Voir: Die Filmkunst in der Moderne

Dokumentarfilm | USA 2021 | (6 Folgen) Minuten

Regie: David Prior

Filmkritiker:innen umkreisen in sehr persönlichen Video-Essays die Magie des Kinos. Dabei geht es in den sechs ca. 20-minütigen Episoden der Doku-Serie vornehmlich, aber nicht nur um Themen und Motive des US-Kinos, von der Kunst des Gags bei Buster Keaton bis zu Steven Spielbergs „Der weiße Hai“. Ein inspirierendes Beispiel für eine Auseinandersetzung mit Film, Filmgeschichte und Filmkultur, das weit über die „nutzwertige“ Beurteilung von Filmen hinaus das Kino als Denkraum versteht. Die disparaten Stimmen, die die Serie versammelt, liefern keine erschöpfenden Interpretationen, aber wecken nachhaltig die Schaulust und regen zum Diskurs über Film an, der ihn erst zur lebendigen Kunstform macht. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
VOIR
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
David Prior · Keith Clark · Julie Ng · Taylor Ramos · Tony Zhou
Kamera
Martim Vian
Schnitt
Keith Clark · Julie Ng
Länge
(6 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Serie

In der sechsteiligen Serie umkreisen Filmkritiker in sehr persönlichen Video-Essays die Kraft des Kinos.

Diskussion

Es gehört zu einer der Eigentümlichkeiten der deutschen Filmkritik und Bloggerszene, dass sich der Video-Essay hierzulande niemals so richtig durchgesetzt hat. In den USA hingegen wird diese Form der Auseinandersetzung in cinephilen Kreisen sehr geschätzt und mit großer Leidenschaft betrieben. Dabei geht es nicht um die klassische Form der Filmkritik, sondern darum, mit visuellen Mitteln über das Medium Film nachzudenken.

Zu einiger Berühmtheit hat es der YouTube-Channel „Every Frame A Painting“ gebracht, der zwischen 2014 und 2016 von Taylor Ramos und Tony Zhou mit akademischer Akribie und lustvoller Freude am Kino bespielt wurde. Ihre Videos zur Kunst des Gags bei Buster Keaton, über das ästhetische Denken von Filmeditor:innen oder die Rolle der Stille bei Martin Scorsese sind komparatistisch-filmanalytische Meisterleistung. Diese Essays sind unglaublich dichte, ja verdichtete Seminare, die dem Kino als Kunstform jenseits der bloßen Unterhaltung huldigen. Film ist hier Denken in Bildern; sollte es einen Beweis für diese These bedürfen, haben Ramos und Zhou ihn in ihrer Arbeit eindrucksvoll erbracht.

Kino als Kunst denken

Nachdem bereits der Arthouse-Streamingdienst MUBI das Konzept von „Every Frame A Painting“ für das Notebook auf seiner Homepage übernommen hat und fantastisch-lehrreiche Videos produziert, greift nun auch Netflix diese Form auf. Ausgerechnet jener Streaming-Gigant, den nicht wenige für den Totengräber des Kinos halten, lässt in sechs etwa 20-minütigen, bisweilen sehr persönlichen Essays verschiedene Filmkritiker das Kino als Kunst feiern. Mit an Bord sind auchTaylor Ramos und Tony Zhou.

Zhou denkt in seinem Beitrag „The Ethics of Revenge“ über das Motiv der Rache im Film nach. Ausgehend von Park Chan-Wooks „Lady Vengeance“ (2005), indem eine Frau Jagd auf einen Serienkiller macht, um den Angehörigen der Opfer schließlich die Möglichkeit einer blutigen Vergeltung zu geben, schlüsselt Zhou die filmästhetischen Dimensionen dieser spezifischen Narrative auf.

Viele Aspekte können dabei nur angetippt werden, und bei einigen Filmen, die hier zu einem virtuos kommentierenden Bildertext zusammengeschnitten werden, könnte man die vereinfachende Lesart des Essays sicherlich diskutieren. Wie Zhou allerdings den moralischen Schraubstock freilegt, in den Park Chan-Wook die Zuschauer ohne Hemmungen einspannt, macht große Lust auf eine tiefergehende Auseinandersetzung mit diesem bösartigen koreanischen Film.

Die Lust auf das Kino wecken

Das ist ohnehin die große Leistung dieser sehr disparaten Stimmen: Sie machen Lust, regen zum Denken oder zum Widerspruch an und sind genau das, was das Kino gegenwärtig so dringend benötigt – ein leidenschaftlicher Diskurs. Denn nur im Nachdenken, im Sprechen und Schreiben über ihn wird der Film zu einer lebendigen Kunstform.

Wenn der Filmkritiker Walter Chaw den subversiven Umgang mit Rassismus in Walter Hills „Nur 48 Stunden“ (1982) durch eine detaillierte Analyse aufzeigt oder Drew McWeeny anhand von „Lawrence von Arabien“ (1962) darüber sinniert, dass die herausforderndsten Filme oftmals keine sympathische Hauptfigur haben, möchte man die aufgemachten Denkräume sogleich filmisch durchschreiten. Diese Essays legen also neue Zugänge zu Filmen, die man womöglich aus den Augen verloren hat und die nun mit einem völlig neuen Blick erneut entdecken werden können.

Genau diese Form der Auseinandersetzung, die sich weitestgehend einer Bewertung der Filme entzieht, bräuchte es auch in Deutschland. Denn es ist durchaus auffällig, dass die ersten sechs Episoden fast ausschließlich US-amerikanisches Kino behandeln, was die immer noch gültige imperiale Übermacht von Hollywood deutlich werden lässt. Das kann man mit gutem Recht kritisieren. Dabei sollte jedoch keinesfalls das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werden. Vielmehr gilt es die Chance zu ergreifen, das gesamte Weltkino in weitere Reflexionen einzubeziehen.

Kritik an den Bildern

Man sollte sich auch deshalb mit allzu großer Kritik an der filmhistorischen Ausrichtung von „Voir“ zurückhalten, weil die Autor:innen sich ihrerseits mit einer kritischen Bestandsaufnahme der US-Filmkultur nicht zurückhalten. In dem der Form nach spannendsten Beitrag „Summer of the Shark“ von Sasha Stone geht es nur in gewisser Hinsicht um den Ur-Blockbuster „Der weiße Hai“ (1975) von Steven Spielberg. Der Essay handelt von den pubertären Erfahrungen von Sasha Stone und ihrer Schwester, von ersten Küssen und einem Coming-of-Age, das sich mit den Bildern des Kinos verbindet. Am Ende reichen wenige Bemerkungen, um die Nostalgie durch einen Gender-Aspekt zu brechen: Wieso dürfen Männer eigentlich Nerds und Genrefans bleiben, während dies bei Frauen immer noch unter Verdacht steht? Eine ziemlich gegenwärtige Frage, betrachtet man den Anteil von Frauen im Feld der Filmpodcasts.

Lediglich in der Episode über den Unterschied zwischen Fernsehen und Kino macht sich bemerkbar, auf welchen Servern die Serie liegt. Zwar leitet Taylor Ramos in „Film vs. Television“ den schwindenden Unterschied der beiden Formen zurecht aus der technisch-medialen Annäherung ab, da die modernen Fernsehgeräte überhaupt erst Kinobilder fürs Fernsehen ermöglicht haben. Doch sie vermeidet es, den Kinoraum mit seiner Dunkelheit und der spezifischen Seh-Disposition als immer noch gültige Errungenschaft und nicht zu ersetzende Kulturtechnik hervorzuheben. Stattdessen schließt sie mit einem sehr individuellen Lob der Freiheit: Am Ende ginge es nur um den Film und nicht darum, wo man ihn sehe. Das kann man auch anders sehen. Netflix aber dürfte da natürlich anderer Meinung sein.

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