Dokumentarfilm | Deutschland 2021 | 105 Minuten

Regie: Wolfram Hannemann

Mit ihren Kleintransportern fahren die Wanderkinobetreiber Erhard Göbelt und Klaus Friedrich seit den 1980er-Jahren durch Baden-Württemberg und zeigen Filme in kleineren Gemeinden, die keine Kinos mehr haben. So sorgen sie auch in Zeiten von Streamingdiensten für ein kulturelles Gemeinschaftserlebnis. Beide Vorführer sind Vollblut-Cineasten und zufrieden mit ihrem Leben, stehen aber kurz vor dem Rentenalter und haben keine Nachfolger in Aussicht. Der Dokumentarfilm über die beiden Wanderkino-Veteranen ist deshalb zugleich Reflexion ihrer Geschichte wie ihres Vermächtnisses und entpuppt sich als unterhaltsames Road Movie mit einer Prise Nostalgie. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2021
Regie
Wolfram Hannemann
Buch
Wolfram Hannemann
Kamera
Hans-Joachim Pulli · Wolfram Hannemann
Musik
Robert Berger
Schnitt
Bettina Goldschmidt
Länge
105 Minuten
Kinostart
05.08.2021
Pädagogische Empfehlung
- Ab 12.
Genre
Dokumentarfilm

Dokumentarfilm über den Alltag zweier Wanderkinobetreiber in Baden-Württemberg, die seit den 1980er-Jahren in ländlichen Gemeinden Filme vorführen.

Diskussion

Mit Kulturveranstaltungen, die von Ort zu Ort ziehen, verbindet man meist Konzerte, den Zirkus oder Theatertourneen. Wanderkino – das klingt für kulturverwöhnte Stadtmenschen eher nach einem Kuriosum. Doch zum einen haben auch Großstädter in den letzten Jahrzehnten das Sterben der Filmtheater miterlebt und wissen, wie sich die Kinolandschaft lichtet. Und zum anderen liefert das Wanderkino den Menschen im ländlichen Raum (Film-)Kultur quasi vor die Haustür, denn die Kinos, die es noch gibt, sind Dutzende Kilometer entfernt. Dass diese Art von Kinoerleben auch in Zeiten von Netflix und Co. noch ein dankbares Publikum findet und was für Menschen es betreiben, schildert Wolfram Hannemann in seinem Dokumentarfilm „Kultourhelden“.

Die Filmliebhaber Gerhard Göbelt und Klaus Friedrich sind zwei Veteranen des Wanderkinos. Seit den 1980er-Jahren gehen sie mit Kinofilmen auf Tour – früher gemeinsam, nun jeder für sich – und zeigen kleineren, kinolosen Gemeinden in Baden-Württemberg populäre Filme aus dem Arthouse- oder Mainstream-Bereich. Was die Zuschauer als willkommenes Kinoereignis erleben, entpuppt sich hinter den Kulissen als aufwendige Organisation – und als Knochenarbeit, was den Transport des Filmmaterials betrifft. Göbelt und Friedrich, beide mittlerweile in den Sechzigern, verladen das schwere Gerät in Rollkisten in ihre Vans: darunter sind der zerlegbare Projektor und die Film-Festplatte.

Wanderkino ist Handwerk

Göbelt wuchtet zudem noch vier schalldichte, mit Filmfotos beklebte Platten in den Transporter. Damit stellt er den Projektor zu, damit das Summgeräusch die Filmvorführung nicht stört. Seit der Digitalisierung sind die Gerätschaften ein wenig leichter geworden: Früher brachten die Filmrollen ordentlich Eigengewicht dazu. Das mühsame und zeitintensive Ver- und Entladen des Filmmaterials oder das Aufstellen von unterschiedlichsten Leinwänden bei Open-Air-Veranstaltungen filmt Regisseur Hannemann oft im Zeitraffer. Dennoch – oder gerade dadurch – bleibt nachvollziehbar, dass Wanderkino auch ein Handwerk ist.

Was das Organisieren von Filmen betrifft, hat sich in digitalen Kinozeiten wenig geändert. Ihre Kopien bekommen die beiden Wanderkinobetreiber sechs bis acht Wochen nach Kinostart des Films. In der Analog-Ära konnte das zwar bis zu zwölf Wochen dauern, doch die einfachere Verfügbarkeit von Film-Festplatten hat die Vorgaben durch Verleiher nicht im Sinne Göbelts und Friedrichs verändert. Allerdings sind Zuschauer und Auftraggeber in den Gemeinden geduldig und freuen sich über die handverlesenen Filme. Denn die beiden „Kultourhelden“ zeigen nur Werke, die sie selbst mögen, von denen sie Gutes gehört haben oder von denen sie glauben, dass sie ihrem Publikum gefallen werden. Projiziert werden die Filme in Kulturhäusern der Gemeinden oder auf Freiflächen oder Parks, die man zu Open-Air-Stätten umgewandelt hat.

Früher, in den 1990er-Jahren, arbeiteten Göbelt und Friedrich in einer gemeinsamen Firma zusammen, und zwar zu Zeiten, als es noch keine Multiplexe, DVDs, geschweige denn Streamingplattformen gab. Dann trennten sich die Wege der zwei Cineasten. Jeder betrieb nun sein eigenes Wanderkino, ohne dass es menschlich zum Bruch zwischen ihnen gekommen wäre. Denn beide sind Pragmatiker, müssen wirtschaftlich denken und bleiben doch Idealisten, die das Kino als Gemeinschaftserlebnis weiterhin unter die Leute bringen wollen. Einen Penchant zum Leben auf Tour haben sie offensichtlich auch. Oft zeigt der Film sie unterwegs im Kleintransporter, unterlegt dies mit beschwingter Musik (die nicht allen gefallen muss) und vermittelt so auch das Gefühl von Bewegung und Freiheit, die das Leben auf vier motorisierten Rädern mit sich bringt.

Road Movie und Nostalgietrip

So entpuppt sich „Kultourhelden“ als eine Mischung aus Road Movie und Nostalgietrip. Denn die Kamera fängt auch ein, wie Göbelt und Friedrich gemeinsam in einem alten Traditionskino sitzen und Anekdoten aus ihrem Leben als mobile Kinovorführer erzählen. Dabei offenbaren sich Gemeinsamkeiten und charakterliche Unterschiede zwischen den Männern. Beide sind ausgebildete Lehrer, was ihren pädagogischen Hang zur Verbreitung von Kinokunst erklären mag. Doch während Göbelt eher Familienmensch ist, offenbart sich bei Friedrich eine Prise mehr Innovationsfreude und eine verschmitzte Abenteuerlust. Etwa, wenn er sich an die Vorführung eines Horrorfilms in einem Steinbruch erinnert, die er mit Gruseleffekten aufpeppen wollte (was an Sicherheitsvorgaben scheiterte), oder wenn er die Vorführung eines Heimatfilms (den er selbst digitalisieren ließ) auf einem Donaudampfer organisiert.

Zudem gehört der Dokumentarfilm zur neuen Gattung der Corona-Filme. Die Dreharbeiten fielen in die Zeit der Pandemie, und man merkt den zuweilen mit Masken bewehrten Betreibern vor Ort und den Kinozuschauern an, wie sehr sie sich über die sicheren Open-Air-Vorführungen im Sommer freuen. Überhaupt äußern sich Mitarbeiter/innen der Bürgerämter in den baden-württembergischen Gemeinden zwischen Ludwigsburg, Freiberg und Eppingen sehr zufrieden über das Wanderkino, das fester Bestandteil ihrer Kulturplanung ist.

Angewiesen auf Vollblut-Cineasten

So macht „Kultourhelden“ durch Kontakte der beiden Protagonisten auch das wirtschaftliche Umfeld des Wanderkinos nachvollziehbar, an dem Verleiher, kommunale Akteure, Bühnenarbeiter und – als Endabnehmer – das Publikum beteiligt sind. Dennoch wird auch klar, dass das Modell Wanderkino nicht ewig reproduzierbar sein wird. Es ist auf Vollblut-Cineasten wie Göbelt und Friedrich angewiesen, Nachfolger für sie sind bislang nicht in Sicht. Zu aufwendig erscheinen jüngeren Leuten heute die Mühen der Touren – für einen überschaubaren Profit. Zwar wollen Friedrich und Göbelt noch ein paar Jahre on the Road sein. Doch realistische Zuschauer von „Kultourhelden“ müssen sich mit einer Träne im Auge darauf einstellen, dass diese romantische Art der Filmvorführung mittelfristig auf ihr Ende zusteuert.

Kommentar verfassen

Kommentieren