Biopic | USA 2022 | Minuten

Regie: Michael Showalter

Eine Dramaserie über Aufstieg und Fall der US-Firma Theranos und ihrer Gründerin Elizabeth Holmes: In den frühen 2000-Jahren bricht die ehrgeizige angehende Jungunternehmerin ihr Studium an der Universität Stanford ab, um mit ihrer Firma Theranos im Alter von nur 19 Jahren ein Gerät zu entwickeln, das Blutuntersuchungen günstiger und weniger belastend machen soll. Gefeiert als weibliche Silicon-Valley-Ikone und unternehmerisches Genie, gelingt es Holmes, zahlreiche Investoren anzulocken; doch Theranos‘ „Edison“-Bluttester hält nicht, was Holmes versprochen hat, und das Startup-Wunder gerät zum großen Scam, der schließlich durch einen entlarvenden Zeitungsartikel und die Untersuchung einer US-Behörde auffliegt. In acht Episoden entwirft die Serie ein detailliertes Psychogramm, wobei sie zunächst stark auf Holmes fokussiert, den Blickwinkel aber nach der dritten Episode deutlich auf andere in den Betrugsfall verstrickte bzw, auf davon betroffene Charaktere weitet. Eine auch dank hervorragender Darsteller fesselnde Aufarbeitung des realen Falls. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE DROPOUT
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2022
Regie
Michael Showalter · Francesca Gregorini · Erica Watson
Buch
Elizabeth Meriwether · Yu Wei-Ning · Hilary Bettis · Liz Hannah · Liz Heldens
Kamera
Michelle Lawler · Jonathan Furmanski · Blake McClure
Musik
Anne Nikitin
Schnitt
Susana Benaim · David Berman
Darsteller
Amanda Seyfried (Elizabeth Holmes) · Michaela Watkins (Linda Tanner) · Naveen Andrews (Sunny Balwani) · Anne Archer (Charlotte Shultz) · William H. Macy (Richard Fuisz)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Biopic | Drama | Serie

Eine Dramaserie über Aufstieg und Fall der US-Firma Theranos und ihrer Gründerin Elizabeth Holmes.

Diskussion

Wie könne es sein, dass so viele Leute so lange Zeit auf Elizabeth Holmes hereingefallen sind, fragt Professor Phyllis Gardner, nüchtern-spröde gespielt von Laurie Metcalf, in einer der letzten Folgen von Elizabeth Meriwethers Serie. Und stellt damit die Frage, die sich im Nachhinein alle gestellt haben dürften, die ab Spätjahr 2015/2016 den spektakulären Niedergang von Holmes und ihrem Unternehmen Theranos verfolgten, der durch einen entlarvenden Artikel des „Wall Street Journals“ und eine Untersuchung der Aufsichtsbehörde CMS (Centre for Medicare & Medicaid Serices) eingeleitet wurde. Nicht nur in den USA schlug der Fall hohe Wellen – was nicht ausbleiben konnte, nachdem Theranos in den Jahren zuvor als Startup-Wunder und Elizabeth Holmes als weiblicher Steve Jobs gehypt worden waren.

Die Antwort, die Showrunnerin Elizabeth Meriwether findet, ist, dass viel zu viele Leute aus unterschiedlichen Gründen so unbedingt an Elizabeth Holmes glauben wollten, dass sie sich zu Komplizen ihres Betrugs machten: Die Story der jungen Frau, die den Jungs-Olymp der Tech-Genies um Steve Jobs, Mark Zuckerberg, Elon Musk und Co. um ein eindrucksvolles weibliches Gesicht ergänzt, war so gut und zeitgeistig, dass sie einfach wahr sein musste.  Die aus acht Folgen bestehende Miniserie „The Dropout“, die den Aufstieg und Fall von Theranos nachzeichnet, erzählt denn auch nur am Anfang von Holmes als Erfinderin, die ein revolutionäres neues Produkt entwickeln und auf den Markt bringen will. Vor allem geht es darum, wie Elizabeth Holmes sich selbst als feministische Silicon-Valley-Ikone erfindet und so erfolgreich verkauft, dass ihr Vermögen am Zenit ihres Erfolgs auf 4,5 Milliarden US-Dollar geschätzt wird. Bis die Leute dann schließlich doch merken, dass die Kaiserin – schwarzer Steve-Jobs-Rollkragenpulli hin oder her – gar keine Kleider anhat.

Eine zündende Idee und eine große Lügen-Blase

Mit Theranos stellte Holmes, eine Studienabbrecherin der Stanford-Universität, 2003 im blutjungen Alter von gerade mal 19 Jahren ein Startup auf die Beine, das mit dem Anspruch auftrat, Bluttests zu revolutionieren und sie günstiger und weniger belastend für die Patienten zu machen, und zwar mittels eines Hightech-Schnelltesters, der angeblich mit einer minimalen Menge Blut ein breites Spektrum an Krankheiten diagnostizieren können sollte. Was sich als Betrug entpuppte: Obwohl es Holmes gelang, massenweise Investoren-Gelder für ihr Laborunternehmen aufzutun, konnte Theranos nie ein Gerät entwickeln, das hielt, was Holmes vollmundig versprach; die Testergebnisse, die die Firma nach Markteinführung in den 2010er-Jahren lieferte, entpuppten sich als höchst unzuverlässig. 2018 wurde die Firma schließlich aufgelöst; Holmes wurde wegen Betrugs angeklagt und im Januar 2022 schuldig gesprochen; das Strafmaß steht zum Start der Serie noch aus.

Die Fakten dieses Falls sind dank extensiver medialer Berichterstattung bekannt und bereits in Dokumentationen wie dem Film „Die Erfinderin – Böses Blut im Silicon Valley“ (2019) oder der Podcast-Reihe „The Dropout“ dargelegt, auf die sich Meriwethers Serie direkt bezieht. Was den Reiz der Serie ausmacht, ist vor allem ihr Charakter als Psychogramm. Wobei die acht Folgen emotional in zwei Hälften geteilt sind: Während die ersten drei Folgen recht konsequent auf der Seite von Elizabeth Holmes, preiswürdig verkörpert von Amanda Seyfried, und ihren engsten Mitarbeitern bleiben und die Zuschauer in der Startup-Phase noch um den Durchbruch für Holmes’ Geschäftsidee mitfiebern lassen, wechselt die Serie in den (stärkeren) weiteren fünf Folgen mehr auf die Seite derjenigen, die von ihr und ihren Geschäfts- und Lebenspartner Sunny Balwani (Naveen Andrews) betrogen oder in der Endphase massiv unter Druck gesetzt werden.

„Ich will Menschen helfen – und Milliardärin werden“

„Ich will Menschen helfen – und Milliardärin werden“, hört man Holmes in der ersten Folge als Schulabsolventin, die sich anschickt, in Stanford Chemieingenieurwesen zu studieren, selbstbewusst verkünden. Geld und Erfolg spielen im Wertekanon der jungen Frau von Anfang an eine wichtige Rolle, die kurz zuvor miterleben muss, wie ihr Vater im Zug des Enron-Betrugsskandals seinen Job verliert und die Peinlichkeit auf sich nehmen muss, bei einem Freund der Familie (herrlich verschroben als späterer Holmes-Gegner Richard Fuisz: William H. Macy) um Geld zu bitten. Die ersten Folgen, die Holmes’ Studienzeit und die Anfänge von Theranos bis zum öffentlichen Durchbruch 2013 verfolgen, beleuchten (mitunter etwas allzu ausführlich), wie sich das „…und Milliardärin werden“ allmählich vom „Ich will Menschen helfen“ loslöst, als sich trotz der passionierten Forschungsarbeit ihres wissenschaftlichen Teams (u.a. besetzt mit Stephen Fry als leitender Biochemiker Ian Gibbons und tragischste Figur der Serie) kein Erfolg einstellt und Holmes anfängt, potenziellen Investoren und Geschäftspartnern Sand in die Augen zu streuen. Dabei beeindruckt Hauptdarstellerin Amanda Seyfried durch die Akribie, mit der sie die Genese der affektierten Medien-Persona Holmes mit ihrer spezifischen Sprechweise (die tiefe Stimme!) und Körpersprache nachzeichnet; vor allem aber gelingt es ihr auf frappierende Weise, Holmes als böhmisches Dorf auf zwei Beinen bloßzustellen und ihr trotzdem zugleich ein menschliches Profil zu geben. Von der Häme, mit der Holmes nach ihrem Fall teilweise in den Medien überschüttet wurde, ist diese Darstellung meilenweit entfernt: Die Elizabeth Holmes, die Seyfried entwirft, setzt sich selbst mit ihren Erwartungen dermaßen unter Druck, dass das Zugeben eines Scheiterns irgendwann schlicht keine Option mehr ist, sodass sie mit der Erfolgsgeschichte, die sie schließlich statt eines Erfolgsprodukts erfindet, nicht zuletzt auch sich selbst belügt. „Tu es oder tu es nicht. Es gibt kein Versuchen“ – das Meister-Yoda-Zitat, mit dem Holmes die Wand im Theranos-Foyer ziert, wird in der Serie zum Menetekel einer Geschäftsstrategie, bei der jedes wissenschaftliche Ethos auf der Strecke bleibt.

Alte weiße Männer

Mit der brillanten Folge 4 („Alte weiße Männer“) fängt die Serie dann zunehmend an, den Fokus zu weiten und Figuren mehr Raum zu geben, die von Holmes betrogen werden. Das sind zunächst die „alten weißen Männer“ aus der Führungsriege der Drogeriekette Walgreens, die sich 2015 zu einer kostspieligen Partnerschaft mit Theranos hinreißen ließ – vor allem Schauspieler Alan Ruck liefert einen starken Auftritt als in die Jahre gekommener Executive eines Traditions-Unternehmens, der etwas allzu krampfhaft-berufsjugendlich den Anschluss an die neue Silicon-Valley-Ära sucht und in der Verschwisterung mit dem hippen Wunderkind Holmes zu finden meint. Oder der hochbetagte vormalige US-Außenminister George Shultz (Sam Waterston), der sich von Holmes’ vorgeblichem Idealismus, mit ihrem „Edison“-Bluttester die medizinische Vorsorge für alle Amerikaner auf ein neues Level heben zu wollen, in den Vorstand von Theranos locken lässt. Oder Ian Gibbons, der Holmes viel zu lange treu ergeben bleibt, schon weil er finanziell auf seinen Job bei Theranos angewiesen ist, irgendwann aber unter dem Druck der lügnerischen Umtriebe zerbricht und eine Ehefrau zurücklässt, die nichts lieber hätte, als den Konzern fallen zu sehen.

Dies in die Wege zu leiten, obliegt dann nicht nur ihr, Phyllis Gardner, Richard Fuisz und dem von ihnen auf den Fall aufmerksam gemachten Journalisten John Carreyrou vom „Wall Street Journal“, sondern auch zwei Youngstern, Shultz’ Enkel Tyler (Dylan Minnette) und der Jobanfängerin Erika Cheung (Camryn Mi-young Kim), die zunächst voller Enthusiasmus als Nachwuchskräfte bei Theranos und der Vorbild-Figur Holmes anfangen, dann ihren Augen kaum trauen, als sie allmählich beginnen, hinter die Fassaden der Geschäftspraktiken zu sehen, und zu wichtigen Whistleblowern werden – wobei sich die Serie gegen Ende hin zu einem regelrechten Politthriller verdichtet, da Theranos zu diesem Zeitpunkt auf dem Zenit seines Einflusses ist und allen potenziellen „Verleumdern“ ein juristischer Tsunami blüht, wenn sie es wagen, sich öffentlich gegen die Firma zu wenden.

Mit acht jeweils rund 50-minütigen Folgen ist die Aufarbeitung der Causa Holmes zwar etwas extensiv geraten und hätte die eine oder andere Raffung vertragen. Dank des fesselnden Spiels von Amanda Seyfried und den durchweg exzellenten Nebendarstellern entfaltet die Serie aber trotzdem eine beträchtliche Sogwirkung. Neben anderen aktuellen, auf Tatsachen beruhenden Miniserien über Konzern-Betrügereien, egomanische Tech- und Business-Gurus und ihre destruktiven Geschäftspraktiken – wie „Dopesick“ über die Rolle des Pharmakonzerns Purdue in der Opioid-Krise, „WeCrashed“ über den Aufstieg und Fall von WeWork oder die erste Staffel „Super Pumped“ über Uber – beeindruckt „The Dropout“ vor allem durch den Verzicht darauf, das Absurde dieser wahren Geschichte um Falschheit und Gier karikierend in den Vordergrund zu stellen und sich stattdessen akribisch auf die Psychologie des Betrugs, sowohl der Betrügerin als auch der Betrogenen, einzulassen.

 

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