen.

Showrunner Eric Heisserer wirft den Zuschauer mitten in diese Erzählwelt hinein mit ihren unzähligen Figuren, verfeindeten Fraktionen und geografischen Gegebenheiten. Was zunächst aufgrund der schieren Flut an fremdartigen, oft dem Russischen entlehnten Begriffen für Nichtkenner der Buchvorlage eine Herausforderung darstellt, weckt schnell die Neugier, dieses fremde und komplexe Universum zu erforschen. Neben historischen Einflüssen spielen dabei auch fantastische Elemente wie etwa die Magie eine tragende Rolle.

Die sogenannten Grisha sind Menschen, die die Elemente wie Feuer oder Wind mit ihren Körpern kontrollieren; einige können sogar Materie umwandeln oder Menschen manipulieren. Normalerweise werden derart begabte Menschen bereits als Kinder getestet und ausgebildet. Die Protagonistin Alina Starkov (Jessie Mei Li) entdeckt jedoch erst als junge Frau ihre einzigartige Fähigkeit, das Licht kontrollieren zu können. Und wird damit prompt aus ihrem gewohnten Leben gerissen, weil sie durch ihre Gabe in den Fokus unterschiedlicher Interessen gerät. Deshalb begibt sie sich auf eine typische Heldenreise, um ihrer neu gewordenen Kräfte und der damit einhergehenden Verantwortung Herr zu werden, andererseits aber auch ihren Kindheitsfreund Malyen „Mal“ Oretsev (Archie Renaux) wiederzufinden, von dem sie getrennt wurde, als sich ihre Fähigkeit zum ersten Mal manifestierte.

Kindermilitarismus und Heiligenverehrung

Alina und Mal bilden als die beiden Hauptfiguren den dramaturgischen Ankerpunkt der Serie. Aufgewachsen im Waisenhaus und seitdem unzertrennlich bis hin zum gemeinsamen Kriegsdienst, verbindet sie eine schicksalshafte Freundschaft mit zarten romantischen Untertönen, die sich als roter Faden durch die Handlung zieht. Die resolute Alina gehört auch äußerlich erkennbar zum geächteten Volk der Shu, was öffentliche Diskriminierung und Diffamierung mit sich bringt. Die gesellschaftliche Brandmarkung offenbart sich an verschiedenen Stellen durch die gesamte Staffel hindurch, was dem Young-Adult-Stoff eine zeitgemäß kritische Note verleiht.

Auffällig ist allerdings der hohe Gewaltanteil, der dem Kriegsgeschehen um die verhärteten Fronten eine weitere Schreckensdimension hinzufügt. Immer wieder richtet sich die Kamera kompromisslos auf massakrierte Soldaten und deren blutige Überreste; die Kriegstreiberei wird nie glorifiziert oder gerechtfertigt, sondern als tödliche Begleiterscheinung der gescheiterten diplomatischen Beziehungen zwischen den Nationen benannt.

Dabei spielt die Serie auch das Thema der Militarisierung von Kindern an, die ihren Familien entrissen und von den Mächtigen und Reichen zur Sicherung ihrer Vormachtstellung in den sicheren Tod geschickt werden. Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende hegt in „Shadow and Bone“ niemand, weshalb die Menschen auf die Ankunft einer messianisch verehrten „Sonnenkriegerin“ warten, die die Schattenflur zerstören und so den Frieden zwischen den Völkern wiederherstellen soll.

Die Figuren und ihre Besetzung sind sehr „divers“ aufgestellt, was sich passend in die Erzählung um die verschiedenen Völker fügt und sowohl tragisch wie komödiantisch ausgespielt wird, ohne übers Ziel hinauszuschießen. Lediglich die schiere Vielzahl an Figuren mitsamt ihren Motivationen und Hintergrundgeschichten sorgt unweigerlich dafür, dass manche Charaktere zu kurz kommen und lediglich oberflächliche Stereotype erfüllen.

Insbesondere trifft das auf den zweiten großen Handlungsstrang um eine Bande von Trickbetrügern zu, die auf der Suche nach Freiheit und Reichtum in der Auslieferung der Grisha Alina Starkov ihre große Chance sehen, jedoch bis auf den Anführer eher blass bleiben. Positiv sticht hingegen die Ausdifferenzierung der vermeintlichen Guten und Bösen hervor, die keinem simplen Schwarz-Weiß-Schema unterliegen, wovon insbesondere die Figur des so charmanten wie grausamen General Kirigan (Ben Barnes) profitiert.

„Worldbuilding“ mit Schwächen

Das Setdesign trägt maßgeblich zum „Worldbuilding“ bei und spannt interessante Kontraste zwischen schmutzigen Gossenvierteln und spiegelnden Marmorböden in goldlastigen Barockpalästen auf. Kleinere Städte wirken hingegen oft generisch gestaltet, weshalb die Unterscheidung der Handlungsorte ohne Namenseinblendung oft schwerfällt.

Neben der Architektur spiegelt sich die slawische Inspiration auch in den Kostümen wider, von der Farbgebung der Uniformen über Anleihen aus der Zarenzeit bis hin zur typisch russischen Uschanka-Mütze. Bei den Spezialeffekten wurde nicht gespart, weshalb sich die animierten Fähigkeiten der Grisha, gepaart mit einer stimmigen Choreografie, sehr natürlich ins Bild einfügen. Alltagssituationen und Kämpfe werden mit Hilfe kleiner visueller Kabinettstücke anschaulich bis bombastisch ausgestaltet, wenn etwa das Nachladen und Abfeuern eines Revolvers eindrucksvoll aus der Sicht der Munitionstrommel gezeigt wird.

Ernüchternd wirkt hingegen das Creature Design, das sich weitgehend auf den x-ten Aufguss fliegender Monster beschränkt; die Produktion hat sich auch wenig Mühe gegeben, den fiktiven Kontinent mit einer Tier- und Pflanzenwelt auszustatten, weshalb die Landschaften trotz der zahlreichen Menschen oft leer und trist wirken.

„Shadow and Bone“ präsentiert sich dank der fesselnden Story aber als solide Romanadaption. Mit der inhaltlichen Konzentration auf Themen wie Freundschaft, erste Liebe oder das Finden der eigenen Rolle in einer komplexen Welt verschafft sich die Serie als Coming-of-Age-Story eine tragfähige emotionale Basis und verbindet dies stimmig mit gesellschaftskritischen Themen wie ethnisch motivierter Diskriminierung und nationalistischer Kriegstreiberei. So gelingt den Serienmachern mit der ersten Staffel ein Einstieg ins „GrishaVerse“-Universum Leigh Bardugos, der Lust auf mehr macht.

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