Drama | Island/Schweden/Polen 2021 | 106 Minuten

Regie: Valdimar Jóhannsson

Auf einem entlegenen isländischen Bauernhof lebt ein voneinander entfremdetes Ehepaar, das Schafe züchtet. In die Trauer um den Verlust eines gemeinsamen Kindes mischt sich die Ankunft eines ganz besonderen Lamms. Sie bringen es in ihr Wohnhaus und ziehen es wie ein menschliches Wesen auf, während draußen das Mutterschaf nach seinem Kleinen sucht. Eine vielschichtige Parabel, die für viele Lesarten offenbleibt. Biblische Szenen um menschliche Anmaßung gegenüber der Transzendenz vermengen sich mit Motiven isländischer Folklore zum visuell eindrucksvollen Drama. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
LAMB
Produktionsland
Island/Schweden/Polen
Produktionsjahr
2021
Regie
Valdimar Jóhannsson
Buch
Valdimar Jóhannsson · Sjón
Kamera
Eli Arenson
Musik
Þórarinn Guðnason
Schnitt
Agnieszka Glinska
Darsteller
Noomi Rapace (Maria) · Hilmir Snær Guðnason (Ingvar) · Björn Hlynur Haraldsson (Pétur) · Ingvar Sigurdsson (Mann im Fernsehen)
Länge
106 Minuten
Kinostart
06.01.2022
Fsk
ab 16; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Horror | Mystery

Visuell eindrucksvolles Drama über die Ankunft eines übernatürlichen Wesens auf einem entlegenen Bauernhof, das sich zu einer vielschichtigen Parabel entwickelt.

Diskussion

Etwas Fremdes und Geheimnisvolles bahnt sich den Weg durch einen Schneesturm. Man hört es schwerfällig atmen und stapfen. Eine Herde zotteliger Islandpferde weicht zur Seite, ohne Panik, jedoch mit deutlichem Respekt. Die Glocken läuten in Reykjavik, es ist Heiligabend. Am hell erleuchteten Stallfenster blickt ein weißes Schaf erwartungsvoll in den Nachthimmel. Plötzlich herrscht Unruhe unter den Tieren; die Tür hat sich für etwas Übernatürliches geöffnet, das nun sein Ziel gefunden hat.

Im Wohnhaus nebenan blickt auch Maria (Noomi Rapace) durch die Fensterscheibe in das Schneegestöber, als würde sie von der Ankunft ahnen, die sich gerade im Stroh ereignet hat. Einige Zeit später sieht man sie auf dem Traktor das karge Feld bestellen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Ingvar (Hilmir Snaer Guðnason) lebt sie fernab der Stadt auf einem entlegenen Hof, mitten in der gewaltigen Schönheit der isländischen Natur. Schneebedeckte Gletscher, tiefe Seen und karges Weideland strahlen eine majestätische Ruhe aus. Zwischen Maria und Ingvar aber herrscht ein unnatürliches Schweigen.

In den karierten Wollhemden und Strickpullovern, die beide tragen, wirken sie beinahe geschlechtslos. Abgesehen von einem tröstlichen Schulterklopfen gibt es kaum Berührungen zwischen ihnen. Jeder verrichtet gleichförmig sein Tagewerk, abwechselnd mit dem anderen. Doch dann kündigt sich der Frühling an, als die trächtigen Schafe ihre Niederkunft vorbereiten. Maria und Ingvar arbeiten nun zusammen, bringen die kleinen Lämmer mit zur Welt. Als ihr treuer Schäferhund plötzlich zu knurren beginnt, ereignet sich ein seltsames Wunder: Das Wesen, das Maria aus dem Körper des Tieres zieht, ist offenbar die Frucht des Übernatürlichen. Fassungslos starrt das Ehepaar auf das Neugeborene, das Maria schließlich in eine Decke hüllt und in ihr Schlafzimmer bringt.

Uns ist ein Lamm geboren

Ohne viele Worte zu verlieren, bringt Ingvar nach ein paar Tagen ein Gitterbett vom Dachboden, das Bände spricht. Die erdrückende Schwere zwischen den beiden geht offensichtlich auf die unverarbeitete Trauer eines gemeinsamen Verlusts zurück. Vor allem Maria scheint in der Gegenwart des kleinen Bündels aufzublühen. Ihr Blick ruht unablässig auf dem Neugeborenen und ein tiefes Lächeln der Zufriedenheit beginnt sich auf ihrem Gesicht abzuzeichnen. Ingvar, der zuerst noch außen vor bleibt, fügt sich in seine neue Vaterrolle. Das lange leerstehende Kinderzimmer im Haus wird wiederbelebt.

Doch etwas stört die familiäre Idylle. Immer wieder reißt ein lautes Blöken das Paar aus dem Schlaf und lässt das kleine Wesen aufhorchen. Seine wahre Mutter beklagt am Fenstersims unablässig den Raub ihres Kindes. Kalte Wut steigt in Maria hoch. Schließlich nimmt sie entschlossen das Gewehr zur Hand und setzt dem Leben des Muttertiers ein Ende. Doch ihre Tat wird von jemandem beobachtet und nicht ohne Folgen bleiben.

Valdemar Jóhannsson hat an der Filmhochschule von Béla Tarr in Sarajevo Regie studiert; Tarr hat Jóhannssons Debütfilm auch mitproduziert. Der Einfluss der „Slow Cinema“-Bewegung, zu der Tarr gezählt wird, ist deutlich spürbar. Die Bedeutung der Zeit und ihre meditative Ausdehnung im filmischen Raum eröffnen Fragen der Transzendenz. „Lamb“ erinnert darin thematisch an Werke von Carlos Reygadas, insbesondere „Post Tenebras Lux“. Allerdings reicht „Lamb“ weder künstlerisch noch atmosphärisch ganz an die Meister des „Slow Cinemas“ heran. Dazu sind die Einstellungen zu glatt und stilisiert; die inneren Prozesse der Figuren teilen sich selten über die reine Ebene der Bildgestaltung mit. Der Einbruch des Übernatürlichen kippt daher ungewollt vom Unheimlichen ins Absurde.

Parabel über menschliche Anmaßung

Das zeigt sich vor allem an dem schnell heranwachsenden Kind, das sich als ein Hybridwesen aus Mensch und Tier entpuppt. Mit einem Schafskopf, der in einem Anorak steckt, wirkt es weniger bedrohlich als unfreiwillig komisch. Jóhansson legt den Fokus stärker auf die Dynamik des Ehepaares und seine wiedergefundene Leidenschaft füreinander, als auf die Herkunft des Kindes, das den Namen der verstorbenen Tochter verliehen bekommt. Dennoch ist „Lamb“ kein Beziehungsdrama, sondern eine Art transzendente Parabel, die sich vielfältiger Motive bedient.

Vor allem biblische Szenen über Undank, Gier und Vergeltung werden wachgerufen. Diese vermischen sich jedoch mit isländischer Folklore. Hier wird der Einfluss des Poeten Sigurjón Birgir Sigurðsson spürbar, mit dem Jóhannsson das Drehbuch verfasst hat. Der unter dem Künstlernamen „Sjón“ bekannte Dichter ist vor allem durch seine Zusammenarbeit mit der Sängerin Björk bekannt geworden, doch auch seine surrealistischen Romane haben größere Beachtung gefunden.

Durch seine vielfältigen Einflüsse und Kollaborationen wird „Lamb“ für zahlreiche Lesarten anschlussfähig. Im Zentrum steht der Umgang mit Tod, Trauer und Mutterschaft, durch die transzendenten Elemente stellen sich aber auch Fragen nach dem Verhältnis von Mensch und Natur neu. Immer wieder nennt Maria das übernatürliche Wesen ein Geschenk. Doch in der Logik der Gabe wird ihre gewaltsame Aneignung des fremden Kindes ein Sündenfall, der auch nach dem Umgang mit der tierischen Welt fragt.

Die schönsten Momente in „Lamb“ sind daher bezeichnender Weise nicht die zwischenmenschlichen, sondern die langen Einstellungen auf Hunde, Katzen und Schafe. Der Kameramann Eli Arenson gibt ihnen immer wieder Raum, ihr Wesen zu entfalten, anstatt nur Staffage für die Dramen ihrer Besitzer zu sein.

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