Nona und ihre Töchter

Komödie | Frankreich 2021 | 258 (neun Episoden) Minuten

Regie: Valérie Donzelli

Eine 70-jährige Pariser Feministin wird auf rätselhafte Weise schwanger. Da sie sich fortan schonen soll, ziehen ihre drei erwachsenen Töchter sowie eine männliche Hebamme zu ihr. Absurder Humor, Selbstironie und Einfallsreichtum sowie ein sicheres inszenatorisches Gespür, große Experimentierfreude und die überzeugende Kamera machen die französische Sitcom zu einem großen Vergnügen. Drehbuch und glänzende Darsteller schaffen lebendige und vielschichtige Charaktere. Die ungewöhnliche Ausgangsidee dient als Brennglas, unter dem die familiären Bande, aber auch Verwerfungen und Abschiede sichtbar werden. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
NONA ET SES FILLES
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2021
Regie
Valérie Donzelli
Buch
Valérie Donzelli · Clémence Madeleine-Perdrillat
Kamera
Irina Lubtchansky
Musik
Philippe Jakko
Schnitt
Pauline Gaillard · Léa Masson
Darsteller
Miou-Miou (Nona) · Virginie Ledoyen (Manu) · Valérie Donzelli (George) · Clotilde Hesme (Gaby) · Michel Vuillermoz (André Breton)
Länge
258 (neun Episoden) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Komödie | Serie

Sitcom um eine 70-jährige Feministin, die auf rätselhafte Weise noch einmal schwanger wird, worauf ihre drei erwachsenen Töchter sowie eine männliche Hebamme unterstützend bei ihr einziehen.

Diskussion

Wie gerne würde man bei Familie Perrier mit am Frühstückstisch sitzen! Das allgegenwärtige Chaos, die spürbare Zuneigung für- und die Genervtheit voneinander, der Witz, die Gemeinschaft, der Streit, die Vertrautheit, das ständige Kommen und Gehen, kurz: das geballte Leben – das alles übt eine magische Anziehungskraft aus. Als Zuschauer oder Zuschauerin darf man das ja mehr oder minder auch, wenn man sich mit an den beengten Esstisch im Pariser Einwandererviertel Goutte d’Or zwängt. Nicht nur deshalb ist die Serie „Nona und ihre Töchter“ ein großer Glücksfall. Allerdings sollte man sie unbedingt im Original (mit Untertiteln) ansehen; in der deutschen Synchronisation verliert die Produktion sehr an Authentizität und Nuancen.

Die Serie sprudelt vor kreativen Einfällen über

Geschrieben (zusammen mit Clémence Madeleine-Perdrillat) und inszeniert hat die neunteilige Serie Valérie Donzelli. Das französische Multitalent, das mit der Figur der George zudem eine der Hauptrollen übernahm, ist schon mehrfach mit stilistisch verspielten Drehbüchern und Regiearbeiten aufgefallen. Auch ihre erste Serie sprudelt nur so vor kreativen Einfällen über. In „Nona und ihre Töchter“ beginnt alles damit, dass bei der 70-jährigen Nona, Mutter längst erwachsener Drillinge, eine Schwangerschaft diagnostiziert wird. Doch das ist noch nicht rätselhaft genug. Es kommt zudem heraus, dass ihr Geliebter André gar nicht der Vater des ungeborenen Kindes ist; Nona hat ihn betrogen – allerdings mit einer Frau.

Nona, eine freiheitsliebende Feministin der ersten Stunde und langjährige Leiterin einer Familienberatungsstelle in ihrem Viertel, will das Kind nicht. Sie fühlt sich der Aufgabe nicht gewachsen. Doch eine Abtreibung misslingt, und ein weiterer Versuch wäre zu gefährlich. Es bleibe ihr nichts anderes übrig, so Nonas fürsorglicher Arzt Doktor Truffe, als das Baby auszutragen. Fortan soll sie sich schonen und das Haus nicht mehr verlassen, auch um kein Aufsehen zu erregen.

Deshalb ziehen die erwachsenen Töchter wieder bei der Mutter ein; die eine, George, eine ewige Studentin, war ohnehin nie ganz ausgezogen. Auf Truffes Geheiß wird außerdem auch noch eine männliche Hebamme rund um die Uhr bei der Schwangeren einquartiert. Nonas zweigeschossige, etwas verlebte und in bunten Farben und Mustern gestaltete Pariser Wohnung stellt den Schauplatz und Handlungsort der Serie dar, was deren Sitcom-Charakter betont.

In dieser Familie ist man sofort mittendrin

Vom Fleck weg gelingt es Donzelli und Madeleine-Perdrillat, äußerst lebendige und komplexe Charaktere zu kreieren, der Fülle an Figuren zum Trotz. Es braucht nur wenige Minuten und schon ist man mittendrin in dieser sympathisch-chaotischen Familie. Effizient und zugleich atmosphärisch dicht stellen Drehbuch und Regie die Protagonisten vor: die Matriarchin Nona, die ihre mittlerweile 44-jährigen Drillinge einst allein aufzog. George, die immer noch an ihrer Doktorarbeit schreibt und naiv-begeisterungsfähig durchs Leben stolpert. Ihre Tagebucheinträge aus dem Off strukturieren das Geschehen. Gaby, eine erfolgreiche Sexualtherapeutin. Und Manu, fünffache Mutter, die, anders als Nona und ihre Schwestern, einem (scheinbar) konventionellen Lebensentwurf folgt.

Eine glänzende Darstellerinnen-Riege

Die Zeichnung der Figuren ist gänzlich klischeefrei, obwohl man die Töchter in die Kategorien „die Intellektuelle“, „die Sexologin“ und „die Hausfrau und Mutter“ einsortieren könnte. Dass diese Schubladen für die vielschichtigen Charaktere zu eng sind, zeigen nicht zuletzt die Darstellerinnen mit ihrem nuancenreichen Spiel. Valérie Donzelli, Clotilde Hesme und Virginie Ledoyen sowie Miou-Miou, die junggebliebene Ikone des französischen Films, als Nona sind sowohl für sich genommen als auch im Zusammenspiel eine Wucht. Dazu kommen nicht minder originell und differenziert gezeichnete Männerfiguren, unter ihnen auch Barnaby Metschurat als sensibler Geburtshelfer und Rüdiger Vogler als besorgter Arzt und alter Freund der Familie. Plus Michel Vuillermoz als bis über beide Ohren verliebter André und der von Antoine Reinartz gespielte Wissenschaftler, den George einstellt, um die rätselhafte Schwangerschaft ihrer Mutter zu untersuchen.

Sie alle bevölkern eine Story, die schlicht mitreißt, obwohl sie so unwahrscheinlich-fantastisch ist. Denn Valérie Donzelli ist eine begnadete (filmische) Erzählerin mit einem großen Arsenal an Ausdrucksmöglichkeiten. Die Serie sprüht nur so vor absurdem Humor, Selbstironie sowie albernen, intelligenten und ungewöhnlichen Einfällen. Außerdem behält Donzelli bei aller Abgefahrenheit der Handlung die psychologische Integrität der Figuren im Auge und erzählt mit Menschenkenntnis und -liebe. Darüber hinaus legt sie auch auf inszenatorischer Ebene ein traumwandlerisch sicheres Gespür, aber auch eine große Experimentierfreude an den Tag, die mühelos zwischen Screwball-Comedy, Groteske, Doku-Drama und einer Musical-Einlage wechselt. Zudem überzeugt die farbintensive Kamera von Irina Lubtchansky, die eine heimelig-nostalgische Familienatmosphäre schafft, aber auch für das erotisch aufgeladene erste Aufeinandertreffen zwischen Gaby und Markus mitreißende Bilder findet.

Eine unbefleckte Empfängnis?

Doch was hat es mit der Ausgangsidee des Films auf sich? Handelt es sich dabei um „eine Art unbefleckte Empfängnis“, „ein Wunder“, wie es bald im Viertel heißt? Denn natürlich macht das Geheimnis von Nonas Schwangerschaft schnell die Runde. Zumal der Bauch auch noch regelmäßig rot zu leuchten beginnt. Donzelli lässt das Rätsel in seltsamen physikalischen Experimenten und genetischen Verfahren untersuchen, die Wissenschaft aber an Grenzen stoßen. Geht es hier um Spiritualität? Sicher nicht im herkömmlichen, religiösen Sinne. Vielmehr nutzt die Filmemacherin das unerklärliche Ereignis als Moment, um die – im weitesten Sinne verstandene – Familie zusammenkommen zu lassen. Nonas Schwangerschaft fungiert dabei wie ein Brennglas, das die Lebensentwürfe und -lügen, aber auch die Verbundenheit ihrer Töchter untereinander kenntlich macht. Und schlussendlich geht es hier auch ums Abschiednehmen von der Kindheit: darum, den eigenen Platz im Leben zu finden.

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