Anatomie eines Skandals

Drama | USA/Großbritannien 2022 | 268 (sechs Episoden) Minuten

Regie: S.J. Clarkson

Der konservative britische Innenminister mit bisher tadellosem Lebenslauf wird öffentlich mit dem Vorwurf konfrontiert, seine deutlich jüngere Assistentin und Geliebte vergewaltigt zu haben. Der Politiker bestreitet vehement, und sowohl seine Ehefrau als auch seine Anwältin sind zunächst von seiner Version der Dinge überzeugt – bis in Gestalt einer besonders engagierten Staatsanwältin eine ihm in vielerlei Hinsicht verbundene, intellektuell ebenbürtige Figur auf den Plan tritt, die seine Darstellung anficht. Die Serie entwickelt sich bald zum inszenatorisch recht stereotypen Justizdrama, gerät gar über Strecken nahezu zum Hörstück. Inhaltlich entwickelt die Serie durchaus interessant die Möglichkeit und Motivation der verhandelten mutmaßlichen Vergewaltigung aus dem Selbstgefühl der Bevorrechtigung spezifisch britischer tonangebender Kreise, einem Klassismus des Standes und der Mittel- und Bildungsprivilegien. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
ANATOMY OF A SCANDAL
Produktionsland
USA/Großbritannien
Produktionsjahr
2022
Regie
S.J. Clarkson
Buch
Melissa James Gibson · David E. Kelley
Kamera
Balazs Bolygo
Musik
Johan Söderqvist
Schnitt
Liana Del Giudice · Mary Finlay
Darsteller
Rupert Friend (James Whitehouse) · Sienna Miller (Sophie Whitehouse) · Michelle Dockery (Kate Woodcroft) · Ben Radcliffe (Junger James) · Josette Simon (Angela Regan)
Länge
268 (sechs Episoden) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Gerichtsfilm | Serie | Thriller

Politthriller-Serie um einen Skandal in der britischen Oberschicht: Ein Minister lebt mit seiner Familie sorglos dahin, als ihn plötzlich ein skandalöses Geheimnis wieder einholt. Eine engagierte Staatsanwältin treibt ihn in die Enge.

Diskussion

Der weiße Ritter ist vom Pferd gestürzt und trägt nun seinen Kopf unterm Arm. Den ungleichen Kampf gegen eine dunkle Zauberin hat er jedoch nicht aufgegeben. Die Kameraden aus dem modernen Camelot halten sich bedeckt im Hintergrund und lassen ihn diesen letzten Strauß allein ausfechten. Nur in seiner Burg kann der vor allem Volk in Ungnade Gefallene noch auf Getreue hoffen. In „Anatomie eines Skandals“, entwickelt von Showrunner David E. Kelley, mangelt es nicht an Verweisen auf eine Welt spezifisch britischer Kultur und Ritterlichkeit – und auf die Gefahr ihrer Pervertierung.

Ein Vergewaltigungsvorwurf droht eine Muster-Karriere zu Kippen

James Whitehouse (Rupert Friend), der – selbstredend – konservative Abgeordnete und Innenminister mit dem sprechenden Namen, dem tadellosen Musterlebenslauf und der Musterfigur, kommt eines Tages nach Hause zu seiner schönen, sorg- und ahnungslosen Ehefrau Sophie (Sienna Miller) und seinen ebensolchen Kindern, um auf dem heimischen Sofa preiszugeben: „Etwas ist aufgetaucht.“ Dieses Etwas ist der handfeste Vorwurf, seine deutlich jüngere Assistentin (Naomi Scott) vergewaltigt zu haben, ausgerechnet im Lift des House of Commons. Ein Schock, aber James weist alle Anschuldigungen vehement von sich.

Man berät das Tunliche im inneren Zirkel: Tom Southern (Geoffrey Streatfeild), der Ministerpräsident, der mit Sophie und James seit Studienzeiten in Oxford engstens vertraut ist, spricht ihm gegen den Rat des ölig-windigen Pressesprechers der Partei (Joshua McGuire) öffentlich das Vertrauen aus, leitet intern aber bereits die gesichtswahrende Distanzierung vom Skandalisierten ein. Seine Frau steht in Treue fest zu ihm, glaubt sie ihn doch lange und gut genug zu kennen. Mit der professionellen Beredsamkeit des geborenen Politikers gelingt es James zunächst, sowohl sie als auch seine realistische, weltkluge Anwältin (Josette Simon) von seiner Version der Dinge zu überzeugen – bis in Gestalt der besonders engagierten Staatsanwältin Kate Woodcroft (Michelle Dockery) eine ihm in vielerlei Hinsicht verbundene, intellektuell ebenbürtige Figur auf den Plan tritt…

Ein stereotypes Court-Room-Drama

Gute zwei Drittel der gesamten Erzählzeit von rund sechs Stunden dieser sechsteiligen Miniserie werden nun von langwierigen Ermittlungen und Verhandlungen vor Gericht ausgefüllt; es werden Zeug:innen gehört und demontiert, Geschworene bearbeitet, Plädoyers und Gegenplädoyers („yes or no“) gehalten. Die Serie wandelt sich zum stereotypen Justizdrama, gerät gar über Strecken nahezu zum reinen Hörstück.

Man bekommt bestätigt: Politik und Justiz folgen heute den Regeln einer guten Inszenierung, sind im Grunde Theater; die geifernden Presseleute, als die wahren Volksvertreter, geben das Publikum in der ersten Reihe. Und man begreift unmittelbar: In einer solchen Sache möchte niemand vor Gericht stehen, weder schuldig noch unschuldig, denn nach Maßgabe der Dinge bleibt danach wenig an Selbstachtung übrig – bei allen Beteiligten.

Im Bann alter Seilschaften

Man lernt aber auch allzu Bekanntes neu: In schleierhaft verzerrten, naturgemäß unzuverlässigen Erinnerungsrückblenden wird – geschickt jeweils anders beleuchtet und akzentuiert – die Vergangenheit von James, Sophie, Tom & Co. in Oxford enthüllt. Die Jungs waren alle einem männerbündlerischen Club angehörig, den „Libertines“, deren schnell ins Trunken-Gewalttätige ausartende Freigeisterei schon damals nur durch einen strengen Schweigekodex („Omertà“) vor Sanktionierung zu schützen war; die Mädels schienen das entweder ziemlich sexy zu finden (Sophie), oder sie wandten sich kritisch-skeptisch dem Bücherstudium zu…

Die „Anatomie eines Skandals“ entwickelt also die Möglichkeit und Motivation der verhandelten mutmaßlichen Vergewaltigung aus dem Selbstgefühl universaler Bevorrechtigung bestimmter tonangebender Kreise, einem Klassismus des Standes und der selbstverständlichen Mittel- und Bildungsprivilegien. Sollte dies ein spezifisch britisches System der Herrschaft und Unterdrückung aus kolonialistisch-patriarchalen Zeiten darstellen? Wird die Integrationsverheißung der modernen offenen Gesellschaft zuschanden an den ungeschriebenen Gesetzen der Happy Few?

Eine Parodie des britischen Gerichtswesens

In ihrem Furor, die moralische Monstrosität möglichst minutiös zu schildern, gibt die Serie jedoch eher eine Parodie des britischen Gerichtswesens ab (die Unschuldsvermutung scheint inexistent zu sein), und ein zentrales gesellschaftliches Anliegen (die Freiheit der und des Einzelnen von sexualisierter Gewalt) wird nicht einer genauen „Anatomie“ unterzogen, sondern punktuell dem Tribunal einer modernen Hexenjagd unterbreitet: „Er sieht wie ein Vergewaltiger aus“, meint die junge schwarze Mitarbeiterin der Staatsanwältin einmal. Wo kämen wir da hin! Und mit ihrem märchenhaft-unglaubwürdigen finalen Paukenschlag (der noch dazu dramaturgisch nicht überraschend genug ausgeführt wird) verlässt die Serie ultimativ den Bereich dessen, was in den Hallen des Old Bailey unbefangen verhandelbar ist, und gibt sich einer persönlich grundierten (weiblichen) Ermächtigungs- und Rachefantasie hin.

Das viele theoretische Hin und Her ist naturgemäß darstellerisch undankbar, und das ist darüber hinaus etwas ärgerlich an dieser Serie: Rupert Friend, der andernorts, etwa in der Serie „Homeland“, enormes Talent für die schwierige, komplexe Rolle des unwillentlich schuldig Gewordenen bewiesen hat, gibt hier allzu sehr den Pappkameraden mit schmachtenden Dackelaugen. Dockerys Rolle, aber auch ihre Darstellung bleibt fragwürdig und kann nicht gänzlich überzeugen. Einzig Sienna Miller liefert ein vielschichtig interpretiertes, feinfühliges Porträt der betrogenen Frau, die endlich und als Einzige wirklich hinzulernt – spät und um einen sehr hohen Preis! Aber auch ihren Rückzug in die Idylle lässt die Serie wie eine erpresste Versöhnung mit Verhältnissen erscheinen, die noch lange nicht überwunden sind – der Ritter liegt am Boden, der Kopf ist ab, die „Anatomie“ hat viel faules Blut fließen lassen: kein schöner Anblick.

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