Bibelfilm | USA 2017 | Minuten

Regie: Dallas Jenkins

Die auf insgesamt sieben Staffeln angelegte Web-Serie schildert das Leben Jesu, wie es in den Evangelien skizziert wird, greift erzählerisch aber weit aus und erfindet viele Personen und Episoden frei hinzu. Im Stil einer Telenovela treten immer neue Figuren auf, zwischen denen kleinere oder größere Probleme thematisiert werden. Der Tonfall ist bodenständig, Jesus wird als netter Kumpel von nebenan gezeichnet, der das Leben jener radikal verändert, die an ihn glauben. Der naive-fromme, keine Fragen oder Zweifel aufkommen lassende Stil zielt auf ein christlich-evangelikales Publikum, das in seinem Glauben bestärkt werden soll. Das Christentum erscheint insbesondere durch die Fixierung auf die biblischen Wunderzählungen als glücklich machende „Feel Good“-Religion, deren Wahrheitsanspruch emotional mitempfunden und nicht kritisch hinterfragt werden soll. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE CHOSEN
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2017
Regie
Dallas Jenkins
Buch
Dallas Jenkins · Ryan Swanson · Tyler Thompson
Kamera
Akis Konstantakopoulos · Brent Christy · Dallas Jenkins
Musik
Dan Haseltine · Matthew S. Nelson · Dallas Jenkins
Schnitt
John Quinn
Darsteller
Jonathan Roumie (Jesus) · Shahar Isaac (Petrus) · Elizabeth Tabish (Maria Magdalena) · George Harrison Xanthis (Johannes) · Joey Vahedi (Thomas)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Bibelfilm | Serie

Heimkino

Verleih DVD
Gerth Medien
Verleih Blu-ray
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Eine auf sieben Staffeln angelegte Web-Serie über das Leben Jesus, die sich an den biblischen Geschichten orientiert, aber auch neue Figuren und Episoden hinzuerfindet.

Diskussion

Die vielleicht zehnjährige Abigail hat ihre Freunde aus dem nahen Kafarnaum mitgebracht. Gestern erst war sie zum ersten Mal an diesem Lagerplatz, wo sie gemeinsam mit ihrem besten Freund den fremden Mann kennenlernte, der dort campiert. Die Kinder stehen nun neben dem noch schlafenden Jesus, der auf freiem Feld sein Lager aufgeschlagen hat und dort Holzarbeiten anfertigt. Als Jesus die Augen aufschlägt und die Kinder vor sich sieht, lächelt er und scherzt: „Ihr hättet ruhig ein bisschen später kommen können“.

Gleich danach lädt er die Jungen und Mädchen, die von Abigail vorgestellt werden, zum Bleiben ein. Sie helfen bei der Arbeit, und Jesus erzählt und spricht mit ihnen über ihren Glauben. Der Umgang ist locker und humorvoll; Jesus erweist sich als Freund der Kinder - und diese als seine ersten gelehrigen Schüler.

Diese Szenen sind in der dritten Episode der ersten Staffel von „The Chosen“ zu sehen, einer via Crowdfunding finanzierte Web-Serie, die das Leben Jesu schildert. Der Tonfall ist bewusst bodenständig-naiv; Jesus wird als der nette Mann von nebenan gezeichnet.

Bibel meets Telenovela

Grundlage der Geschichte sind die vier biblischen Evangelien, mit starkem Schwerpunkt auf dem Johannes- und dem Lukasevangelium. Geboten wird – wie in der Mehrzahl der Jesusfilme – eine Evangelienharmonie mit hinzuerfundenen Szenen. Da die Serie erzählerisch sehr weit ausholt und auf sieben Staffeln angelegt ist, sind die erfundenen Ereignisse gegenüber den biblischen Szenen deutlich in der Mehrheit.

Die Episode um Abigail ist reine Neudichtung; die zentralen erwachsenen Figuren sind zumindest biblisch inspiriert. Es beginnt in Folge 1 mit der Angst vor einer von Dämonen besessenen Frau im Vergnügungsviertel (sie stellt sich später als Maria von Magdala vor), es folgt die Ankunft von Nikodemus (eine Figur aus dem Johannesevangelium) in der Provinz Galiläa, einem Mitglied des hohen Rates in Jerusalem. Bald darauf werden auch die Fischer Simon (Petrus) und sein Bruder Andreas gezeigt, die von hohen Steuerschulden geplagt werden.

Simon versucht erfolglos, beim Faustkampf zu Geld zu kommen, und ist auch sonst ein eher ungestümer Zeitgenosse, der oft mit seiner Ehefrau in Streit gerät. Schließlich ist da noch der leicht autistisch wirkende Matthäus, der als Steuereintreiber für die Römer arbeitet und nach und nach durch seine Beobachtungsgabe zum Zeugen ungewöhnlicher Ereignisse wird.

Die Ausstattung entspricht dem üblichen Bibelfilm-Arsenal beziehungsweise den bekannten „Sandalenfilmen“; die Kulissen erinnern an Freiluft-Passionsspiele. Die Inszenierung ist konventionell und solide, aber etwas umständlich, was sicher auch dem häufigen Orts- und Szenenwechsel geschuldet ist. Es wird ausführlich, in mancher Episode auch langatmig erzählt: So besteht die gesamte fünfte, etwa einstündige Episode aus der Schilderung einer Hochzeitsfeier im Ort Kana, an deren Ende die (nur aus dem Johannesevangelium bekannte) Verwandlung von Wasser in Wein durch Jesus steht. Die Inszenierung steuert auf das Wunder als Höhepunkt der Handlung zu, nimmt sich aber viel Zeit für Gespräche zwischen unterschiedlichen Gästen und zeigt einen scherzenden und tanzenden Jesus.

Ein Panorama des Lebens im Jahr 28

In den acht Folgen der ersten Staffel wird ein Panorama des Lebens am See Genezareth im Jahre 28 entworfen, zumindest so, wie die Macher der Serie sich dieses Leben vorstellen; zentrale Personen werden eingeführt, ebenso der Konflikt mit der römischen Besatzungsmacht und die Hoffnung auf einen rettenden Messias. Zu Beginn der Episoden gibt es manchmal Rückblenden, etwa Maria Magdalena als Kind, der zwölfjährige Jesus im Tempel oder ein (fiktives) Gespräch zwischen Moses und Josua während der Schlangenplage in der Wüste.

In der Haupthandlung werden die ersten Jünger berufen (inklusive des wunderbaren Fischfangs im Lukasevangelium) und es geschehen Heilungswunder. All dies ist aus früheren Jesusfilmen oder Bibel-Serien bekannt und wird auch in „The Chosen“ nicht neu oder gar besonders originell geschildert. Vielmehr gleicht die Erzählweise einer Telenovela, in der immer wieder neue Figuren auftreten und Beziehungen ausgelotet sowie kleine und große Probleme zwischen Freunden, Eheleuten oder sonstigen Personen thematisiert werden.

Im Begleitmaterial zur Serie heißt es: „Sie ist lebendig, berührend und zeitgemäß. Sie hebt sich völlig von allen Jesus-Filmen ab, die es bisher gab, und stellt die Menschen in den Mittelpunkt, deren Leben Jesus völlig verändert hat.“ Auch mit Superlativen wird nicht gegeizt; die Serie sei eine „unglaubliche Erfolgsgeschichte“. Dieser Erfolg rührt unter anderem daher, dass „The Chosen“ über eine eigene App frei im Netz verfügbar ist und nicht auf das Fernsehen, einen Streamingdienst oder große Filmstudios angewiesen ist. Die Macher sind jedoch keine Unbekannten und fest im Segment der „faith-based movies“ verwurzelt, jener Filme für ein christlich-evangelikales Publikum, die den Glauben bestärken und das Christentum als glücklich machende „Feel-Good“-Religion bewerben sollen.

Inwieweit „The Chosen“ missionarisch wirken kann, bleibt allerdings zweifelhaft, da der biblische Gehalt tatsächlich sehr dürftig und der Unterhaltungswert begrenzt ist.

Wer’s glaubt, wird selig

Der Behauptung, die Serie hebe „sich völlig von allen Jesus-Filmen ab“, ist aus der Luft gegriffen. Zwar wird Jesus eher als Kumpeltyp denn als Lichtgestalt vorgestellt, doch sonst sind sämtliche Bibelfilm-Klischees vertreten: lange Gewänder und Sandalen, böse Römer und freundliche Judäer, seichte Handlung und einschlägige Situationen. Vergleicht man die Handlung von „The Chosen“ mit dem Serienklassiker „Jesus von Nazareth“ von Franco Zeffirelli, so werden nicht nur Ähnlichkeiten sichtbar (etwa in der Figurenzeichnung von Petrus und Matthäus); es fällt auch auf, dass Zeffirelli vor 45 Jahren dichter und spannender inszenierte. Gleichzeitig wiederholt „The Chosen“ aber die Schwäche, thematisch zu sehr an der Oberfläche zu bleiben. Es gibt so gut wie keine Zwischentöne – entweder man glaubt (dann mit Feuereifer) oder eben nicht. Die Figuren bleiben Typen, und das Bekannte wird nur illustriert, nicht neu gedeutet. Wer’s glaubt, wird selig.

Dabei bemüht sich die Serie durchaus, den Stoff an die Gegenwart anzudocken, allerdings auf einer denkbar naiv-oberflächlichen Ebene. Die Figuren sind trotz mehrmaliger Einblendung der Jahreszahlen in Gestik, Sprache und Verhalten Menschen von heute; sie wirken damit allerdings in den biblischen Kulissen seltsam fremd und bringen die biblischen Ereignisse nicht näher; interessante gegenwärtige Perspektiven auf die Botschaft Jesus oder inhaltliche Auseinandersetzungen, die die Evangelien auch für die moderne, säkularisierte Zuschauer aufschließen könnten, spielen in der Serie keine Rolle.

Immer wieder wird aus den „Schriften“ (dem biblischen Alten Testament) zitiert; die Personen diskutieren wie in einer Bibelstunde miteinander über das Geschehen. Auch die Kinder sagen wie in der Sonntagsschule Bekenntnisse auf. Ein trockener Predigtton durchzieht viele Szenen. Im Zentrum der Handlung stehen die Wunder, die mit viel Soundtrack in Szene gesetzt werden. Formal wird dabei immerhin auf Pathos verzichtet, jedoch stehen unmittelbare Emotionen eindeutig im Zentrum der Dramaturgie, die nur aufs Mitfühlen, nicht aufs Nachvollziehen ausgerichtet ist. Die Erzähllücken der Bibel werden komplett gefüllt, damit auch wirklich klar ist, dass man diesem Jesus gefälligst glauben und folgen muss.

Ein Kumpel von nebenan

Wo in „Maria Magdalena“ (2018) von Garth Davis noch ein menschlicher Jesus zu sehen war, der auch anstößig wirkte und keineswegs eindeutig als Retter auftrat, erscheint der Jesus von „The Chosen“ als weichgespülter, gänzlich harmloser Erzähler, dem fast nebenbei ein paar Wunder herausrutschen. Ein netter Typ eben, der gerne und immer hilft und mit dem man auch einen Wein trinken gehen möchte.

Unterm Strich wird „The Chosen“ den selbst gewählten Superlativen nicht gerecht, sondern reiht sich inszenatorisch unter die „faith-based movies“ ein, die einen unkritischen Zugang zum christlichen Glauben vermitteln. Die Serie bildet bekannte Bibelepisoden unreflektiert ab und verbreitet durch ihren Schwerpunkt auf Wundererzählungen und eine in sich geschlossene, keine Fragen zulassende Erzählweise eine Heile-Welt-Stimmung. Zweifel sind nur Durchgangsstationen, und Bösewichter dienen dazu, das eindeutig Gute noch besser hervortreten zu lassen. Gespannt darf man lediglich darauf sein, welches Telenovela-Garn in den noch entstehenden weiteren Staffeln zum biblischen Inhalt hinzugesponnen werden.

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