America: Der Film

Animation | USA 2021 | 98 Minuten

Regie: Matt Thompson

Im Jahr 1776 will der Überläufer Benedict Arnold in Neu-England die Kolonie wieder der Kontrolle des britischen Königs unterstellen und richtet unter den Gründervätern der späteren USA ein Massaker an. Nur einer überlebt: George Washington. Zusammen mit einer Gruppe schlagkräftiger Mitstreiter rüstet er zum Gegenschlag. Der Animationsfilm rollt mit viel Gewalt und zahllosen popkulturellen Referenzen eine absurde Neuinterpretation der US-Geschichte auf. Der vulgäre Nonsens-Humor hat durchaus gesellschaftskritische Töne und will der Gegenwart mit einer radikalen Kur zu Leibe rücken, scheitert aber, weil die Gags flach bleiben. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
AMERICA: THE MOTION PICTURE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Matt Thompson
Buch
Dave Callaham
Musik
Mark Mothersbaugh
Schnitt
Christian Danley
Länge
98 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Animation | Historienfilm | Komödie | Satire

Anarchistisch-parodistische Superhelden-Neuinterpretation der Gründungsgeschichte der USA als wüst-vulgäre Animationsperformance.

Diskussion

„Von den Gründervätern von ‚Archer‘, ‚Spider-Man: A New Universe‘, ‚The Expendables‘ und ‚Magic Mike‘“, prangt vollmundig auf dem Poster von „America – Der Film“. Die damit einhergehenden Erwartungen löst dieser Animationsfilm über weite Strecken durchaus ein. Zwar fehlen Striptease-Einlagen, doch dafür bietet er den hirnrissigen Humor der Zeichentrickserie „Archer“, einen markant-visuellen Stil à la „Spider-Man“ und die Action-Dichte von „Expendables“. Doch damit ist noch lange kein guter Film gemacht!

Dass „Magic Mike“ dennoch auf dem Poster genannt wird, liegt daran, dass Channing Tatum zu dem zehn Männer umfassenden Produzententeam gehört. Weitere Namen sind Matt Thompson, Dave Callaham sowie Phil Lord und Chris Miller.

„America – Der Film“ ist eine Art anarchistisch-parodistische Superhelden-Neuinterpretation der Gründungsgeschichte der USA. Im Jahr 1776 entscheiden die Gründerväter per „Beer-Pong gerade über den Wortlaut der Unabhängigkeitserklärung, als britische Rotröcke in SWAT-Manier durch die Fenster krachen und ein Blutbad anrichten. Angeführt werden sie von dem Überläufer Benedict Arnold, der obendrein Werwolf-Kräfte besitzt und schon seine nächsten Ziele ins Visier nimmt: Abraham Lincoln und George Washington. Lincoln stirbt jämmerlich nach einem Biss in die Kehle, Washington überlebt und schwört Rache.

Historische Bezüge sind out

Was Abraham Lincoln, der erst 1809 geboren wurde, in diesem Szenario zu suchen hat? „America – Der Film“ pfeift fröhlich auf historische Akkuratesse, die unter anderem mit allerhand Science-Fiction-Technologie ausser Kraft gesetzt wird. Der englische König James (im Original gesprochen von Simon Pegg), der eigentliche Strippenzieher, lässt sich per Titanic einschiffen, und auch Thomas Edison erhält eine wichtige Rolle, in weiblicher, von Olivia Munn gesprochener Form. Diese Thomas Edison ist zugleich die einzige weibliche Person, die Washington für seinen Rachetrip respektive seine Revolution um sich versammelt. Neben der Wissenschaftlerin, die mit ihren Flugstiefeln und Flughandschuhen Iron Man Konkurrenz macht, sind auch noch Samuel Adams als prolliger, bierverliebter Mann fürs Grobe, Paul Revere als geistig schlichter Fluchtpferdereiter, der Ureinwohner Geronimo sowie der hammerschwingende Schmied Blacksmith mit von der Partie.

Rund um dieses Sextett entspinnt sich ein haarsträubender Plot, in dem Amerikas Identität einer radikalen Humor-Kur unterzogen wird. Samuel Adams wird zum Chef einer dauersaufenden Studentenverbindung, im „Y'All Mart“ gibt es Sturmgewehre, wenn man sie für die Jagd zu gebrauchen vorgibt, und die erste Prügelei findet in einer Bar namens „Vietnam“ statt, was zu ausufernden Diskussionen darüber führt, ob man denn nun in Vietnam gewonnen habe oder nicht.

Allerdings darf man auch nicht nur den Hauch seriöser Sozialkritik erwarten. „Amercia - Der Film“ verlässt sich komplett auf seine bis ins Hanebüchene überzeichneten Figuren und eine Fülle an verbalen und visuellen Gags. Die sind mal ganz nett, wenn Lincoln beispielsweise an der „John Wilke’s Merch Booth“ steht. Mal wirken sie bemüht, unter anderem der Auftritt der „Red, White and Blue Man Group“. Mal hinterlassen sie schlicht nur Fragezeichen: „Ich hatte Mordunterricht bei John Wick.“ - „Dem Kerzenmacher?“ Weil Wick im Englischen Docht bedeutet.

Zielloses Fat Shaming

Mindestens genauso fragwürdig ist das Geschlechterbild. Während die (sehr wenigen) Frauen allesamt Wespentaille und übergroße Oberweite aufweisen, sind die Oberarme aller Männer dicker als deren Beine und Köpfe zusammen. Nun ließe sich das noch als Teil eben jenes Humors verstehen, mit der solche klischierten Frauen- und Männerbilder ins Lächerliche gezogen werden. Für das ziellose Fat Shaming in der Darstellung von König James als widerwärtig-verfressener Mischung aus „Star Wars“-Imperator Palpatine und Baron Harkonnen aus „Dune“ lässt sich das allerdings nicht mehr behaupten.

Das Spiel mit popkulturellen Referenzen ist – wenig überraschend für Phil Lord und Chris Miller – symptomatisch für „America – Der Film“, was in einer epochalen Schlacht mündet, die sich freimütig am Repertoire der „Star Wars“-, „Der Herr der Ringe“- und „Transformers“-Reihen sowie natürlich bei „Game of Thrones“ bedient und deren absurd hohen Gewaltgrad noch toppt. Erst im Epilog, wenn sich die Sieger vor dem Washington Monument versammeln und ob ihrer Meinungsverschiedenheiten gegenseitig an die Gurgel gehen – die Ureinwohner fordern ihr Land zurück, die Schwarzen ihre Freiheit, die Weißen ihre Schusswaffen –, gelingt eine gesellschaftskritische Spitze. Die kommt allerdings viel zu spät und wirkt angesichts des vulgären Nonsens-Humors wie ein Feigenblatt.

„Du willst zu ihnen durchkommen? Dann musst du deine Message in die dümmste Sache einbauen, die dir einfällt. Ein Cartoon zum Beispiel“, heißt es an einer Stelle mit überdeutlichem Augenzwinkern. Dass der Ratschlag mitunter dennoch klappen kann, beweist die Serie „South Park“ seit 24 Jahren, allerdings mit dem Unterschied, dass sie einen klaren Fokus und ein konkretes Sujet hat, auf das sich Hohn und Spott konzentrieren. „America – Der Film“ hingegen schießt wahl- und ziellos um sich – und trifft nur ganz selten. Was aber nicht bedeutet, dass der Film nicht als Unterhaltungsprodukt funktionieren würde; ganz im Gegenteil. Der Ritt durch diese Version der US-amerikanischen Gründerzeit ist höchst amüsant und unterstreicht zumindest auf visueller Ebene eine große Kreativität. Inhaltlich darf man ihn keine Sekunde ernst nehmen. Das tut der Film selbst ja auch nicht.

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