Dokumentarfilm | USA 2022 | 99 Minuten

Regie: Daniel Roher

Der Dokumentarfilm rekonstruiert mit dynamisch-investigativem Gestus die Verfolgung des russischen Oppositionspolitikers Alexei Nawalny durch den Geheimdienst FSB, insbesondere die Zeit ab seiner Vergiftung im Sommer 2020 bis zu seiner Verhaftung im Januar 2021. Nawalnys Nachforschungen und die öffentliche Überführung seiner Verfolger nehmen sich wie ein spannungsgeladener Thriller aus, wobei die Einblicke in die Recherchen seiner Mitarbeiter fast noch aufschlussreicher sind, in denen der Staatsterrorismus unter Putin demaskiert wird. Der Überfall auf die Ukraine verwundert vor diesem Hintergrund nicht mehr. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
NAVALNY
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2022
Regie
Daniel Roher
Buch
Daniel Roher
Kamera
Niki Waltl
Musik
Marius de Vries · Matt Robertson
Schnitt
Langdon Page · Maya Hawke
Länge
99 Minuten
Kinostart
05.05.2022
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Dokumentarisches Porträt

Doku über den russischen Oppositionspolitiker von seiner Vergiftung im Sommer 2020 bis zu seiner Verhaftung im Januar 2021.

Diskussion

„Nowitschok“ heißt ein biologischer Kampfstoff, der die Nervenfunktionen lahmlegt, der in den 1970er-Jahren in der Sowjetunion entwickelt wurde, um die Chemiewaffen-Konvention zu umgehen und dennoch tödliche Mittel gegen unerwünschte Personen in der Hand zu haben. In Putins Russland wurde das Gift angewendet: Im März 2018 hätte Doppelagent Sergei Skripal dran glauben sollen, im August 2020 Alexei Nawalny. Doch das Nervenkostüm des russischen Oppositionspolitikers erwies sich als stärker. Anstelle eines weiteren prominenten Opfers staatlich organisierter Morde, nach Anna Politkowskaja und Alexander Litwinenko (2006), Stanislaw Markelow, Anastassija Baburowa und Natalja Estemirowa (2009) und schließlich Boris Nemzow (2015), gibt es jetzt einen Überlebenden, der allemal zum Filmaktivisten und -helden taugt. Ein Mann mit Nerven aus Stahl.

Habt keine Angst!

Gleich zu Beginn des im dynamisch-investigativen HBO-Look formatierten Doku-Thriller „Nawalny“ von Daniel Roher macht der Politiker das klar, in flottem amerikanischem Englisch, frontal zur Kamera, dann von links, von rechts und wieder von vorne, wie in einem Instagram-, Twitter- oder TikTok-Post. Es hätte auch einen zweiten, anderen Film geben können, den, in dem Nawalny stirbt. Was er zu sagen gehabt hätte, im Angesicht des Todes? Darauf antwortet Nawalny nicht. Er will lieber den (Scherz!) „langweiligeren“ ersten Film, den des Überlebens, weiterdrehen. Doch die Botschaft, die er schon zu Beginn formuliert, diesmal auf Russisch, bleibt ein und dieselbe: Gebt nicht auf! Seid nicht inaktiv! Habt keine Angst! „Dass sie mich umbringen wollen, beweist nur unsere Stärke.“

Immer wieder soll in „Nawalny“ deutlich werden: Das Regime hat Angst vor ihm, nicht umgekehrt. Putin spricht vom „Berliner Patienten“, sein Pressesprecher Dmitri Peskow von „Verfolgungswahn“; die Hetzer vom Ersten Kanal spotten, kommen aber nicht umhin, ihn irgendwann doch beim Namen zu nennen. Nawalny macht sie nervös.

Diese teils bekannten Fernsehauftritte der KGB-Junta werden in „Nawalny“ konzentriert und wenig redundant montiert (Schnitt: Maya Hawke und Langdon Page). Oft folgt der Film der Perspektive des Protagonisten beim Blick auf den Laptop, inklusive Live-Kommentar, wenn die Herrschenden Unfassbares schwadronieren und mit Gummiknüppel und „awtosak“ hantieren, während sich Nawalnys Anhänger, auch diejenigen, die mit seiner nationalistischen Vergangenheit nichts am Hut haben, mutig dagegenstellen.

Ein Mann, ein Film gegen Putin

Nawalny überlebte 2020 den Giftanschlag auf seine blaue Unterhose (die zum Meme geworden ist) und schlägt mit zwei Jahrhundert-Aktionen des investigativen Kinos zurück. Von der einen, der abenteuerlichen Vergiftungsjagd und der sensationellen Entblößung ihres peinlichen Scheiterns, handelt „Nawalny“; der zweite, „Ein Schloss für Putin“ (2021; mit deutschen Untertiteln auf Youtube) ist längst Legende. Eine Vita als Botschaft: Ein Mann gegen die Korruption, gegen den Autoritarismus, gegen Putin. Und gegen die Angst.

Sein Nein zur Angst, seine Kampfbereitschaft, seine Popularität und vielleicht sogar sein Überleben wären undenkbar ohne den Gleichmut seiner Familie (allen voran den seiner Gattin Julia Nawalnaja), ohne die Entschlossenheit seiner Mitstreiter und der Anwältin sowie eines komplexen Zusammenspiels audiovisueller Medien, digitaler Tools und sozialer Netzwerke. Im Schwarzwald, wohin Nawalny sich nach der Behandlung im Berliner Krankenhaus Charité zurückzieht und mit seiner Frau darüber streitet, ob Ponys (seine Version) oder Esel (ihre) die cooleren Wesen sind, wird er per Macbook und iPhone zum Chefermittler in eigener Sache. Gemeinsam mit den investigativen Journalisten Christo Grozev von „Bellingcat“ und der Russin Maria Pewtschych von seiner Antikorruptions-Foundation macht er jene Keimzelle an FSB-Auftragsmördern ausfindig, die ihm seit 2017 auf den Fersen ist. Er ruft seine Jäger per Telefon an, wählt den „dümmsten“ unter ihnen aus und interviewt ihn ausführlich („Warum ist die Nawalny-Sache in Tomsk eigentlich so kläglich in die Hose gegangen?“). Er schneidet dessen Eingeständnisse mit und plant – in Absprache mit CNN, „Spiegel“ und „El Pais“ – auf die Sekunde genau die Veröffentlichung des Skandals über die medialen Kanäle. Ein Dissidenten-Blogger führt damit seine Killer vor, und mit ihnen die ruchlosen Methoden dessen, was er nun beim Namen nennt: den Staatsterrorismus Putins.

„Nawalny“ ist trotz des weitgehend bekannten Handlungsverlaufs ein spannungsgeladenes „Spy Movie“ der Extraklasse, das materialreiche „Making of“ quasi eines viel größeren Films, eines Reality-Dramas mit offenem Ende, kurz vor dem Showdown vielleicht. Er zeigt die Abgründe des repressiven Apparats in Russland auf und den Kampf dagegen. Besonders aufschlussreich sind dabei jene Einblicke des „Bellingcat“-Aktivisten Grozev in die eigene Ermittlungsarbeit, vom Datenhacker-Schwarzmarkt bis hin zu der medienanthropologischen Erkenntnis, dass Statements und Menschen nicht zu trauen ist, Daten aber schon. Flugstrecken, GPS-Spuren, Geolocations, Adressbücher, Klarnamen werden so lang analysiert, bis Grozev irgendwann dem Netzwerk auf die Spur kommt, die das Gift hinterlässt. Ein „Wespennest“, nennt er es, eine „einheimische Tötungsmaschine von industriellem Maßstab“. Ein paar Mal fällt einem da wirklich die Kinnlade herunter. „Wäre das ein Hollywoodfilm, würde man wohl ‚over the top‘ sagen.“

Die Spur des Giftes

„Gift hinterlässt immer Spuren“, heißt es auf dem Filmplakat von „Nawalny“, die im Januar 2022 in Sundance Premiere feierte, knapp einen Monat also, bevor der russische Staatsterrorismus seine verbrecherische Fratze auch international offenbarte, in einem Krieg gegen den souveränen Staat Ukraine und dessen Bevölkerung. Seit Wochen werden alle Konventionen über Bord geworfen, alle Spielregeln der Moral missachtet, die Diplomatie und das Wort verhöhnt, Niedertracht, Hass, Vergewaltigungen und Morde üblich; der Nationalchauvinismus ist damit vom salonfähigen Männlichkeits-Accessoire zur staatlich verordneten „Z“-Kultur geworden; inklusive der Gift- und Atomwaffengefahr.

Nawalny und Ukraine erachtet der russische Ein-Partei-Staat als „beseitigungswürdig“ – und findet für seine „Spezialoperationen“ massenweise Unterstützer. Kritik am Nationalismus ukrainischer Kampfverbände sind dabei ebenso angebracht wie an Nawalnys Vergangenheit (der Film thematisiert sie in eine knappe Episode über Nawalnys Beteiligung am „russki marsch“). Noch angebrachter aber ist die Kritik an jenem Machtkonglomerat, das seine vermeintliche Anti-Nationalismus-Keule im eigenen Marschtakt schwingt und dabei alle Unterschiede plattmacht, die es zwischen dem Antifaschismus des Zweiten Weltkriegs und dem „Antifaschismus“ des begonnenen Dritten gibt.

„Nawalny“ gibt Einblicke in die mörderische Skrupellosigkeit des alt-neuen Imperiums, indem der Film sich auf die Mittel und Operationen der angeblich notwendigen „Säuberungen“ konzentriert – die nun auf fatale Weise in der „Denazifizierungskampagne“, dem russisch-faschistischen Schlachtzug gegen die Ukraine, münden.

Der Tod von Ilja Nawalny

Eines der vielen Opfer dieses Krieges heißt Ilja Nawalny, er hat denselben Urgroßvater wie Alexei Nawalny. In Butscha fand man seine Leiche, sein Ausweis lag offen daneben. „Putins Henker (wie sonst soll man sie nennen? Doch nicht ‚russische Soldaten‘) haben einen völlig unschuldigen Menschen umgebracht, weil er denselben Namen trägt wie ich.“ Von diesem Zufall, der keiner ist, erzählt der Film nicht mehr, die Gegenwart hat ihn überholt. Was bleibt, als Zwischenstand, ist das ungläubige Kopfschütteln – auch dieses Films – angesichts der Evidenz der Niedertracht. Und Nawalnys Nervenstärke. Keine Angst also.

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