W. - was von der Lüge bleibt

Animation | Schweiz/Polen/Israel/Italien 2020 | 111 Minuten

Regie: Rolando Colla

Der Fall Binjamin Wilkomirski sorgte 1998 für einen internationalen Skandal, als sich herausstellte, dass die begeistert aufgenommene Autobiographie des vermeintlichen Shoah-Überlebenden eine Fiktion war. Mit analytischer Schärfe und künstlerischer Präzision nähert sich der außergewöhnliche Dokumentarfilm über fünf Erzählungen der wahren Lebensgeschichte des Autors, der in seiner frühen Kindheit bei einer Pflegefamilie schwere Misshandlungen erlitten hatte und sich auf unterbewusster Ebene mit dem Leid der Holocaust-Opfer identifizierte. Ohne jede Relativierung gelingt es dem Film, das Verhältnis von psychischer Realität und historischer Wirklichkeit auszuloten. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
W. - WAS VON DER LÜGE BLEIBT | W. - CE QUI RESTE DU MENSONGE | W. - CIÒ CHE RIMANE DELLA BUGIA
Produktionsland
Schweiz/Polen/Israel/Italien
Produktionsjahr
2020
Regie
Rolando Colla
Buch
Rolando Colla
Kamera
Rolando Colla · Nir Bar · Sandra Gomez · Reinis Aristovs · Gabriel Lobos
Musik
Bernd Schurer
Schnitt
Rolando Colla
Länge
111 Minuten
Kinostart
18.11.2021
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Animation | Dokumentarfilm

Ein außergewöhnlicher Dokumentarfilm, der sich über fünf Kapitel der Lebensgeschichte eines Mannes annähert, der nach Misshandlungen als Kind für sich selbst und nach außen hin die Identität eines Shoah-Überlebenden annahm.

Diskussion

Nebelschwaden treiben gespenstisch über ein menschenleeres Schwimmbecken, angestrahlt von der bunten Weihnachtsbeleuchtung eines Hotelkomplexes. Wie eine fremde Traumlandschaft wirkt das Thermalbad in der kalten Winternacht. Langsam schiebt sich der Körper eines älteren Mannes durch das plätschernde Wasser. Sein Gesicht bleibt entzogen, die Kamera folgt den Bewegungen unter der Oberfläche. Auf Zehenspitzen tastet er sich am Grund entlang. Die Stimme einer Erzählerin setzt ein. Sie wird fünf Geschichten schildern, die sich dem Leben dieses im Wasser schwebenden Mannes annähern.

Die erste ist ein dokumentarisch wirkender Prolog über das jüngste Kind, das die Shoah überlebte. Binjamin Wilkomirski, geboren im lettischen Riga, muss 1941 nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten mit seinen Geschwistern fliehen. Sie kommen bei einer alleinstehenden Bäuerin in Polen unter, doch statt Schutz finden sie Tortur. Binjamin wird in den Keller gesperrt und geschlagen, schließlich an eine uniformierte Frau abgegeben, die ihn ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Dort sieht er noch einmal kurz seine Mutter, die ihm schweigend die Hand entgegenstreckt. Er überlebt auch seine Verlegung nach Majdanek und gelangt nach Kriegsende in ein Krakauer Waisenhaus. Dort wird er ein Mädchen namens Karola wiedertreffen. Mit ihr teilt er wortlos die Erinnerung an die traumatische Vergangenheit der Lager. Geschildert wird all das in der 1995 erschienenen Autobiographie Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948. Sie erscheint im Jüdischen Verlag bei Suhrkamp, die Kritik nimmt sie begeistert auf. Übersetzungen in viele Sprachen folgen, hoch dotierte Preise werden vergeben.

Dokumentarische Dekonstruktion

Der sachliche Ton der Erzählerin wird von erstaunlichem Material untermauert. Da sind nie gesehene Archivbilder aus dem jüdischen Riga, ebenso wie Szenen, die Gewaltexzesse der deutschen Truppen an der jüdischen Bevölkerung zeigen. Ein Nazi quält auf offener Straße eine alte Frau mit einer Reitgerte. Über 22.000 Menschen werden erschossen und verscharrt. Die Filmaufnahmen zeigen ihre Körper, die sich in den Gruben übereinanderstapeln. Doch als Binjamins Geschichte sich um den polnischen Bauernhof dreht, ändert sich das Genre. Die zur Erzählung gehörenden Bilder sind nun graphische Animationen, deren taktile Schraffuren sich flimmernd auffalten und wieder zusammenziehen. Es entstehen Szenen, die durch die Gewaltsamkeit hoch intensiv erscheinen und dennoch seltsam unverortet bleiben.

Nun spricht die Erzählerin beiläufig von einem Bruno statt einem Binjamin, der auf der Basis seines Buches für die Shoah Foundation ein Zeugnis abgelegt hat. In diesen Aufnahmen wird er sagen, dass er im Lager seine Sprache verloren habe und die Lüge die einzige Möglichkeit gewesen sei, zu erzählen, was wirklich geschah. Immer wieder springt die Kamera zurück in das nächtliche Schwimmbecken, oszilliert an der Wasseroberfläche und bringt die dokumentarische Gewissheit ins Schwanken.

Nun beginnt die zweite Geschichte, und die ist ein manifester Skandal. Als der jüdische Schriftsteller Daniel Ganzfried 1998 für das „Passagen Magazin“ ein Porträt über Wilkomirski schreiben soll, fallen ihm Unstimmigkeiten auf. Er überprüft die Schweizer Adoptionsurkunde, auf der sich jedoch der Name Bruno Dösekker findet. Auf Unglauben und Schockstarre der Zeitungen und Verlage folgt nach weiteren Recherchen eines Historikers die empörende Gewissheit: Binjamin Wilkomirski ist eine Fiktion. Der Verfasser der „Bruchstücke“ hat in seiner Kindheit die Schweiz nie verlassen und wuchs in einer großbürgerlichen Adoptivfamilie auf. Bis hierhin ist die Geschichte heute der Öffentlichkeit bekannt. Sie hat über Jahrzehnte hinweg Fragen aufgeworfen und sogar zum Begriff des „Wilkomirski-Syndroms“ geführt. Da dies zwar der prominenteste, aber keinesfalls der einzige Fall einer erfundenen Opfergeschichte war, schien sich ein psychologisches Phänomen abzuzeichnen, das schwer greifbar ist.

Der Schweizer Regisseur Rolando Colla kannte Bruno Dösekker Wilkomirski noch aus der Zeit vor den Enthüllungen. „W. - Was von der Lüge bleibt“ ist eine ebenso kunstvolle wie analytische Umkreisung der Folgen schwerer Gewalt für die menschliche Psyche und die Doppelbödigkeit von Erzählungen, die entstehen, um mit solchen Erfahrungen leben zu können.

Ein filmisches Tribunal

Rolando Collas Dokumentarfilmprojekt wird selbst sieben Jahre umspannen. In der dritten Geschichte tritt seine Erzählerin hinter ein filmisches Tribunal zurück, das durch die Montage von Rede und Gegenrede entsteht: Der Ankläger David Ganzfried bringt seine berechtigten Vorwürfe ein, dass durch „Bruchstücke“ eine folgenschwere Geschichtsverfälschung stattgefunden habe. Auf dem Spiel steht dabei die Faktizität der historischen Wirklichkeit und des zivilisatorischen Abgrunds der Lager, der durch Wilkomirskis billige Geschichte überbrückt werde.

Angesichts der damals lautgewordenen Vorwürfe gegen die Schweiz, als einziges Land voller Gleichgültigkeit über dessen Herkunft Gold von den Nazis angekauft zu haben, erscheinen die überschwänglichen Rezensionen der Schweizer Presse Mitte der 1990er-Jahre im Nachhinein doppelt fragwürdig. Lobt man eine Kindergeschichte in den Himmel, gerade weil sie durch ihre Naivität das Unaussprechliche der Gewalt scheinbar verdaulich macht und zugleich durch die Identifikation mit dem Kind Entlastung von der eigenen Schuld anbietet?

Bruno Dösekker Wilkomirski gibt Einblick in sein Zuhause, das voller jüdischer Devotionalien ist. Auch gegenüber der direkten Konfrontation mit dem Regisseur verteidigt er sich trotzig: „Ich bin Jude, ich fühle nichts anderes. Du musst im Leben spüren, wo dein Herz ist, und das ist deine Wahrheit, und dort musst du bleiben.“ Lässt sich ein derart fragwürdiges subjektives Empfinden überhaupt mit der historischen und sozialen Wirklichkeit in Verbindung bringen? Wie lässt sich eine solche Entkopplung einholen oder auch nur erklären?

Eine dritte Figur deckt ein Trauma auf

Die vierte Geschichte unternimmt diesen Versuch. Sie folgt den Recherchen des Historikers Stefan Mächler und entdeckt eine dritte Figur, ihr Name ist Bruno Grosjean. Sie ist die Rekonstruktion der ersten Lebensjahre des Protagonisten, die als traumatische Bruchstücke frei flottieren, bis sie ihren Niederschlag in einer Erzählung finden. Mit vierzehn Jahren unterzog sich Bruno einer Darmoperation, bei der schlecht verheilte Narben entfernt werden mussten. Sie stammen von schweren körperlichen Misshandlungen, die Bruno von einer früheren Pflegemutter vor seinem vierten Lebensjahr zugefügt wurden. Eine Frau, die sich wenig später in einer Psychiatrie tötete und deren Beschreibung sich mit der polnischen Bäuerin deckt, wie ihr leiblicher Sohn bestätigt.

Die Dösekkers verweigern Bruno die wahre Geschichte seiner Herkunft. Willkommen hat er sich nie gefühlt, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Wertschätzung bleibt unermesslich. Zugleich wird er von wiederkehrenden Albträumen heimgesucht, die er sich nicht erklären kann. Als Bruno selbst das erste Mal Vater wird, beginnt er plötzlich ein Geschichtsstudium, das ihn nach Litauen führt. Er schafft sich ein privates Archiv über die Shoah mit 2000 Büchern und vielen unerschlossenen Filmaufnahmen, plant eine Dissertation zur jüdischen Migration in Osteuropa.

Projektive Identifizierung

Eine schwere Erkrankung lässt Bruno eine Psychoanalyse in Zürich beginnen, bestärkt von seiner Freundin Verena Piller, für die er seine Familie verlässt. Sie rät ihm, seine Erinnerungen aus der frühen Kindheit aufzuschreiben, die Therapeutin lässt ihn Bilder malen. Beide scheinen sehr angetan von seinem rätselhaften Leiden zu sein, schenken ihm Aufmerksamkeit, ermutigen ihn, darin seine Identität zu finden. Die Freundschaft zu dem jüdischen Psychiater Elitsur Bernstein geht in diesem Punkt sogar noch weiter. Er entwickelt gemeinsam mit Bruno eine Methode der Rekonstruktion von abgespaltenen Erfahrungen. Bernstein ist überzeugt davon, dass die Vermutungen seines Freundes wahr sind und er als Kind den Holocaust überlebt hat. Gemeinsam mit Verena Piller fahren sie zu dritt nach Riga, Birkenau und Majdanek.

Als beim damaligen Chef des Suhrkamp-Verlags Zweifel in Bezug auf das erste Manuskript aufkommen, setzen sich Elitsur Bernstein und die Psychoanalytikerin für die Veröffentlichung der Autobiographie ein. Wie lässt sich das Begehren der Anderen nach Wilkomirski und seiner Geschichte erklären? Die Psychoanalyse kennt den Vorgang der „Projektiven Identifizierung“. Dabei werden eigene unintegrierte Selbstanteile und Erfahrungen in einen anderen Menschen hineinprojiziert, in der unbewussten Hoffnung, dass dieser sich damit identifizieren und sie annehmen möge. Ein alltäglicher Vorgang im zwischenmenschlichen Austausch, der bei Gewalterfahrungen jedoch gefährlich sein kann. Wilkomirski ist durch seine eigenen Leerstellen möglicherweise zur Projektionsfläche für diejenigen geworden, deren Leid unerhört blieb. Vielleicht aber auch für Menschen, die ihre eigenen Verstrickungen abwehrten und seine fiktive Geschichte als Entlastung nutzen konnten.

Das zeigt sich auch an seiner tatsächlichen Beziehung zu Karola, dem Mädchen aus dem Krakauer Waisenhaus, mit dem Bruno zeitweise eine Liebesbeziehung verband. Als Überlebende der Lager hat sie selbst immer wieder die Erfahrung machen müssen, dass die Menschen nicht zuhören wollen. Mit Bruno fühlte sie, wie sie in einem Interview sagt, jedoch von Beginn an eine tiefe Verbindung. Er hört nicht nur zu, sondern nimmt alles begierig in sich auf, identifiziert sich mit ihrem Leid. Nicht unbedingt im Kalkül, ein Buch zu schreiben, sondern um durch ihre Geschichte seine eigenen Leerstellen aufzulösen. Doch dies wird gerade durch die unreflektierte Identifikation unmöglich.

Keine Relativierung der Lüge

In einer Schlüsselszene zwischen Bruno und dem Regisseur wird die Doppelseitigkeit dieses Phänomens deutlich. In der Konfrontation mit seiner Lüge besteht Bruno darauf, dass ein misshandeltes Kind ein misshandeltes Kind sei – egal ob im Konzentrationslager oder einem Schweizer Waisenhaus. Der erste Teil des Satzes ist richtig, der zweite jedoch eine Anmaßung – und Rolando Colla macht nie den Fehler, diese im Laufe des Films zu relativieren. Die historische Wirklichkeit ist nicht identisch mit der subjektiven psychischen Realität. Zwischen beiden Dimensionen unseres Erlebens liegt die Erzählbarkeit wie ein Geländer über dem Abgrund. Sie kann zu einem vorläufigen Halt auf dem Weg zur Zeugenschaft und damit zu einer sozial geteilten Wirklichkeit führen. Oder sie verhärtet sich als eine Form der Fiktion, die der Verleugnung und Abwehr von Erfahrung dient.

Die fünfte und letzte Geschichte handelt davon. Die Erzählerin lässt sie für sich sprechen. Darin wird deutlich, wie Bruno trotz des Mitgefühls, das ihm Menschen entgegenbringen, in seinen Lügenkonstruktionen gefangen bleibt. Eine junge Analytikerin aus Israel beschreibt dies ganz treffend: Bruno weigere sich noch immer zu verstehen, was sein Anteil daran ist, dass sich alle von ihm abwenden, und sie musste ihm klarmachen, dass sie nicht mehr für seine Fantasien zur Verfügung stehe.

„W. - Was von der Lüge bleibt“ relativiert an keiner Stelle die Täuschung Wilkomirskis oder behauptet eine Unbestimmtheit von historischer Wahrheit. Im Gegenteil: Rolando Colla gelingt eine Intervention mit psychoanalytischem Charakter, die gerade das Spannungsverhältnis und die Ambivalenz zwischen Subjektivität und Faktischem aufrechterhält und zeigt, inwieweit beide auch notwendig ineinandergreifen.

Kommentar verfassen

Kommentieren